Von Rainer Schäfer
HSV-Trainer Thorsten Fink war nach dem 1:1-Unentschieden seines Teams gegen Bayer Leverkusen hin- und hergerissen: Sollte er sich über den einen Punkt freuen, den der HSV erreicht hatte? Oder sollte er damit hadern, dass dem Club kein Befreiungsschlag im Abstiegskampf gelungen war?
"Natürlich wollten wir heute drei Punkte einfahren", sagte Fink, "gerade wenn man gegen Leverkusen in Führung geht. Aber es konnte auch niemand erwarten, dass wir jedes Spiel gewinnen." Fink und auch die meisten seiner Profis arrangierten sich schnell mit dem Ergebnis - auch wenn der HSV nicht richtig vom Fleck kommt. Abwehrchef Heiko Westermann gab zudem die Antwort, warum gegen die Leverkusener nicht mehr drin war: "Wir sind doch auch angeschlagen, das darf man nicht vergessen."
Der HSV und Bayer traten sich wie zwei angeschlagene und unberechenbare Boxer gegenüber: Die Hamburger stehen viel näher am Abgrund als erwartet und Bayer - vom Kader her eigentlich ein Spitzenteam - ruft einfach zu selten sein Potential ab. Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski, die als Interimstrainer Robin Dutt abgelöst hatten, sollen noch das Minimalziel erreichen: einen Startplatz für einen europäischen Wettbewerb. "Ein Trainerwechsel ist immer gefährlich für den nächsten Gegner", wusste auch Fink.
Mit Altstars gegen die Pleite
Schöner Fußball war nicht zu erwarten - und als Sinnbilder waren die Auftritte von Michael Ballack und David Jarolim zu sehen: Der Hamburger sollte vor der Viererkette den Abräumer spielen. Jarolim warf sich in jeden Ball und kämpfte, solange noch ein Funken Energie in ihm steckte. Bei Jarolim wurde Fußball zum Körperduell. Auf der anderen Seite setzte Bayer auf Michael Ballack, lange Zeit der respektierte Capitano, der sich in Hamburg jedoch auf Gesten und zu kurze Antritte verließ. Not und Zweckmäßigkeit bestimmten den Auftritt beider Teams in Hamburg, Erfahrung und Abgebrühtheit waren stärker gefragt als spielerischer Glanz.
Als Gonzalo Castro seinen Arm im Strafraum nicht vom Ball fernhalten konnte, verwandelte Mladen Petric den fälligen Strafstoß zur Führung und zum Pausenstand: Mit diesem Endergebnis wäre der HSV, seit sechs Heimspielen sieglos, einen Teil seiner Abstiegsangst losgeworden.
"Wir haben noch fünf Endspiele vor uns"
Doch Bayer kam wie verwandelt zurück auf den Rasen, mit schnellem Kombinationsfußball setzten die Leverkusener den HSV unter Druck. "Wir haben 20 Minuten lang auch spielerisch überzeugt, das war ein Riesenschritt nach vorne", sagte Sascha Lewandowski zu dieser Phase, in der André Schürrle den Ausgleichstreffer erzielte (56.).
Aber der HSV fand zurück ins Spiel und brachte immerhin das Unentschieden über die Zeit. Kaum einer dürfte darüber so erleichtert gewesen sein wie Frank Arnesen. "Ich bin zufrieden mit unserem Spiel und unserem Kampf", sagte der HSV-Sportchef. "Wir haben noch fünf Endspiele vor uns, das nächste in Hoffenheim."
Arnesen steckt derzeit wohl in der schwierigsten Phase seiner Karriere. Nach üppigen Jahren sollte der Däne den Club konsolidieren, mit einem Konzept der Verschlankung. Doch die Idee, auf jüngere und preiswertere Spieler zu setzen, und nur einige Altstars zu behalten, hat nicht funktioniert.
Am Mittwoch (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es nun zum nächsten Endspiel um den Klassenerhalt. Bei nur zwei Punkten Vorsprung auf Köln und den Relegationsplatz darf sich der HSV keinen Ausrutscher mehr erlauben. Das weiß auch Trainer Fink: "Wir haben fünf heiße Spiele vor uns und kämpfen, bis wir einen Punkt mehr haben als die anderen Mannschaften, die unten stehen."
Hamburger SV - Bayer Leverkusen 1:1 (1:0)
1:0 Petric (40., Handelfmeter)
1:1 Schürrle (55.)
Hamburg: Drobny - Bruma, Mancienne, Westermann, Aogo - Jarolim (77. Rincon), Tesche - Ilicevic (71. Töre), Jansen - Berg, Petric (88. Son)
Leverkusen: Leno - Castro, Manuel Friedrich, Toprak, Kadlec - Reinartz, Rolfes - Ballack (65. Barnetta) - Schürrle, Renato Augusto (78. Derdiyok) - Kießling (84. Bellarabi)
Schiedsrichter: Stark
Zuschauer: 54.141
Gelbe Karten: Aogo (5), Jarolim (7) - Manuel Friedrich (2), Rolfes
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