Minutenprotokoll zum HSV-Abstieg Trauer, Hoffnung und Krawall

Die HSV-Fans haben beim Sieg gegen Gladbach den bittersten Tag der Vereinsgeschichte erlebt. Die Abstiegsstimmung im Volksparkstadion im Minutenprotokoll.

Polizisten vor der Hamburger Nordkurve
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Polizisten vor der Hamburger Nordkurve

Aus dem Volksparkstadion berichtet


Um 17.37 Uhr war es vorbei. Der 746. Bundesligasieg, die Tore 2936 und 2937, das 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach, all diese Zahlen waren letztlich bedeutungslos. Es zählte nur diese eine Anzeige auf der Uhr im Stadion: 54 Jahre, 261 Tage, 36 Minuten und 06 Sekunden. Es ist die Zeit, die der Hamburger SV in der Bundesliga dabei war - als einziger Verein durchgehend. Was am 24. August 1963 um 17 Uhr mit einem Auswärtsspiel bei Preußen Münster begann, endete an diesem 12. Mai 2018. Das Urgestein der Bundesliga ist erstmals abgestiegen. Dino down.

Stadionuhr des HSV
Getty Images

Stadionuhr des HSV

"Die Enttäuschung ist richtig groß, wir leiden", sagte Verteidiger Kyriakos Papadopoulos. "Es tut uns richtig weh", ergänzte Kapitän Gotoku Sakai, der in der Mixed-Zone mit den Tränen kämpfte, zugleich aber ein wichtiges Signal für die Zukunft setzte: "Ich bleibe. Das habe ich soeben entschieden."

Der vorerst letzte Bundesligaspieltag des HSV im Protokoll:

14.08 Uhr: Der HSV-Mannschaftsbus kommt zum Stadion. "HSV, HSV", rufen mehrere tausend Fans. Sie schwenken Fahnen, halten stolz ihre Schals in die Höhe. Die Hoffnung auf ein Wunder ist spürbar.

Spalier für den HSV-Bus
DPA

Spalier für den HSV-Bus

15:22 Uhr: Als Stadionsprecher Lotto King Karl zusammen mit Carsten Pape acht Minuten vor dem Anpfiff wie vor jedem Heimspiel "Hamburg, meine Perle" vor der Nordkurve singt, stimmt das ganze Stadion mit ein. Glaube, Gemeinsamkeit, ganz große Gefühle - und vor allem: Gänsehaut.

15.31 Uhr: Dass Wolfsburg gegen Köln in Führung gegangen ist, wird im Stadion nicht bekanntgegeben. Doch die HSV-Fans sind natürlich trotzdem über die Geschehnisse knapp 200 Kilometer südlich informiert.

15.41 Uhr: Schiedsrichter Felix Brych entscheidet nach Hinweis des Videoassistenten auf Elfmeter für Hamburg. Gladbachs Denis Zakaria hatte einen Schuss von Aaron Hunt im Strafraum mit dem Arm geblockt. Hunt trifft zum 1:0. Jubel in Hamburg. Der HSV erfüllt zu diesem Zeitpunkt seine Pflichtaufgabe. Nur Köln leistet nicht die erhofften Helferdienste. Noch nicht.

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HSV-Abstieg: Unrühmliches Ende einer Ära

15.58 Uhr: Obwohl sich der HSV im eigenen Stadion auskontern lässt, zeigen sich die Zuschauer beeindruckend unbeeindruckt. "HSV, HSV", rufen sie nach dem Gladbacher Ausgleich zum 1:1.

16.02 Uhr: Unter den Fans macht sich der Kölner Ausgleich in Wolfsburg breit. "Steht auf für den HSV", hallt es umgehend aus der Nordkurve.

Hamburger Fans
DPA

Hamburger Fans

16:45 Uhr: Es wird ruhiger im Stadion. Als Gästetorwart Yann Sommer einen Schuss von Matti Steinmann reaktionsschnell zur Ecke lenkt, fällt in Wolfsburg das 2:1 für den VfL. Nur wenige im Fanblock klatschen noch, vier schwenken unermüdlich schwarz-weiß-blaue Fahnen. Der Rest ist still.

16.48 Uhr: Nun sind es die Gästefans, die in Hamburg zu hören sind. "Auf Wiedersehen" und "Endlich 2. Liga, HSV", hallt es in Hamburg hämisch aus der Gladbacher Kurve. Und das, obwohl Lewis Holtby gerade erst das 2:1 für den HSV geschossen hat. Aber in Wolfsburg hat Robin Knoche mit dem 3:1 in der 71. Minute gerade den Abstiegskampf entschieden.

Reaktionen auf den HSV-Abstieg im Video: "Natürlich ist mein Herz gebrochen"

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17.06 Uhr: In der Nordkurve halten die Fans zehn Minuten vor Spielschluss ihre Schals hoch und intonieren den Klassiker "Mein Hamburg lieb' ich sehr". Das Lied erzählt davon, dass man trotz schwerer Zeiten wisse, wo man hingehöre. Eine letzte Liebeserklärung in Liga eins.

17.19 Uhr: Die Stimmung kippt. Schwarz vermummte Chaoten werfen Feuerwerkskörper aus dem HSV-Fanblock Richtung Gladbacher Strafraum. Laute Explosionen. Dicker, schwarzer Rauch. Die Polizei marschiert auf, Brych unterbricht die Partie und eine Reiterstaffel der Polizei kommt aufs Spielfeld. Die Durchsagen der Stadionsprecher, das Abbrechen von Pyrotechnik zu unterlassen, verhallen ungehört.

