Rassismus in der Bezirksliga: "Neger", "Nigger", "Affe"

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Bei einem Bezirksligaspiel im Ruhrgebiet wird ein dunkelhäutiger Torwart rassistisch beleidigt und nach eigenen Angaben mit einer Flasche beworfen. Es kommt zum Spielabbruch. Der Verband reagiert - und sperrt den Torwart.

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Hamborn-Torwart Onukogu: Gerangel nach Flaschenwurf

Irgendwann hatte Ikenna Onukogu genug an diesem Tag Anfang März. Von den Pöbeleien, von den Schimpfworten "Neger", "Nigger", "Affe". Mindestens eine Halbzeit lang, so beschreiben es Augenzeugen, war der dunkelhäutige Torhüter des Bezirksligisten Hertha Hamborn im Spiel bei Dostlukspor Bottrop beleidigt worden. Dann reichte es ihm - und er warf eine Plastikflasche. Die Flasche, so erinnert sich der Keeper im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sei ihm zuvor mit der Aufforderung entgegengeschleudert worden, er solle sie sich "in den Arsch schieben". Er warf die Flasche also seinerseits, es kam zu einer Rudelbildung, zu einem Gerangel mit den Zuschauern. In der 88. Minute wurde das Spiel schließlich abgebrochen.

Seit Jahren macht der DFB Front gegen rassistische Pöbeleien. Und so sollte der Vorfall aus dem Bezirksligaspiel im Ruhrgebiet tatsächlich auch Konsequenzen haben. Doch es sind unerwartete Konsequenzen, die noch für viele Diskussionen sorgen dürften. Denn der Niederrheinische Fußballverband sperrt einstweilen: Ikenna Onukogu, das Opfer.

Hamborns Präsident Christian Birken ist nach den Vorfällen vom 3. März nun sauer, richtig sauer. Er weiß allerdings nicht, was ihn mehr ärgert: das vorläufige Urteil an sich - oder die Begründung ("Zur einstweiligen Sicherung des Sportverkehrs notwendig"). "Als ob Ikenna ein Schwerverbrecher wäre, vor dem man die Leute schützen müsste." Birken ist fassungslos. "Ikenna hat die ganze zweite Halbzeit über versucht, den Schiedsrichter zum Eingreifen zu bewegen. Aber der hat sich wohl nicht getraut." Warum? Birken möchte mit seiner Antwort nicht zitiert werden.

"Dann fliegt er hochkant aus unserem Verein"

Bis am 4. April ein endgültiges Urteil gefällt wird, wird Onukogu nun fünf oder sechs Pflichtspiele fehlen. Warum Hamborn keinen Einspruch eingelegt hat? "Ich habe beim Verband angerufen, dort hat man mir gesagt, wir könnten gerne Einspruch einlegen. Der sei aber kostenpflichtig und werde sowieso nichts ändern."

Der Fall hat im nördlichen Ruhrgebiet schon hohe Wellen geschlagen. Nuh Arslan, erster Vorsitzender von Dostlukspor Bottrop, bestreitet auf dem Portal "Auf'm Platz" vehement, dass es überhaupt zu rassistischen Äußerungen gekommen sei. Beleidigungen habe es wohl gegeben, nur keine rassistischen. "Als ich noch Spieler war, kam es auch vor, dass jemand 'Scheiß Türke' zu mir gesagt hat, und ich bin ruhig geblieben. Sollte es jemals vorkommen, dass ein Mitglied unseres Vereins jemanden rassistisch beleidigt, dann fliegt er hochkant aus unserem Verein."

Dass die Sitten in der Bezirksliga rauer sind, hat Arslan selbst erlebt. Im November habe er bei einem Spiel seiner Mannschaft als Linienrichter ausgeholfen. Ein Zuschauer, mit dem er ein Wortgefecht ausgetragen hatte, brach ihm das Nasenbein. Vorher hatte er Arslan angebrüllt, er solle "erst mal richtig Deutsch lernen".

Szene aus dem Bezirksligaspiel: "Das ist ja wohl lächerlich" Zur Großansicht
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Szene aus dem Bezirksligaspiel: "Das ist ja wohl lächerlich"

Beide Vereine - Hertha Hamborn wie Dostlukspor Bottrop - sind türkisch geprägt, auch bei Hertha heißen die Spieler Göncü oder Alkurt. Onukogu ist der einzige Spieler mit afrikanischen Wurzeln.

Und was sagt Onukogu dazu, dass der Bottropper Präsident die rassistischen Beschimpfungen vom 3. März bestreitet? "Das ist ja wohl lächerlich! Der soll mir mal sagen, warum ich sonst ausgerastet sein soll und warum so viele Leute auf dem Platz das auch gehört haben." Er spiele seit 17 Jahren Fußball, so Onukogu. "Mit Beleidigungen kann ich leben. Mir ist es egal, ob mich jemand Arschloch nennt. Aber wenn es um meine Hautfarbe geht, ist Schluss. Das hat mit Fußball nichts zu tun." Inzwischen hat Onukogu Strafanzeige gegen unbekannt erstattet.

"Diese Unverbesserlichen machen die gesamte Arbeit kaputt"

Bemerkenswert: Arslan selbst war - ebenso wie Hamborns Präsident Birken - am fraglichen Tag nicht am Ort des Spiels. Dass er die rassistischen Beleidigungen so vehement bestreitet, ist daher zumindest überraschend. Schließlich hatte sich unmittelbar nach der Partie sogar Bottrops Spielertrainer, Sebastian Stempel, laut "Reviersport" von den eigenen Anhängern distanziert: "Diese Unverbesserlichen machen die gesamte Arbeit kaputt."

Stempels Hamborner Kollege Rauf Alkurt sieht die Schuld hingegen beim Schiedsrichter. "Während der zweiten Halbzeit wurde er in einer Tour von diesen Leuten beschimpft. Wir haben den Schiedsrichter darauf hingewiesen, doch er hatte nicht die Courage, etwas dagegen zu unternehmen."

Hans-Günter Drießen, der Vorsitzende der für das Spiel zuständigen Bezirksspruchkammer drei, wollte den umstrittenen Vorfall auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. Er werde "einen Teufel tun" und sich "zu einem laufenden Verfahren äußern". Nur so viel: "Grundlage des Urteils ist der Spielberichtsbogen des Schiedsrichters. Dort waren keine rassistischen Äußerungen vermerkt."

Dass es auch anders geht, zeigt ein Fall aus dem Jahr 2008. Bei einem C-Jugendspiel zwischen Frisch Auf Wurzen und Fortuna Chemnitz skandierten jugendliche Zuschauer Nazi-Parolen und bedrohten einen vietnamesischstämmigen Chemnitzer Spieler. Schiedsrichterin Christine Weigelt dokumentierte die Vorfälle genau, der Verband leitete Maßnahmen ein. Weigelt wurde vom damaligen DFB-Sprecher Harald Stenger explizit gelobt.

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