Abgesang auf den HSV Tschüss, Hamburg

Der HSV ist schon seit Jahren eine sportliche Enttäuschung, und trotzdem erschien der Abstieg des Vereins unmöglich. Jetzt verabschiedet sich der Klub aus der ersten Liga. Die Trauerarbeit beginnt - bei Fans und Feinden.

Spieler des Hamburger SV nach dem Abstieg
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Spieler des Hamburger SV nach dem Abstieg

Von Dirk Gieselmann


An der Universität von Queensland in Australien wird das langwierigste Experiment aller Zeiten abgehalten. 1929 hat dort Professor Thomas Parnell einen Pechklumpen in einen nach unten offenen Trichter gefüllt. Er wollte beweisen, dass dieser Stoff flüssig ist und irgendwann herabtropft, obwohl man ihn bei Raumtemperatur mit einem Hammer entzwei schlagen kann.

In den beinahe 90 Jahren, die dieser Versuch währt, ist der Beweis zwar erbracht worden. Doch gerade einmal acht Tropfen sind aus dem Trichter gefallen, mit wahnwitziger Zähigkeit. Pech ist, so wurde errechnet, 100 Milliarden Mal viskoser als Wasser. Einer der Professoren, die das Experiment überwacht haben, John Mainstone, starb im August 2013, ohne je das Pech, dem er sein Leben gewidmet hatte, herabtropfen zu sehen.

Flüssiges Pech

Auch die Viskosität des Hamburger Sportvereins, des Pechklumpens des deutschen Fußballs, ist in einem Dauerexperiment erforscht worden, dem vielleicht zweitlängsten aller Zeiten. Tropft dieser Verein durch den nach unten offenen Trichter, der Bundesliga genannt wird? Bislang war das in immerhin 55 Jahren noch kein einziges Mal geschehen. Man maß die verrinnende Zeit mit einer Uhr, die im Moment, da der erste Tropfen herabfallen würde, angehalten werden sollte. Die Uhr hängt im Stadion, als wäre es ein riesiges, öffentliches Labor. Trotz der zermürbenden Dauer des Experiments zog der Hamburger Pechklumpen, anders als sein australisches Pendant, Zehntausende Schaulustige an.

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War er flüssig oder war er fest? Die einen wetteten auf das Herabtropfen, die anderen dagegen. Manche beteten für, andere gegen den Verein. Um das Experiment herum entstand über die Jahre eine Sphäre der Geschäftemacherei, der Heils- und Untergangserwartung. Ein vorapokalyptischer Jahrmarkt voller Gaukler, Wahrsager, Quacksalber, Kraftkünstler, Dompteure und Freaks.

Die Rolle des an den Versuch gefesselten Professors nahm der greise Uwe Seeler ein. Mit dem Unterschied, dass er sich, anders als Parnell und Mainstone, nichts sehnlicher wünschte, als dass der Klumpen im Trichter bliebe. Für die Wahrscheinlichkeit, dass dies doch geschehe, die Viskosität des Vereins, wurde die Einheit UNS eingeführt. Sie ergab sich aus dem Tabellenplatz, multipliziert mit der Anzahl der Schlagzeilen pro Tag, die "Uwe Seeler: Sorgen um seinen HSV" lauteten.

Was der HSV tat, wirkte oft zufällig und unabsichtlich

Mit der Zeit stieg das UNS in für nicht möglich gehaltene Höhen. Der HSV war nun bald nur noch so viskose wie das Bier, das den Schaulustigen ausgeschenkt wurde. Und doch tropfte er nicht herab. Er wurde, schon im Fallen begriffen, in den nach unten offenen Trichter zurückgesogen. "Verhinderte Relegation" nannten die Forscher dieses Unterdruckphänomen. Dreimal in vier Jahren trat es auf. Zunächst wurde es als Wunder wahrgenommen, dann als dessen Wiederholung, schließlich nur noch als rituelle Parodie.

Schon einmal, so erinnerten sich die Veteranen der Pechwissenschaft, hatte sich etwas Ähnliches ereignet, 25 Jahre zuvor in Bochum. Auch hier tropfte ein Verein, obwohl alles darauf hindeutete, einfach nicht herab. Als "Die Unabsteigbaren" wurden die Bochumer jener Jahre bezeichnet. Dieser ehrenvolle Name suggerierte, dass sie gegen alle Naturgesetze einer Kraft widerstanden, die sie aus der Liga zu ziehen drohte. Der HSV hingegen hatte inzwischen viel von seinem einstigen Stolz und Behauptungswillen eingebüßt. Was er tat, auch wenn es kurzfristig erfolgreich war, wirkte oft zufällig und unabsichtlich. Es schien sogar möglich, dass er mitten in der Saison ganz plötzlich in die Zweite Liga fällt, aus Versehen oder vor Erschöpfung.

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Die acht Tropfen des Pechklumpens von Queensland sind allesamt gefallen, ohne dass ein Mensch es gesehen hätte, in der nächtlichen Stille des Labors. Würde auch der HSV irgendwann fallen, wenn niemand hinschaute, in einer Februarnacht, nach einem 0:8 in München, mit verneinter Gebärde? Dass er stattdessen abermals in die Liga zurück gesogen wurde, kam auch manchen, die ihn liebten, wie eine unnötige Verlängerung seines leidvollen Zustands vor.

Eine Kreatur, die längst ausgestorben sein müsste

Um die Hinfälligkeit zu beschreiben, in dem der Verein sich befand, wurde die Analogie des "Dinosauriers der Liga" umgedeutet. Er war kein stolzer Überlebender mehr, sondern nur noch eine Kreatur, die längst ausgestorben sein müsste. Man sah das Maskottchen des HSV, in der Gestalt eines solchen, nun immer öfter weinen. Es saß einsam inmitten des Rummels, als hätte die Erdgeschichte schlichtweg vergessen, es zu verschlucken. Der Dinosaurier wurde immer trauriger, der Einzige seiner Art.

