Zweitligist Hamburger SV Diesmal greifen wir richtig an

0:3 gegen Kiel, der HSV hat seinen Neustart vermurkst. Und jetzt? Fährt der sechsfache Deutsche Meister halt nach Sandhausen. Vom grauen Alltag eines Klubs, der nur Schwarz oder Weiß kennt.

Pierre-Michel Lasogga
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Pierre-Michel Lasogga

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Natürlich haben sie gewusst, was sie erwartet. Das lassen zumindest die Aussagen von Lewis Holtby erahnen. In der zweiten Liga müsse man "mental und als Mannschaft stark auftreten", sagte der Mittelfeldspieler des Hamburger SV dem "Kicker" nach der 0:3-Niederlage gegen Holstein Kiel. Noch aufschlussreicher war jedoch Holtbys Ergänzung: "Eigentlich können wir das."

Eigentlich.

Holtby steht stellvertretend für diesen seltsamen Aufbruch, der von überraschend großer Kontinuität begleitet wird. Holtby galt lange als überbezahltes Musterbeispiel für die verfehlte Personalpolitik des Klubs, gegen Kiel führte er das Team nun sogar als Kapitän aufs Feld. Ein ähnlicher Fall ist Pierre-Michel Lasogga, der vor dem ersten Auswärtsspiel nun als der große Offensiv-Hoffnungsträger gehandelt wird, weil - noch so ein Beispiel - Aaron Hunt verletzungsbedingt ausfällt. Am ersten Spieltag standen gleich acht HSV-Spieler in der Startformation, die auch im Vorjahr in Hamburg spielten.

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Abstieg des Hamburger SV: Große Erfolge, großer Absturz

Nach 55 Jahren ist der HSV im Mai aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen, eine Katastrophe für den Verein, eigentlich. Umso erstaunlicher, dass es den Hamburgern erneut gelungen war, in der Stadt eine regelrechte Neustarteuphorie zu erzeugen. "Ein Abstieg wird oft von der Angst begleitet, dass vieles kaputtgeht", sagte der neue Sportvorstand Ralf Becker. "Bei uns habe ich das gegenteilige Gefühl." Die Einschätzung stammt allerdings noch aus dem Juli, also aus der Sommerpause.

Mit dem Gang in die zweite Liga schien es, als hätte es der Verein zumindest geschafft, einen langjährigen Teufelskreis zu durchbrechen. Am Abgrund stehen, Notlösungen finden, sich irgendwie in der Liga halten. "Jeder spürt, dass die zweite Liga eine echte Chance für einen Neuanfang ist."

"Wir hätten die Euphorie gern mitgenommen"

Seit Jahren lassen sich die HSV-Anhänger vor jedem Halbrundenstart aufs Neue verführen. Immer wieder scheint sie dieses regelmäßig komplett unbegründete "Diesmal greifen wir richtig an"-Gefühl zu packen. Direkter Wiederaufstieg? Formsache. 57.000 Zuschauer wollten das Nordderby gegen Kiel sehen, in den freien Verkauf waren schon gar keine Karten mehr gelangt. 24.500 Saisontickets hat der HSV in seiner ersten Zweitligasaison verkauft, rund 7000 neue Mitglieder haben nach dem Abstieg einen Aufnahmeantrag gestellt.

Doch dann kamen diese 90 Minuten gegen Holstein Kiel - in denen die Hamburger zunächst sogar die besseren Chancen hatten. Eigentlich hätten sie in Führung gehen müssen, so zumindest die gängige Erzählung nach dem Abpfiff. Eigentlich. "Wir hätten gerne die Euphorie mitgenommen", zeigte sich auch Becker enttäuscht: "Die Unterstützung in der Vorbereitung war wahnsinnig, wir haben sehr viel Vertrauen von unseren Fans entgegengebracht bekommen. Das haben wir gegen Kiel nicht bestätigt."

Euphorie war letzte Woche, jetzt ist wieder Tristesse. Dabei ist objektiv noch nichts passiert. Die Kaderplanungen sind zudem noch nicht abgeschlossen, Albin Ekdal zieht es zurück nach Italien, mit Orel Mangala liehen die Hamburger im Gegenzug am Donnerstag bereits einen weiteren bundesligaerfahrenen Spieler aus. Auch für die Innenverteidigung soll noch ein neuer Akteur kommen, nachdem der erst 21 Jahre alte Schotte David Bates beim Saisonauftakt überfordert wirkte.

In Stellingen gibt es kein Dazwischen

Der HSV ist ein extremer Stimmungsverein. Normalerweise bewegen sich Fußballklubs auf dem kompletten Kontinuum zwischen Euphorie und vernichtender Niedergeschlagenheit. Nicht aber der Hamburger Sport-Verein, er scheint nur aus diesen beiden Endpunkten zu bestehen. Das "Hamburger Abendblatt" bezeichnete ihn in dieser Woche als "manisch-depressiven Patienten". In Stellingen gibt es kein Dazwischen, es ist vielleicht das größte Problem des Klubs. Für den Neustart muss sich das ändern.

