Van der Vaart zurück zum HSV Hamburgs 13-Millionen-Risiko

Rafael van der Vaart ist wieder da: Der Hamburger SV hat den Niederländer aus London zurückgeholt, er soll das Team aus der Krise führen. Für den neuen alten Star ist der selbstverordnete Sparkurs des Clubs plötzlich vergessen. Kann der teure Zukauf die hohen Erwartungen erfüllen?

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Klaus-Michael Kühne ist 75 Jahre alt, Mehrheitseigner des Logistikdienstleisters Kühne + Nagel und als solcher Milliardär. Kühne ist auch Fan des Hamburger Sportvereins. Aber kein gewöhnlicher.

Über ein Investorenmodell hatte er dem Club bereits 2010 12,5 Millionen Euro für neue Spieler bereitgestellt. Im Gegenzug bekam Kühne prozentuale Beteiligungen an Spielern. Damals waren das je 33,3 Prozent an Dennis Aogo, Marcell Jansen, Paolo Guerrero, Dennis Diekmeier und Amateurkicker Lennard Sowah.

Nun hat der zahlungskräftige Anhänger des Nordclubs wieder zugeschlagen und einen der spektakulärsten Deals der ablaufenden Transferzeit eingeleitet. Kühne hat Rafael van der Vaart in die Hansestadt gelotst, um den drohenden Absturz seines Vereins zu stoppen. Die Frage ist: Geht der feine Plan auf?

Kühne verzichtet für den Niederländer auf seine Anteile an den übrigen Spielern. Durch die zusätzliche Gewährung eines Darlehens sei es dem HSV nun möglich, die Zahlung der Transfersumme zu leisten, heißt es auf der Homepage des Vereins. Van der Vaart ist Kühnes erklärter Lieblingskicker, für den 29-Jährigen "sei er gerne bereit, größere Summen zuzuschießen", hatte der Unternehmer stets betont. Mit seinem Wunsch nach dem Spielmacher lag er den Vereinsbossen des HSV schon länger in den Ohren, zuletzt hatte er in einer Pressemitteilung gefordert, dass "Rafael und Sylvie van der Vaart recht bald in die Hansestadt zurückkehren".

Der HSV war nicht glücklich über den offensiven Auftritt des Geldgebers, wollte den Förderer aber auch nicht verprellen. Es folgten halbherzige Absagen - nun knickte der Club nach einem miserablen Saisonstart aber doch ein. Von 18 Millionen Euro handelte der HSV van der Vaarts bisherigen Verein Tottenham Hotspur auf 13 Millionen Euro Ablöse herunter, angeblich will der Niederländer in seinem Dreijahresvertrag Gehaltseinbußen in Kauf nehmen.

Vergessen ist der selbstverordnete Sparkurs

Dennoch wäre van der Vaart mit einem geschätzten Gehalt von 3,5 Millionen Euro im Jahr der mit Abstand teuerste Spieler im Kader, noch vor dem neuen Torhüter René Adler (2,7 Millionen Euro). Noch im Mai hatte Clubchef Carl-Edgar Jarchow SPIEGEL ONLINE gesagt, er wolle am strammen Sparkurs festhalten, den er dem HSV zuletzt verordnet hatte. "Wenn wir Geld einsparen und gleichzeitig unsere Mannschaft stärken möchten, bedeutet das für uns, dass wir kreativ sein müssen", sagte Jarchow damals.

Über den Van-der-Vaart-Deal musste der Aufsichtsrat nun lange nachdenken. Schließlich vergrößert der HSV sein Defizit durch den Transfer erheblich und kommt damit längere Zeit nicht aus den roten Zahlen heraus. Am Ende gab das Gremium dennoch grünes Licht: "Der Aufsichtsrat hat eine positive Entscheidung getroffen", verkündete Ratsvorsitzender Alexander Otto. "Das Darlehen von Herrn Kühne war absolut notwendig, damit wir unsere Liquidität behalten."

Insgesamt wurden für die laufende Saison 24,5 Millionen Euro in neue Spieler investiert, zuletzt kamen Petr Jiracek und Milan Badelj. Damit spielt der Fastabsteiger der Vorsaison in einer Liga mit Champions-League-Teilnehmern wie dem BVB und Gladbach. Dennoch war der Kader nur bedingt Bundesliga-tauglich, zum Auftakt kassierte das Team eine Niederlage gegen Nürnberg (0:1), im Pokal gab es eine peinliche 2:4-Pleite gegen den Drittligisten Karlsruhe.

Jiracek und Badelj, für jeweils rund vier Millionen Euro geholt, sollen dem Mittelfeld Stabilität geben. Blieb die Baustelle Kreativität. Zu einem möglichen Transfer von van der Vaart hieß es von Jarchow plötzlich: "Wenn sich die Chance ergibt, werden wir alles versuchen, sie zu ergreifen."

Der Glamourfaktor ist garantiert - die Leistung nicht

Sind mit dem Kühne-Coup nun alle Probleme gelöst? Zweifel sind angebracht. Der Hamburger SV muss - nicht zum ersten Mal - unangenehme Fragen zu seiner Transferpolitik beantworten. Ist es zum Beispiel sinnvoll, dass sich ein Verein derart von einem Geldgeber abhängig machen sollte, der auf seinem Wunschspieler beharrt. Und kann Rafael van der Vaart dem Hamburger SV wirklich weiterhelfen?

Van der Vaart ist 29 Jahre alt, Tottenham-Trainer André Villas-Boas plante zuletzt nicht mehr mit dem Niederländer. Immer wieder wurden zudem Zweifel an seiner Fitness laut.

