Bundesliga-Dino HSV: Tyrannosaurus Ex

Von Clemens Gerlach

Der Hamburger SV rutscht weiter ab. Trainer und Sportdirektor reden die gefährliche Situation aber schön. Das könnte sich für das Bundesliga-Urgestein rächen. Vielleicht reicht es aber dennoch, es gibt noch schwächere Clubs.

HSV-Profis Mancienne (l.) und Petric: "Werden bis zum letzten Spieltag unten stehen" Zur Großansicht
dapd

HSV-Profis Mancienne (l.) und Petric: "Werden bis zum letzten Spieltag unten stehen"

Die Bilanz ist verheerend. Von den vergangenen sechs Ligaspielen konnte der Hamburger SV keines gewinnen, zuletzt gab es vier Niederlagen am Stück. Der Vorsprung auf die Abstiegsplätze wird immer geringer. Weil der HSV als einziger Club der Bundesliga ununterbrochen seit deren Gründung 1963 angehört, nennt er sich selbst Bundesliga-Dinosaurier. Das passt unfreiwillig. Lange regierten die Dinos die Erde, dann waren sie plötzlich weg. Tyrannosaurus Ex.

"Natürlich mache ich mir Sorgen", sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow nach dem 1:2 in Wolfsburg. Der HSV hatte am Freitag nicht einmal schlecht gespielt, doch nach einem Patzer des normalerweise mehr als soliden Torwarts Jaroslav Drobny gab es wieder keine Punkte. "In erster Linie müssen die Ergebnisse besser werden, die stimmen nicht", hat Jarchow erkannt.

Wer für die Ergebnisse verantwortlich ist, hat er nicht gesagt. Aber man kann ahnen, wen der HSV-Boss in der Pflicht sieht - Chefcoach Thorsten Fink. Damit aber nicht noch mehr spekuliert wird, stellte Jarchow am Samstag in Anschluss an eine Unterredung mit Fink fest: "Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir das richtige Trainerteam haben."

Fotostrecke

12  Bilder
Wolfsburg vs. HSV: Scharfschütze Schäfer, deplatzierter Drobny
Viele Fans sind sich da weniger sicher, beziehen ihre Skepsis aber vor allem auf das Team. Die Abwehr hat regelmäßig Aussetzer, vor allem bei Standardsituationen. Dem Mittelfeld fehlt es an Esprit. Bezeichnend: Bester Mann in der für den Spielaufbau so wichtigen Zentrale ist der eigentlich schon ausgemusterte David Jarolim. Der 32-Jährige hat jede Menge Routine, macht das Spiel aber sehr langsam.

Im Angriff läuft auch nicht viel. Der torgefährlichste Spieler darf leider nicht mitmachen. Paolo Guerrero wurde für sieben Wochen gesperrt. Er hatte im Heimspiel gegen Stuttgart Gästetorwart Sven Ulreich mit einem beherzten Tritt gefällt. Der aus Peru stammende Stürmer kann nur noch die beiden letzten Spiele dieser Bundesliga-Saison bestreiten.

Auf die Treffsicherheit des Schweden Marcus Berg, der in Wolfsburg den Ausgleich erzielt hatte, sollten sich die Hamburger lieber nicht verlassen. Der 25-Jährige ist alles andere als ein Torjäger. Mladen Petric war einmal so einer. Aber der 31 Jahre alte Kroate spielt eine schwache Saison. Zu gesteigerter Motivation trägt sicherlich nicht bei, dass der HSV Petric unlängst mitteilte, dessen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen.

Trainer und Sportdirektor üben sich in Schönfärberei

Trotz der offenkundigen Probleme gibt sich der seit Mitte Oktober 2011 amtierende Trainer Fink unbeeindruckt. "Das Spiel stimmt mich optimistisch. Wenn wir so weitermachen, werden wir wieder gewinnen. Wir müssen nichts ändern." Diese Aussage verwundert angesichts der jüngsten Auftritte sehr. Aber inzwischen ist man es ja gewohnt, dass Fink zuweilen eine sehr eigene Sichtweise pflegt.

Nach der peinlichen 1:3-Heimniederlage vor einer Woche gegen Kellerkind Freiburg hatte Fink ja auch behauptet, der HSV sei "kein Abstiegskandidat". Problematisch erscheint in diesem Zusammenhang, dass auch Sportdirektor Frank Arnesen zu Schönfärberei neigt. "Wir haben ein gutes Spiel gemacht und alles gegeben", kommentierte der Däne den Auftritt des HSV in Wolfsburg.

Unter Fink hat der HSV in 18 Bundesligaspielen 20 Punkte geholt. Der Schnitt von 1,1 Punkten pro Partie ist genau der, der auf eine gesamte Saison gerechnet einem Bundesliga-Team den sicheren Klassenerhalt bringen müsste. Doch die guten Ergebnisse stammen aus Finks Anfangszeit in Hamburg, als das Team sehr kompakt stand, gut verteidigte und von Platz 18 bis auf 10 kletterte.

