Drohender Bundesliga-Abstieg des HSV Keine Pfiffe. Nur Stille

Wieder kein Tor, wieder kein Sieg - der Hamburger SV muss sich auf die zweite Liga einstellen. Das Heimspiel gegen Mainz hat gezeigt: Viele Fans haben ihren Klub aufgegeben.

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Aus dem Volksparkstadion berichtet


Die 88. Minute lief, und Yoshinori Muto ließ sich Zeit. Mainz war bei seinem Auswärtsspiel beim Abstiegskonkurrenten in Hamburg seit der 61. Minute in Unterzahl. Mit dem 0:0 konnte der Klub zufrieden sein, es wäre ein wichtiger Punkt im Kampf um den Ligaverbleib. Also trabte der Mainzer Stürmer Muto bei seiner Auswechslung nicht vom Feld, er schlich geradezu.

Zeitschinderei nennt man das im Fußball. Für viele Fans sind solche Mittel clever, wenn sie die eigene Mannschaft vornimmt. Kommen sie vom Gegner, dann ist es die größte Provokation, Pfiffe und Beschimpfungen sind die Folge. Das ist Stadiongesetz, in jeder Arena der Welt.

Doch die HSV-Fans auf der Nordtribüne im Volksparkstadion pöbelten nicht, als sich Muto vom Feld schleppte. Da waren auch keine Pfiffe. Es herrschte: Stille.

Pure Lethargie in der Fankurve

Wer glaubt, die Fans hätten mit ihrem Schweigen protestiert, weil ihr HSV selbst gegen ein desolates Mainz 05 nicht in der Lage war, einen Treffer zu erzielen, der irrt. Die Stille war schlimmer als ein Protest: Sie war pure Lethargie der Fans.

Der HSV schoss auch in der Nachspielzeit kein Tor - es blieb beim 0:0. Damit hat das noch nie abgestiegene Gründungsmitglied der Bundesliga sieben Punkte Rückstand auf jene Mainzer auf dem Relegationsplatz. Sollte der 1. FC Köln am Sonntag Stuttgart besiegen (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), wäre der HSV Letzter.

Die dramatische Tabellensituation hat sportliche Gründe. Der Angriff der Hamburger erzielt zu wenige Tore, 18 in bislang 24 Spielen, ein dramatisch schwacher Wert. Gegen Mainz war der HSV zwar überlegen und bekam gute Möglichkeiten, aber selbst per Strafstoß gelang dem Team kein Treffer - in der 62. Minute vergab Filip Kostic einen Elfmeter.

Wie erschreckend es um das spielerische Vermögen des HSV steht, verdeutlichten die rund 30 Minuten, die Hamburg in Überzahl spielte. Es waren 30 Minuten mit Symbolcharakter, in denen die Mannschaft keinen Schuss aufs gegnerische Tor zustande brachte. Diese halbe Stunde steht für den Abnutzungskampf der vergangenen Jahre im Tabellenkeller. Spielkultur ist dabei völlig abhanden gekommen.

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Hamburger SV vs. Mainz 05: Zig Chancen, null Tore

Auch Trainer Bernd Hollerbach wirkte nach dem Spiel angeschlagen. "Ich muss die Mannschaft wieder aufrichten. Mehr kann ich heute auch nicht machen, ich muss auch erst einmal drüber schlafen", sagte der Trainer. Man brauche nun "ein kleines Wunder", wenn man in der Liga bleiben wolle.

Das ist nicht ganz richtig. "Kleine Wunder", das waren die spektakulären Rettungen vor dem Abstieg in der Relegation 2014 und 2015 sowie in der vergangenen Saison am 34. Spieltag. Für den Ligaverbleib braucht der HSV dieses Jahr mehr als das.

Ob die Fans das Team dabei unterstützen werden?

Gegen Mainz hat es der HSV erneut verpasst, sein Publikum auf den Abstiegskampf einzustimmen und doch noch das eine Fünkchen Hoffnung zu verbreiten. Ohnehin fiel nicht nur die Stille auf, da waren auch die vielen freien Plätze im Stadion. Knapp 47.000 Zuschauer kamen in die auf 57.000 Fans ausgelegte Arena. In dieser Saison war das Stadion nur gegen Bayern München ausverkauft, der Zuschauerschnitt ist im Vergleich zum Vorjahr um 3000 Zuschauer pro Spiel gesunken. Verübeln kann man es den Fans nicht: Der HSV verlangt horrende Ticketpreise für den wohl schlechtesten Fußball der Liga, gegen Mainz kostete das günstigste Ticket mehr als 20 Euro.

Nach Abpfiff brüllten sie: "Absteiger!"

Und dann gibt es da den Streit zwischen Verein und der Ultraszene, der nach den Ausschreitungen im Nordderby in Bremen in der vergangenen Woche eskaliert ist. Als Konsequenz und aus Angst vor einem Platzsturm bei einer Niederlage gegen Mainz hatte der HSV die Zäune zwischen der Nordtribüne und dem Spielfeld erhöhen lassen. Dagegen protestierten die Ultra-Gruppen "Castaways", "Clique du Nord" und "Poptown", die während des Mainz-Spiels die Mannschaft nicht wie üblich von der Nordtribüne aus unterstützen, sondern in Richtung Oberrang nahe der VIP-Bereiche umzogen. Nach Abpfiff brüllten sie dann in Richtung Spielfeld: "Absteiger!" Auf der Nordtribüne gab es dafür vereinzelt Applaus und Pfiffe, manch ein HSV-Fan auf der Nord zeigte auch den Mittelfinger in Richtung Ultras.

