HSV-Remis in Stuttgart Zum Überleben zu spät

Die Leistung wird besser, aber die Saison nicht länger: Der Hamburger SV muss wohl in der kommenden Spielzeit in der zweiten Liga spielen. Die Fehler der Vergangenheit waren zu schwerwiegend.

HSV-Profis verabschieden sich von den Fans
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HSV-Profis verabschieden sich von den Fans

Aus Stuttgart berichtet


Lewis Holtby wirkte zufrieden und hielt in der Interviewzone gerne an, um die Fragen der Reporter zu beantworten. Beim 1:1 in Stuttgart lief es gut für den Offensivmann des Hamburger SV. Nicht nur, dass er den Führungstreffer erzielt hatte und einer der besten Spieler in einem an diesem Tag wettbewerbsfähigen Team gewesen war. Holtby steht gewissermaßen stellvertretend für die Entwicklung seines Vereins in den vergangenen drei Wochen.

Unter den Trainern Markus Gisdol und Bernd Hollerbach hatte Holtby keine Rolle mehr gespielt, ehe ihn Christian Titz begnadigte. Am ersten Tag der Rehabilitation, vor zwei Wochen gegen Berlin, spielte Holtby ordentlich. Der HSV tat es eine Halbzeit lang auch. Beim VfB spielten er und das Team dann eine ansprechende Partie über 90 Minuten. Und prompt stand die Frage im Raum, ob der HSV womöglich noch eine reelle Chance im Abstiegskampf hätte, wenn der einstige U23-Coach schon im Januar gekommen wäre. Holtby sagte nach dem Spiel über Titz: "Seine Handschrift ist klar erkennbar."

Das ist wohl so. Doch weil ein Buch, das in neun von zehn Kapitel in einer wirren, unleserlichen Handschrift geschrieben wurde, mit einem letzten besseren Kapitel nicht zu retten ist, wird der HSV nach Lage der Dinge in der kommenden Saison in der zweiten Liga spielen. Hamburg ist weiter Letzter und hat sechs Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Da kann dem Klub auch ein Formanstieg nicht mehr helfen.

Und der VfB, der am Samstag einem miserablen ersten Durchgang einen schwachen zweiten folgen ließ, wird in der Liga bleiben. Auch das hat Gründe.

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Bundesliga: Abgeschossen statt aufgeschlossen

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Schwaben auch mit Aufstiegscoach Hannes Wolf die Liga gehalten hätten - der junge Trainer musste gehen, ohne dass der VfB bei seiner Freistellung in akuter Abstiegsgefahr geschwebt hätte. Die VfB-Bosse entschieden sich daraufhin für Tayfun Korkut, der das Hauptaugenmerk auf die Defensive legte.

Die Folge: Seit acht Spielen ist der VfB ungeschlagen, die Ergebnisse der vier Siege: drei Mal 1:0, ein Mal 2:1. Der VfB ist ein Verein, der trotz Meistertiteln und einer langen Historie im internationalen Geschäft stets wusste, dass es einzig und allein um den Klassenerhalt gehen würde. Dafür wird er belohnt.

Der HSV, dessen letzte Meisterschaft nicht elf Jahre zurückliegt wie beim VfB, sondern 35, wähnt sich hingegen gerne in anderen Sphären. Und landete in den vergangenen Jahren fast immer an der Schwelle zur zweiten Liga, diesen Sommer wird er sie überschreiten. Anfang Februar trennten beide Mannschaften vier Punkte. Nun, zwei Monate später, liegen 19 Zähler zwischen Stuttgart und Hamburg.

HSV-Fans in Stuttgart
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Der HSV ist aber nicht am Samstag abgestiegen. Im Gegenteil: Er präsentierte sich zuletzt verbessert. Doch die geradezu grotesken Planungsfehler der Hanseaten wirken nach: Die Fehler vieler verschiedener Manager, wechselnde Ideen auf dem Transfermarkt und der oft schwer nachvollziehbare Einfluss von Investor Klaus-Michael Kühne fordern ihren Tribut.

Dem HSV und seinen Fans ist in den vergangenen Monaten vorgeworfen worden, sie hätten den Hochmut ebenso in ihrer DNA wie die konsequente Realitätsverweigerung. Für viele Anhänger des Klubs trifft das nicht (mehr) zu. Die meisten von ihnen haben sich seit Wochen mit dem Abstieg abgefunden. Vorm Spiel beim VfB herrschte eine gelöste Osterspaziergangs-Stimmung. Nach dem Schlusspfiff wurde die Elf mit Applaus in die Kabine verabschiedet. Das ist gesunder Realismus und ein würdiger Umgang mit dem Untergang. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Mannschaft in den vergangenen Wochen mehrfach von einigen Anhängern bedroht worden ist.

Im Mittelpunkt der Misere steht am Ende die Vereinsführung, die in Hamburg seit Jahren fachlich inkompetenter besetzt ist als bei den meisten Zweitligisten. Thomas von Heesen (der SPIEGEL berichtete über die dubiosen Geschäfte des 56-Jährigen) hätten wahrscheinlich 35 von 36 deutschen Profivereinen nicht für eine verantwortliche Position verpflichtet.

Der Verein, der es getan hat, wird in der kommenden Spielzeit wohl in der zweiten Liga spielen. Es ist die logische Folge einer über mehrere Jahre andauernden Negativentwicklung beim HSV.

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VfB Stuttgart - Hamburger SV 1:1 (1:1)
0:1 Holtby (18.)
1:1 Ginczek (44.)
Stuttgart: Zieler - Pavard, Kaminski (46. Akolo), Badstuber, Emiliano Insua - Ascacibar, Aogo (89. Mangala) - Gentner, Thommy (77. Bruun Larsen) - Ginczek, Gomez
Hamburg: Pollersbeck - Sakai, Ambrosius (46. van Drongelen), Gideon Jung, Santos - Steinmann (73. Hahn) - Kostic, Holtby, Gouaida (59. Ito), Hunt - Waldschmidt
Schiedsrichter: Felix Brych (München)
Zuschauer: 60.449 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Aogo (3) - Gideon Jung (5)



insgesamt 3 Beiträge
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abudhabicfo 31.03.2018
1. Hochmut kommt vor dem Fall
Es sind schon andere Vereine abgestiegen und dann mit neuer Motivation in die Bundesliga zurückgekehrt. Was die HSV Spieler die letzten Jahre geboten haben war nicht super. Schade für die Fans.
hamburger.jung 01.04.2018
2.
Der VfB spiektecakso erst miserabel und dann schwach und der HSV ordentlich wie spon schreibt. Warum gewinnen wir dann nicht Spon? Ich hab das Spiel gesehen und fand es insgesamt schwach. Es war schlicht ein schwaches Gussballspiel.
derwo 01.04.2018
3. Trainerentscheidung VfB
Schade, dass der VfB hier für die leichteste aller Entscheidungen - den Trainer zu feuern - gelobt wird. Langfristig braucht jeder Verein, der es schaffen will, Konstanz, auch wenn es vielleicht kurzfristig funktioniert.
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