"Wir haben es mit ihm geschafft, aus dem Tabellenkeller zu kommen. Jetzt haben wir einen Rückschlag erlitten und müssen sehen, dass wir dies wieder umdrehen", fordert HSV-Chef Jarchow. Die Spieler selbst sind nicht sehr zuversichtlich, dass es schnell mit der Trendwende klappen wird. "Dass wir bis zum letzten Spieltag da unten stehen werden, ist klar", so Jarolim.

Immerhin etwas Trost haben die Hamburger. Mit Hertha BSC und Kaiserslautern sind schon einmal zwei Clubs noch schwächer. Jetzt muss sich nur noch ein Dritter finden. Auf Freiwillige jedoch sollte der HSV besser nicht hoffen.

VfL Wolfsburg - Hamburger SV (0:0)
1:0 Mandzukic (46.)
1:1 Berg (47.)
2:1 Schäfer (75.)
Wolfsburg: Benaglio - Hasebe, Russ, Felipe, Rodríguez - Polak (83. Madlung), Josué (65. Jiracek) - Dejagah, Schäfer - Helmes (90.+2 Vierinha), Mandzukic
Hamburg: Drobny - Diekmeier, Mancienne, Westermann, Aogo - Jarolim (83. Kacar), Rincón - Ilicevic (80. Töre), Jansen (76. Son) - Petric, Berg
Schiedsrichter: Brych
Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Josué (6), Polak (3), Felipe (4), Jiracek / Westermann (6)

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Seraphan 24.03.2012
Zitat von sysopdapdDer Hamburger SV rutscht weiter ab. Trainer und Sportdirektor reden die gefährliche Situation aber schön. Das könnte sich für das Bundesliga-Urgestein rächen. Vielleicht reicht es aber dennoch, es gibt noch schwächere Clubs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,823515,00.html
Es wäre schade, wenn der HSV absteigen sollte. Aber die Schwarzmalerei ist unangebracht. Wie selbst im Artikel zitiert, der HSV hat einen Rückschlag erlitten, nachdem er kontinuierlich - kontinuierlich, nicht bestechend - in der Tabelle nach oben entwickelte. Deshalb fällt ja nicht gleich alles zusammen. Nichtsdestotrotz würde ich dem HSV den 16. Platz mit, gewonnener, Relegation wünschen. Ein eindeutigere Schockwirkung kann es nicht geben.
2. Das wird ein Fest in Hamburg...
signalgrau 24.03.2012
Meine Kristallkugel sieht es schon ganz klar und deutlich: Relegation gegen den FC St. Pauli. Wohne als HSV Fan auf St. Pauli. Das wird bestimmt lustig.
3. Wunschvorstellung der Konkurrenz
tingleff 24.03.2012
Mich beschleicht der Eindruck, das sehr viele Fans und Vorstandskollegen der Vereine in der 1. Bundesliga den Abstieg des HSV herbeisehnen, weil er dann in puncto Zugehörigkeit auf das Maß der Bayern usw. herunterkommt. Trotzdem frage ich mich, warum ein Verein in der reichsten Stadt Deutschlands über keine innerstädtischen Sponsoren verfügt. Milliardengewinne werden nicht in das Aushängeschild HSV Hamburg investiert? Otto, Beiersdorf, Airbus und Vattenfall, um nur einige Beispiele zu nennen.
4. Wahrnehmungsstörung
Heinz L. Männchen 24.03.2012
Zitat von tingleffMich beschleicht der Eindruck, das sehr viele Fans und Vorstandskollegen der Vereine in der 1. Bundesliga den Abstieg des HSV herbeisehnen, weil er dann in puncto Zugehörigkeit auf das Maß der Bayern usw. herunterkommt. Trotzdem frage ich mich, warum ein Verein in der reichsten Stadt Deutschlands über keine innerstädtischen Sponsoren verfügt. Milliardengewinne werden nicht in das Aushängeschild HSV Hamburg investiert? Otto, Beiersdorf, Airbus und Vattenfall, um nur einige Beispiele zu nennen.
schon erstaunlich; Der Verein und seine Fans leiden offenkundig an der selben Krankheit. Wahrnehmungsstörungen und Realitätsverlust. Fakt ist, dass diese Truppe seit Jahren einen kaum anzusehenden Rumpelfußball darbietet. Ein zusammengekaufter Haufen ohne Konzept, ohne Idee, ohne Identifikation, ohne Perspektive und, größtenteils ohne fußballerische Grundfertigkeiten. Ein Verein mit miserabler Jugendförderung und unterirdischem Scouting. Wie man diesen Honoratiorenclub als Aushängeschild Hamburgs auffassen kann ist mir völlig schleierhaft. Für mich ist dieser Club seit Jahren überfällig als Absteiger der Herzen. Also, 2.-Liga - HSV ist hoffentlich dabei.
5. Tolle Aussichten
BettyB. 24.03.2012
Gut: Relegation zwischen St. Pauli und HSV 2:1 Besser: 2 Spiele beider Mannschafen in der Saison in der zweiten Liga Die nähste Saison könnte eine gute werden!!! So und so...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Der letzte Kick
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
Fotostrecke
Hamburger SV: "Uns Uwe" und immer wieder Juve

Fotostrecke
VfL Wolfsburg: Meister-Kicker aus der Autostadt
Themenseiten Fußball
Tabellen