Sportchef Jens Todt sagte nach dem Spiel, die Enttäuschung sei "tief und riesengroß. Das müssen wir erst einmal sacken lassen." Man stecke "in einer schlimmen Situation, die jetzt noch schlimmer geworden" sei. Er sagte das über die sportliche Lage, seine Aussage gilt jedoch für den gesamten Verein und sein Umfeld.

Viele Anhänger verließen das Stadion in Richtung S-Bahn-Station zu Fuß, in dieser halben Stunde wurde viel darüber gesprochen, was besser laufen, welche taktischen Fehler der Trainer begangen habe. Typischer Fan-Talk. Kurz vor Erreichen der Haltestelle sagte ein Fan zu seinem Kumpel: "Das Unentschieden tut weh. Aber bitte lass' es vorbeigehen, absteigen, fertig." Die Antwort des Kumpels folgte schnell: "Und dann? Den Wiederaufstieg kannst du vergessen. Sandhausen lacht sich tot über uns."

In der kommenden Woche muss der HSV erstmal nach München. Die letzten Ergebnisse der Hamburger beim FC Bayern lauten: 0:8, 0:5, 0:8, 1:3, 2:9, 0:5, 0:6.

Hamburger SV - FSV Mainz 05 0:0
Hamburg:
Mathenia - Sakai, Papadopoulos, van Drongelen, Santos - Jung (74. Arp), Walace - Jatta (59. Hahn), Hunt (46. Waldschmidt), Kostic - Schipplock. - Trainer: Hollerbach
Mainz: Müller - Balogun, Bell, Diallo - Donati, Gbamin, Holtmann (46. Brosinski) - Serdar, Latza - Muto (88. Ujah), Quaison (77. Onisiwo). - Trainer: Schwarz
Schiedsrichter: Markus Schmidt (Stuttgart)
Zuschauer: 46.739
Gelb-Rote Karte: Balogun wegen wiederholten Foulspiels (61.)
Gelbe Karten: Walace (3), Arp, Santos (3), Mathenia (2) - Holtmann, Gbamin (3), Bell (6)
Besonderes Vorkommnis: Müller hält Foulelfmeter von Kostic (62.)



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
dröhnbüdel 03.03.2018
1. Na und?
Nach den sportlichen Leistungen des HSV in dieser Saison (und schon lange vorher) wäre ein Abstieg ein ganz normaler Vorgang, kein Grund zur Aufregung. Spannend daran wäre nur, dass der HSV und St. Pauli beide in der 2. Bundesliga spielen würden. Und das wäre eine Herausforderung für die Hamburger Polizei. Der HSV müsste zum Millerntor und die Kiez-Kicker ins Volksparkstadion, wie will man dann die Fans auf beiden Seiten bändigen?
japhyryderson, 03.03.2018
2. Habe vor kurzem
eine Diskussion des HSV-Forums "Rautenperle" (Nachfolge von "Matzab") angeschaut. Demnach stimmt es im gesamten Verein nicht mehr. Die ganze Kultur dieses Universalsportvereins ist offenbar von Neid, Egoismus und übler Nachrede geprägt. Da ist der Fussball wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs, was in diesem Verein falsch läuft. Wenn ich in einem Betrieb oder Unternehmen arbeiten muss, wo das Betriebsklima dermassen besch.. ist, da brauch ich schon ein dickes Fell um mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen meiner Arbeit nachzugehen. Oder ein vernünftiges Schmerzensgeld. Schade, HSV.
japhyryderson, 03.03.2018
3. ???
Zitat von dröhnbüdelNach den sportlichen Leistungen des HSV in dieser Saison (und schon lange vorher) wäre ein Abstieg ein ganz normaler Vorgang, kein Grund zur Aufregung. Spannend daran wäre nur, dass der HSV und St. Pauli beide in der 2. Bundesliga spielen würden. Und das wäre eine Herausforderung für die Hamburger Polizei. Der HSV müsste zum Millerntor und die Kiez-Kicker ins Volksparkstadion, wie will man dann die Fans auf beiden Seiten bändigen?
Meinen Sie St. Pauli und der HSV spielen zum ersten Mal gegeneinander? Bisher sind die meisten Spiele unter den Zuschauern relativ normal abgelaufen.
peter.lange 03.03.2018
4. Ich verstehe die Feindschaft nicht
die zwischen Pauli und HSV Anhängern herrscht. Als Hamburger drückt man beiden teams die Daumen und wenn sie gegeneinander spielen, dann dem team, das mit dem Sieg mehr anfangen kann. So sehe ich das.
northernnative 03.03.2018
5. Uhr
Eigentlich könnte der HSV die Uhr bis zum nächsten Spieltag abbauen und zu ihrem nächsten Auswärtsspiel mit nach München nehmen um sie in der Allianz-Arena zu installieren. Auch wenn Bremen noch ein Jahr mehr BL-Zugehörigkeit als der FCB hat - Werder hatte eine Zwangspause 1980/81 - zählt doch eher die zusamenhängende Erstliga Zugehörigkeit :-).
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