Krisenklub Hamburger SV Willkommen in der Realität

Der Hamburger SV wechselt seine Führung aus - wieder einmal. Das ist diesmal aber ausnahmsweise kein Anzeichen von Chaos, sondern von Vernunft.

Heribert Bruchhagen und Jens Todt
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Heribert Bruchhagen und Jens Todt

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Beim Hamburger SV hat die radikale Neuausrichtung schon begonnen. Ansonsten hat sich der Verein gerne erst nach einer Niederlage gegen den FC Bayern von seinen Verantwortlichen getrennt. Bei Bruno Labbadia und Armin Veh war das zum Beispiel so. Jetzt dagegen tut man diesen Schritt schon vor dem anstehenden Bayern-Spiel. Die Ära des Vorstandschefs Heribert Bruchhagen beim HSV war kurz und ist vorbei, Sportdirektor Jens Todt muss ebenfalls gehen.

Nun dürfen wieder alle vom "HSV-Chaos" reden, vom "HSV-Beben" und vom Paukenschlag. Der Hamburger Sportverein erfüllt seine Rolle als oberstes Spottobjekt der Bundesliga, er ist das gewohnt. Aber all das würde in diesem Fall fehlgehen. Die Trennung von Heribert Bruchhagen und Jens Todt ist folgerichtig, und auch der Zeitpunkt ist nicht falsch gewählt.

Natürlich hätte der Verein auch bis zum Sommer warten können, bis der erste Bundesliga-Abstieg seiner Geschichte perfekt ist, um dann ab Juli langsam damit zu beginnen, sich auf die völlig neue Situation des Vereins als Zweitligaklub einzustellen. Das wäre wahrscheinlich HSV-like gewesen. Jetzt bereits zu reagieren, spricht dagegen dafür, dass die neue HSV-Spitze sich mit den Realitäten anfreundet. Und die heißen: Dieser HSV ist selbst in dieser formschwachen 1. Bundesliga derzeit nicht konkurrenzfähig, der Abstand zu den rettenden Plätzen ist zu groß, und daher müssen wir uns so früh wie möglich darauf vorbereiten, das Projekt "sofortiger Wiederaufstieg" zu planen.

Bruchhagen hat seine Rolle nie gefunden

Spätestens die schwer mit anzusehende Nullnummer gegen Mainz 05 am vergangenen Wochenende hat gezeigt, dass dieser Kader höchstwahrscheinlich nicht die Klasse besitzt, dieselbe zu halten. Wenn es nicht einmal dazu ausreicht, diese erschreckend schwache Mainzer Mannschaft zu schlagen, dann ist ein Abstieg nur realistisch. Für die Zusammenstellung des Kaders ist der Sportdirektor verantwortlich. Der Verein hat am Morgen mitgeteilt, es habe "eine eingehende Analyse der Gesamtsituation" gegeben. Die konnte für den in seinen Personalentscheidungen zunehmend hilflos wirkenden Todt nicht gut ausfallen.

Bruchhagen kam als starker Mann aus Frankfurt nach Hamburg, einer, der es gewohnt ist, zu bestimmen, ein Macher, zwar ruhig in der Ansprache, aber unumstößlich sein Wort. Diese Rolle, die er bei der Eintracht hatte, hat er beim HSV aber nie wirklich ausfüllen können. Jetzt rückt Bernd Hoffmann als neuer Präsident an die Klubspitze, einer, der sein Ego beim HSV schon nachdrücklich bewiesen hat. Ein Neben- oder gar Miteinander der Alphatypen Hoffmann und Bruchhagen - das war von vornherein schwer vorstellbar. Für beide gleichzeitig ist dieser Verein zu klein. Jeder Verein wäre das.

Das Signal des heutigen Tages lautet: Der Hamburger SV beginnt, sich mit seiner Lage abzufinden. Er verabschiedet sich von der Hoffnung, dass es am Ende doch noch wieder irgendwie gut ausgeht mit der Bundesliga, dass von irgendwo noch eine gute Relegationsfee angeflattert kommt und den Verein auf wundersame Weise rettet. Das ist nicht fatalistisch, sondern vernünftig.

Ein Abstieg muss keine zwingend heilsame Wirkung haben. Andere Klubs haben gezeigt, dass er auch der Anfang vom Ende sein kann. Aber wenn es schon so weit kommt, dass man die Bundesliga nach 55 Jahren verlässt: Dann soll man wenigstens darauf vorbereitet sein.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
doppelnass 08.03.2018
1. Wie immer
Sportdirektor und Vorstand gehen. Das gibt's beim HSV doch ständig. Wenn man der Tradition treu bleibt, holt man nun Leute, die es schon einmal nicht geschafft haben und rausgeworfen wurden. Da hat man mit Hoffmann prima dran angeknüpft.
Kurt2.1 08.03.2018
2. .
Bruchhagen hätte in jedem Fall gehen müssen. Hoffmann hätte ich nicht weiter geduldet, egal auf welchem Tabellenplatz der HSV gerade steht. Ob Hoffmann der Richtige ist, um den Verein rundum zu sanieren, darf bezweifelt werden. Er hat ihn maßgeblich mit in die Grütze gefahren mit seiner unausstehlichen Selbstüberschätzung.
die Stechmücke 08.03.2018
3. 2. Liga tut gut
für den HSV, denn dann kann er sich endlich erneuern ohne wenn und aber. Permanent das Bild abzugeben, dass der HSV eine Leiche ist, die halt noch nicht umgefallen ist, generiert Schwermut. Da ein toter Fisch zuerst am Kopf das Stinken anfängt muss die Erneuerung im Management dieses Vereins beginnen.
!!!Fovea!!! 08.03.2018
4.
Zitat von die Stechmückefür den HSV, denn dann kann er sich endlich erneuern ohne wenn und aber. Permanent das Bild abzugeben, dass der HSV eine Leiche ist, die halt noch nicht umgefallen ist, generiert Schwermut. Da ein toter Fisch zuerst am Kopf das Stinken anfängt muss die Erneuerung im Management dieses Vereins beginnen.
Klar, so erneuern wie Paderborn, Ingolstadt oder Darmstadt. Immer diese Märchen von der Erneuerung in der 2. Liga. Was ist denn mit den Vereinen die andauernd in der 2. Liga spielen? Was ist mit den "Fahrstuhl" - Vereinen wie Kaiserslautern oder Nürnberg, die alle Jahre mal in der 1. Liga spielen, dann wieder absteigen? Was ist mit denen bzgl. Erneuerung? Was war mit Braunschweig, als die abstiegen und in der Relegation durch Gomez-Schwalbe um den Aufstieg betrogen wurden? Alles Blödsinn.
antiantianti 08.03.2018
5. Danke
Danke, seit Jahren der erste Beitrag der nicht in die Kerbe Spott reinhaut, sondern nüchtern betrachtet, was gerade passiert. Als geschundene HSV-Seele ist man für so viel Gnade tatsächlich dankbar.
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