Hamburger SV in der Dauerkrise Erste Liga, keiner weiß warum

Der HSV kämpft gegen den Abstieg, schon wieder. Weil Tore und Punkte fehlen, schon wieder. Die Zahlen zeigen: Dass der Dino noch immer in der ersten Liga spielt, ist ein Wunder.

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Allmählich gehen ihnen die Erklärungsansätze aus. Nach dem Fehlstart in die Rückrunde (und der schlechten Hinrunde) bangt der Hamburger SV um den Klassenerhalt, mal wieder. Beim 0:1 in Augsburg war der HSV in jeder Hinsicht chancenlos. "Insgesamt hattest du immer das Gefühl, die Augsburger wollen die Kirsche irgendwie und unbedingt machen", sagte Verteidiger Mergim Mavraj unmittelbar nach dem Spielende. Und schob dann diesen kleinen, aber vielsagenden Satz hinterher: "Wir dagegen nicht."

Douglas Santos (l.), Mergim Mavraj
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Douglas Santos (l.), Mergim Mavraj

Nur 15 Punkte haben die Hamburger in den ersten 18 Spielen der Saison geholt. Zwei mehr immerhin als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison, in der der HSV dank einer starken Rückrunde und Luca Waldschmidts spätem Kopfballtreffer gegen Wolfsburg die dritte Relegationsteilnahme in nur vier Jahren abwenden konnte. Damals hatte man im Winter vor allem die hohe Zahl der Gegentore als Problem ausgemacht, dann mit Mavraj und Kyriakos Papadopoulos die Defensive nachgerüstet. Mit Erfolg.

Unverändert gering ist dagegen die Zahl eigener Treffer. 15 sind es, wie im Vorjahr. Der HSV ist chronisch torungefährlich - und zwar seit Jahren: Seit der ersten Relegationssaison 2013/2014 hat der HSV in 154 Bundesligaspielen nur 164 Treffer erzielt. Der schlechteste Wert aller 13 Teams, die in diesem Zeitraum ununterbrochen in der Bundesliga spielten.

Die magere HSV-Ausbeute dieser vergangenen viereinhalb Jahre: 1,06 Tore pro Spiel. Der VfB Stuttgart (1,29), Hannover 96 (1,20), der SC Freiburg (1,16) - sie alle trafen auf 90 Minuten gerechnet öfter, sie alle mussten in die Zweite Liga. Nicht aber der HSV, die große Uhr im Hamburger Stadion läuft einfach weiter.

"Es sieht immer ganz anständig aus, wie wir Fußball spielen, aber mit anständigem Fußball holst du eben keine Punkte", sagte Trainer Markus Gisdol zuletzt. Zumindest der zweite Teil seiner Aussage lässt sich belegen.

Auch in dieser Statistik torkelt der Klub seit viereinhalb Jahren am Abgrund entlang: 156 Punkte aus den vergangenen 154 Spielen. 1,01 Punkte pro Spiel, das entspricht gerade einmal 34 pro Saison. Es wirkt fast, als wollte dieser Klub sich über die berühmte 40-Punkte-Marke lustig machen. 2014 retteten sich die Hamburger gar mit nur 27 Punkten in die Relegation.

In nur zwei dieser neun Halbserien hat man die 20-Punkte-Grenze erreicht. Ausreißer gab es selten, nicht nach oben und nicht nach unten. In anderen Worten: Der HSV punktet konstant schlecht. Es ist ein kleineres Fußballwunder, dass dieser Verein immer wieder zwei andere Klubs hinter sich lässt. Darauf, diese Minuswerte im nächsten Schritt auch noch ins Verhältnis zu den Transferzahlungen und den Personalkosten an der Elbe setzen, verzichten wir an dieser Stelle.

Trainer kamen und gingen in diesen viereinhalb Jahren, sechs waren es, die Interimslösungen Rodolfo Cardoso und Peter Knäbel einmal ausgeklammert. Die sportliche Führung wechselte mehrfach, auch die Namen der Spieler veränderten sich fortlaufend. Von den elf Startspielern, die im Juni 2015 in Karlsruhe in letzter Minute den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte verhinderten, ist nur noch Dennis Diekmeier da. Ausgerechnet der Bundesligaprofi, der wegen seiner notorischen Torungefährlichkeit auf dem Weg zum Legendenstatus ist.

"Wir schießen zu wenig Tore"

Kein Hamburger erzielte in dieser Spielzeit mehr als zwei Treffer. Der HSV hat ein Offensivproblem, das hat auch Markus Gisdol erkannt: "Wir schießen zu wenig Tore, da gibt es keinen Zweifel." Schon im vergangenen Jahr teilten sich drei Spieler mit mageren fünf Toren den Titel des erfolgreichsten HSV-Torschützen: Nicolai Müller, Michael Gregoritsch und Bobby Wood. Müller verletzte sich nach acht Saisonminuten bei einem Torjubel schwer, Gregoritsch jubelt inzwischen in Augsburg und Wood ist komplett außer Form.

Vielleicht erklärt das am besten, warum ein 17-jähriger Stürmer namens Jann-Fiete Arp in so kurzer Zeit zum großen Hoffnungsträger werden konnte. Allein: Im wichtigen Duell gegen den 1. FC Köln (Samstag, 18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) droht der Wunderknabe (zwei Saisontore) auszufallen. "Es ist gefühlt das 25. Endspiel", sagte Gisdol. "Letztes Jahr wurde so gut wie jedes Spiel mit diesem Begriff bezeichnet."

Damals gewann der HSV viele dieser "Endspiele", mit einem erstaunlichen Kraftakt schloss das Gisdol-Team die Rückrunde als siebtbestes Team ab und blieb erstklassig - knapp war es am Ende trotzdem. Sollte der HSV im Sommer 2018 tatsächlich zum ersten Mal absteigen, kann zumindest niemand behaupten, er habe es nicht kommen sehen.



insgesamt 21 Beiträge
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P.Delalande 20.01.2018
1. Hamburg eben.
Der entscheidende Unterschied zwischen Realität und Schein; die unendliche Hamburger Geschichte...
equamicus 20.01.2018
2. Nur Diekmeier?
Müller hat doch sogar das 2:1 gegen den KSC geschossen?
equamicus 20.01.2018
3. Müller...
...eingewechselt, aber auch Holtby stand in der Startelf...
skeptikerjörg 20.01.2018
4. Voll im Plan
Ihr liebstes Saisonergebnis, die Relegation, können die Hamburger doch selbst dann noch erreichen, falls sie gegen Köln verlieren sollten. In der letzten Saison haben sie es ja ganz knapp verpasst. Wenn nach oben nichts geht kann man auch so die Spannung in der Mannschaft hochhalten.
Uban 20.01.2018
5. Hamburger "Kaisers":
Eigentlich wollen die ja gar nicht spielen; sie tun so als ob, aber in Wirklichkeit haben die alle Angst vor dem Ball - genau so wie der Brasilianer Kaiser, der neulich hier auf "Einestages" presentiert wurde ...
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