Privat

Ganz ohne Kontinuität geht es nicht, das wissen auch die Verantwortlichen in Hamburg, zumal ja auch etliche Spieler den Verein verlassen haben. Dennis Diekmeier, Nicolai Müller, Mergim Mavraj, Bobby Wood, André Hahn, Walace und Luca Waldschmidt - alle nicht mehr da. Die, die geblieben sind, verdienten sich das Vertrauen des Trainers durch ordentliche Auftritte im Bundesliga-Saisonfinale. "Ich will nicht alles verteufeln", sagt Titz. "Wir haben über Monate viele Dinge gut gemacht. Zu sagen, die können alle nicht gut kicken, wäre der falsche Weg." Und: Unter Druck war der HSV oft am stärksten.

Die Ausgangslage hat sich für die Hamburger allerdings grundlegend verändert: Es reicht in diesem Jahr nicht mehr, zwei oder drei Klubs zu finden, die in der Endabrechnung schlechter sind. Es geht darum, erfolgreicher zu punkten als 16 Konkurrenten. Den Druck muss der HSV sich diesmal selbst machen, jede Woche wieder. Nächste Chance: ein Auswärtsspiel beim SV Sandhausen (Sonntag, 13.30 Uhr), das klingt machbar. Eigentlich.



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nesmo 10.08.2018
1. Zu einem Neuanfang gehört
endlich ein neues Trikot. Dieser fünfziger Jahre Look, rote Hosen und blaue Strümpfe, ist nur noch für Erztraditionalisten erträglich, sonst wirkt es nur peinlich. Der HSV muss sich endlich von diesem Uwe-Seeler-Gedächtnis-Aussehen eines Dorfclubs von 1957 befreien, sonst wird der HSV schon von vornherein als Kindergartenkrabbeltruppe von keinem Gegner ernst genommen. Falsche Traditionen belasten nur.
frank_le 10.08.2018
2. na und ...
warum berichtet SPON ständig über den Tabellenletzten und potenziellen Absteiger der 2. Liga? Es gibt wesentlich interessantere Mannschaften in der Liga.
neurobi 10.08.2018
3.
Also nach dem was ich gelesen habe, hätte das Spiel gegen Kiel auch durchaus 3:0 statt 0:3 ausgehen können und Kiel hätte sich dann auch nicht beschweren dürfen. Es sind noch 33 Spieltage, jetzt hat man gleich beim ersten Spiel eine Klatsche bekommen. Trotzdem hat man immer noch gut Chance am Ende der Saison vor Köln zu stehen. Und das Ziel kann man sogar noch aus eingener Kraft erreichen.
ge1234 10.08.2018
4. Nun ja...
Zitat von nesmoendlich ein neues Trikot. Dieser fünfziger Jahre Look, rote Hosen und blaue Strümpfe, ist nur noch für Erztraditionalisten erträglich, sonst wirkt es nur peinlich. Der HSV muss sich endlich von diesem Uwe-Seeler-Gedächtnis-Aussehen eines Dorfclubs von 1957 befreien, sonst wird der HSV schon von vornherein als Kindergartenkrabbeltruppe von keinem Gegner ernst genommen. Falsche Traditionen belasten nur.
... die Trikotfarbe mag vielleicht für die modebewußten HSV-Fans unerträglich sein, noch unerträglicher ist m.E. aber die sportliche Misere der "Rothosen". Seit gefühlt 10 Jahren hört man nun jede Saison aufs neue "Diesmal greifen wir richtig an", um dann gleich im ersten Zweitligaspiel (!), noch dazu ein Heimspiel, mit 0:3 abgefertigt zu werden..
radioactiveman80 10.08.2018
5. @nesmo #1
Trikot? Uwe Seeler? Luxusprobleme. Zu einem Neuanfang hätte gehört, sich selbst nicht mehr als besonderen Zweitligaverein zu verkaufen. Oder für das Hamburgderby keine Mondpreise zu verlangen. Zu einem Neuanfang hätten in erster Linie Demut und Bescheidenheit gehört, anstatt sich grosskotzig als FC Bayern des Unterhauses aufzuführen. Man kann nur hoffen dass es viele weitere Blamagen setzen wird und der als Selbstverständlichkeit bewertete Aufstieg krachend danebengeht. Und die nächste Lizenz (egal für welche Spielklasse) an der Insolvenz des Vereins scheitert. Man will es ja scheinbar so. Solange die Fans weiterhüpfen, die Mondpreise zahlen und jegliche Kritik als Nestbeschmutzung geisseln, ändert sich ja doch nichts.
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