Seine Erschöpfung war so allumfassend, dass nun gar nichts mehr geschah. Der HSV schien zu schlafen, sich tot zu stellen, als letzte Strategie. Er bewegte sich weder nach oben noch nach unten, noch blieb er, wo er war. "Nicht mal absteigen können sie", schrieb das Fußballmagazin "11 Freunde" nach einer einstweiligen, wiederum wie zufällig erscheinenden Rettung. Doch auch mit dem Gegenteil, dem Klassenerhalt, ließ sich das Erreichte nicht mehr hinlänglich beschreiben. Es war ein rätselhaftes Dazwischen, ein gespensterhaftes Dasein in einer eigenen Liga, der anderthalbten. Im Wartezimmer der Hölle, der Hölle selbst also.

Etwas Unabänderliches, über das es sich nicht mehr zu reden lohnt

Als nicht enden wollend empfanden viele Schaulustige bald diesen Schwebezustand, dem alles Artistische, Anmutige und Spektakuläre fehlte. Sie waren für die Katastrophe gekommen oder für ihre dauerhafte, endgültige Abwendung, nicht aber für die immer wiederkehrende Verschiebung des einen wie des anderen auf einen unbestimmten Tag. Manchen wurde schwach ums Herz, manchen einfach bloß langweilig. Sie nahmen die Verfassung des HSV nur mehr hin wie das Wetter. Als etwas Unabänderliches, über das es sich nicht mehr zu reden lohnt. Und was könnte es Schlimmeres geben für einen Verein, als nur noch hingenommen zu werden? Ob der Pechtropfen tatsächlich fallen würde oder nicht, erschien beinahe unerheblich. Die Theorie hatte die Flüssigkeit des Vereins längst bewiesen. Zur typischen Gefühlsäußerung der Schaulustigen wurde ein mattes "Ach".

Das vielleicht zweitlängste Experiment aller Zeiten hatte seinen Erkenntniswert bereits verloren, als es, nach Jahren des Wartens, nun doch endlich den Beweis erbrachte, den niemand mehr gebraucht hätte: Der Hamburger Sportverein ist kein fester Bestandteil der Bundesliga mehr. Er ist aus dem Trichter getropft, abgestiegen, zum ersten Mal seit 1963. Die Uhr im großen Labor wird nun stehen bleiben bei mehr als 54 Jahren. Eine schier unfassbare Zahl, die nun doch nichts mehr gilt.

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Und wie bei allem, das nicht enden wollte und es dann doch tat, mit leiser, fast schüchterner Plötzlichkeit, überkommt die Schaulustigen, selbst die, die auf das Ende gewettet hatten, eine seltsame Melancholie. Denn nicht nur der Tropfen ist herabgefallen, sondern mit ihm auch die Zeit, in der sie lebten. Der nach unten offene Trichter war selbst nichts anderes als eine riesige Uhr, eine Pechuhr. Sie misst die Zeit nicht in Jahren. Sie zeigt nur an, wann etwas unwiederbringlich vorbei ist. Nun ist es soweit. Das Letzte, was noch untergehen konnte, ist untergegangen. Mit dem Abstieg des HSV ist die Bundesliga selbst Geschichte. Etwas anderes wird an ihre Stelle treten, die Zukunft ist nun Gegenwart.

Selbst aus Belustigung wird Trauer

Mit einem Mal vergilben die Erinnerungen. Das UNS fällt in sich zusammen. Worum soll Uwe Seeler sich jetzt noch sorgen? Selbst aus Belustigung wird Trauer. Und nicht nur Bremer werden den geliebten Feind vermissen. Die Papierkugel wird im Museum liegen wie das Relikt einer längst vergangenen Schlacht und irgendwann nur noch eine Papierkugel sein. Weißt du noch, damals? Ach.

Noch eine Weile lang werden die Schaulustigen, wie sie es gewohnt sind, dorthin blicken, wo der HSV einst war, an das Ende des offenen Trichters. Aber er ist ja nicht mehr oben. Dort werden andere Tropfen hängen und bald fallen wie Wasser durch ein Sieb.

Dann geht es los, das große Vermissen. Auf Wiedersehen, HSV. Auf Wiedersehen, Erinnerung.



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Abel Frühstück 12.05.2018
1.
Gut. die Redaktion sitzt in Hamburg. Aber eine halbe Seite mit HSV-Artikeln und Nachrufen muss doch jetzt auch nicht sein. Köln ist heute auch abgestiegen. Dann gab es Demos in München und Berlin, DSVGO... Themen genug.
Schlaflöwe 12.05.2018
2. Der HSV war Pech,
jetzt hat er Pech.
privatbahn 12.05.2018
3. Das Problem mit den ist Dinos ist...
...dass die Dinos endgültig ausgestorben sind. Ich hoffe mal dass bei all den Vergleichen dieses Schicksal dem HSV erspart bleibt. Nicht zuletzt da unsere jährlich im April statfindende Hamburg-Tour mit Besuch eines BuLi-Spiel im Volkspark sonst sehr schnell nicht mehr als eine Erinnerung sein würde.
skla5555 12.05.2018
4. Auf Wiedersehen HSV
....alles hat ein ENDE. Das nächste Ziel kann nur sein wieder erstklassig zu werden! dann zusammen mit Pauli. Ich freue mich auf die Derbys!
mister:1 12.05.2018
5. HSV forever
Adios, Ciao,Bye Bye,Tschö mit ö 1. Fc Köln
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