Was van der Vaart jedoch sofort beisteuern kann, ist ein gewisser Glamourfaktor. Nicht umsonst sprach Kühne in seiner Pressemitteilung von "Rafael und Sylvie van der Vaart". Die Frau des Kickers arbeitet als Model und Moderatorin. Das Ehepaar füllte auch noch verlässlich deutsche Celebrity-Zeitschriften, als der Spieler längst im Ausland unter Vertrag stand.

In seiner ersten Hamburger Zeit zwischen 2005 und 2008 prägte der bei Ajax Amsterdam ausgebildete van der Vaart das Spiel des HSV, schoss 48 Tore in 113 Partien. Für seine überragende Technik, seine Pässe und seine Torgefahr nahm man schon damals in Kauf, dass van der Vaart nach Ballverlusten oft abschaltet. Defensivarbeit kommt damit vor allem auf Jiracek und Badelj zu. In England hat van der Vaart dies den Ruf eines "luxury players" eingebracht. Das Spiel der Hamburger aber bot zuletzt wenig Raum für Luxus.

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fridericus1 31.08.2012
1. Sind die ...
... schon so klamm, dass sie sich ihre Transferpolitik von einem altersstarrsinnigen Pfeffersack diktieren lassen müssen? Aber das ist genau das alte Problem beim HSV: ein Haufen maximal semiaufgeklärter sog. Honoratioren, die im Gremiengewirr mitreden oder sich Mitspracherecht erkaufen.
stanislaus2 31.08.2012
2. Werthaltige Investition
Der van der Vaart ist eine halbe HSV-Mannschaft wert. Das haben die gemerkt, als er damals ging. Er ist ein Spielgestalter in dem Alter, wo er noch 5 Jahre auf dieser Position spielen kann. Im Gegensatz zum Martinez des FCB, der nichts anderes als ein Verteidiger ist, dem ab und an auch mal ein Pass in die Tiefe glückt. Wie meiner Oma. Nur dass die nicht mehr so gut laufen und grätschen kann. Das ist doch nicht nachzuvollziehen, warum der FCB 40 Mio. € rausschmeisst. Das amortisiert sich nie. Van der Vaart hingegen: "Am 6. Oktober 2007 stellte van der Vaart einen historischen HSV-Rekord ein: Er traf in sieben aufeinanderfolgenden Bundesliga-Spielen je einmal. Dies gelang für den Hamburger SV vorher nur Uwe Seeler in der Saison 1963/64." Als Mittelfeldspieler, nicht als Stürmer! Spanien wurde für van der Vaart ein Albtraum, jetzt ist er wieder in seinem Wohnzimmer.
laluna3 31.08.2012
3. Glamor Paar
oh nein, wir haben doch schon Boris, Lilly, Barbara. Reicht das nicht? Und das sie in allen deutschen Klatschblaettern auftauchen, dafuer hat ja Sylvia gesorgt, indem sie ausfuehrlich ihr Brustkrebserkrankung verkauft hat. Ehrlich gesagt, kannte ich sie vorher garnicht.
funnyone2007 31.08.2012
4.
Zitat von stanislaus2Der van der Vaart ist eine halbe HSV-Mannschaft wert. Das haben die gemerkt, als er damals ging. Er ist ein Spielgestalter in dem Alter, wo er noch 5 Jahre auf dieser Position spielen kann. Im Gegensatz zum Martinez des FCB, der nichts anderes als ein Verteidiger ist, dem ab und an auch mal ein Pass in die Tiefe glückt. Wie meiner Oma. Nur dass die nicht mehr so gut laufen und grätschen kann. Das ist doch nicht nachzuvollziehen, warum der FCB 40 Mio. € rausschmeisst. Das amortisiert sich nie. Van der Vaart hingegen: "Am 6. Oktober 2007 stellte van der Vaart einen historischen HSV-Rekord ein: Er traf in sieben aufeinanderfolgenden Bundesliga-Spielen je einmal. Dies gelang für den Hamburger SV vorher nur Uwe Seeler in der Saison 1963/64." Als Mittelfeldspieler, nicht als Stürmer! Spanien wurde für van der Vaart ein Albtraum, jetzt ist er wieder in seinem Wohnzimmer.
entweder das war sehr ironisch oder sie haben NULL Ahnung von Fussball. VDV bringen die besten Pässe nichts, wenn er keinen Abnehmer hat der sie verwertet, desweiteren werden Spiele mit der guten Defensive gewonnen nicht durch eine gute Offensive. Oder gibt es viele 5:4 4:3 und 6:4 Siege in der Bundesliga? Nein..
8ruc3 31.08.2012
5. Lieber Spiegel
Einseitiger geht es irgendwie nicht, oder? Für Euch ist es ein Fakt, dass die Verpflichtung den HSV dauerhaft in die roten Zahlen drückt. Und auf der anderen Seite haltet ihr euch am Konjunktiv fest, wenn es um die sportliche Seite geht. Warum nicht anders herum? Fakt ist doch, vdV hat lang genug bewiesen, welche fußballerischen Qualitäten er besitzt. Da muss man keinen Konjunktiv benutzen. Lieber würde ich die finanzielle Seite mit einem Konjunktiv beantworten. Eventuell krebst der HSV mit vdV nicht mehr im Tabellenkeller herum, sondern kann sich wieder höhere Ziele setzen - was dann zwangsläufig auch wieder höhere Einnahmen bedeutet - nicht nur im Merchandising. Aber hey - das wäre ja eine positive Meldung...
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