17:22 Uhr: Die Spieler sind im Tunnel verschwunden. Polizei und Ordner bilden vor dem HSV-Fanblock drei Reihen hintereinander. Hinter dem verwaisten Gladbacher Tor brennt ein Plakat. Die Böllerwerfer werden vom Gros der Anhänger ausgepfiffen. "Wir sind Hamburger und ihr nicht", hallt es den Randalierern entgegen. Das Spiel in Wolfsburg ist unterdessen schon abgepfiffen, der HSV damit abgestiegen.

Polizei auf dem Rasen in Hamburg
AP

Polizei auf dem Rasen in Hamburg

17.26 Uhr: Die Spieler kommen wieder auf den Rasen, versammeln sich am Mittelkreis, schauen wortlos Richtung Nordkurve.

17.32 Uhr: Die Ordner wagen sich wieder vor den Zaun der Nordkurve, die Polizei bleibt auf Höhe der Strafraumgrenze stehen.

17.36 Uhr: Die Polizei geht zur Grundlinie vor - Applaus von den Rängen. Brych gibt Schiedsrichterball vor dem HSV-Strafraum. Hamburgs Torwart Julian Pollersbeck schießt den Ball zu Gladbachs Schlussmann Sommer.

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Abstieg des Hamburger SV: Große Erfolge, großer Absturz

17.37 Uhr: Brych pfeift ab. Auf kurzen Applaus folgt Schweigen.

17.38 Uhr: Die HSV-Spieler bilden auf dem Rasen einen Kreis, gehen klatschend Richtung Fanblock, wo die Vermummten längst verschwunden sind. "Einmal HSV, immer HSV", steht auf einem Plakat. "Liebe kennt keine Liga", ist auf einem anderen zu lesen.



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macb 12.05.2018
1. Ist doch eigentlich egal
den meisten Fans geht’s ums Saufen und das funktioniert beim Fußball ja wunderbar-es gibt immer einen Grund, sich zuzuschütten.Verliert der Verein, ertränkt man seinen Kummer im Alkohol, gewinnt er, säuft man vor lauter Freude.Jetzt ist beim HSV Frustsaufen angesagt.....das Leben geht weiter und die Getränkeindustrie niemals pleite!
Bomm 125 12.05.2018
2. Endlich
Seit meiner Uni-Zeit in Hamburg, einer wunderbaren Stadt, und seit den HSV-"Fans" in der S-Bahn, die sich auf das Stichwort "U-Bahn" äußerst textsicher eine U-Bahn-Verbindung von St. Pauli nach, nun ja - ich kann nichts dafür - Auschwitz wünschten, habe ich gehofft, daß diese Leute den Abstieg erleben. Für die anderen tut es mir leid, aber der Herr Titz scheint ja wirklich großes Potential zu haben. Kopf hoch, Hamburg, und Ihr anderen, Ihr solltet nie wieder in ein Stadion gehen dürfen. Ihr seid eine Schande!
Stäffelesrutscher 12.05.2018
3.
Im Minutenprotokoll fehlt die Angabe, wann die Kriminellen die schwarze Plane hochzogen, um ihre Brandsätze zu präparieren. Dann könnte man als Leser erkennen, wie lange die Verantwortlichen tatenlos zuschauten.
july1969 12.05.2018
4.
Warum war da Polizei im Stadion? Ich dachte immer, im Stadion ist der Ordnungsdienst der Vereine zuständig und ausserhalb dann die Polizei. Mit der Begründung wehrt sich die DFL doch auch stets dagegen, die Kosten für Polizeieinsätze mitzufinanzieren. Warum muß die Polizei herhalten, um sicherzustellen, daß ein Fussballspiel beendet werden kann und die Zerstörung, zumindest eines Teils des Stadions, verhindert wird? Die Chaoten hat der Verein doch selbst ins Stadion gelassen und dafür sogar noch Geld bekommen. Allenfalls Familien mit Kinder hätten nach Spielschluß von der Polizei geschützt werden dürfen!
StefanXX 13.05.2018
5. Bedenkliches Versagen der Sicherheitskräfte
Zitat von StäffelesrutscherIm Minutenprotokoll fehlt die Angabe, wann die Kriminellen die schwarze Plane hochzogen, um ihre Brandsätze zu präparieren. Dann könnte man als Leser erkennen, wie lange die Verantwortlichen tatenlos zuschauten.
So sieht es aus, es waren eben nicht nur 50 oder 60 Durchgeknallte. Schon alleine dass man sowas in dieser Menge überhaupt ins Stadion bringen kann zeugt von großem Versagen der Verantwortlichen und Sicherheitskräften. Der Fußball des HSV war zweitklassig in dieser Saison, und das Umfeld bzgl. Sicherheit offenbar nicht mal viertklassig. Ebenso unverständlich wie man als Schiri hier noch zu Ende spielen lassen kann. Spielabbruch und 0:3-Wertung gegen den HSV wäre die richtige Reaktion gewesen. Ich hoffe wirklich dass im Nachhinein wenigstens noch eine ganz saftige Geldstrafe auf den Verein zukommt, ansonsten würde ich die Welt nicht mehr verstehen.
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