Krisenklub Hamburger SV Nicht mehr zu retten

Unter Christian Titz spielt der HSV wieder Fußball. Die tief sitzende Verunsicherung bleibt aber auch unter dem neuen Trainer. Und dann fällt ihm noch ein Spieler in den Rücken.

Die Uhr beim HSV scheint abzulaufen
REUTERS

Die Uhr beim HSV scheint abzulaufen

Von Daniel Jovanov, Hamburg


Er hat fast alles verändert, was man in so kurzer Zeit verändern kann. Und steht nach einer 1:2-Niederlage gegen Hertha BSC am Ende doch mit leeren Händen da. Dabei ist es Christian Titz, 46, dem dritten Cheftrainer des Hamburger SV in dieser Saison, unter der Woche tatsächlich gelungen, ein wenig Vorfreude auf das Spiel gegen die Berliner zu entfachen.

Eine klare Analyse der sportlichen Situation, eine detaillierte Vorstellung von Taktik und Spielweise sowie die Ankündigung, rigoros durchzugreifen. All das hat den Fans des HSV Hoffnung gemacht. Hoffnung darauf, dass es doch noch irgendwie klappt mit dem Klassenerhalt. Etwa 150 von ihnen marschierten einen Tag vor dem Spiel als Zeichen ihrer Unterstützung zum Training, sangen "Niemals zweite Liga". Es kommen nicht mehr ganz so viele wie noch vor ein paar Jahren. Aber immerhin hat dieser Trainerwechsel kurzfristig für einen Stimmungsumschwung gesorgt.

Angst vor der eigenen Courage

Allerdings hielt diese Stimmung gerade einmal 56 Minuten an. Nach dem Ausgleich von Valentino Lazaro war schnell klar, dass der HSV in alte Muster verfallen würde. Weitere sieben Minuten später traf der eingewechselte Salomon Kalou zur Führung für die Hertha. Vom klar strukturierten, offensiven Fußball der ersten Hälfte war bei den Hamburgern plötzlich nichts mehr zu sehen.

Christian Titz
DPA

Christian Titz

Die Halbzeitpause hat dem HSV das Genick gebrochen. Weil sie Gelegenheit bot, nachzudenken: Erstmals seit langer Zeit hatten die Rothosen wieder etwas zu verlieren. Ein ungewohntes, hemmendes Gefühl, an dem vor Titz schon einige Trainer gescheitert sind. Besonders erfolgreich war der HSV immer nur dann, wenn er nichts zu verlieren hatte. Aber so?

Das zeigt, welch schwere Aufgabe Titz bewältigen muss. Er hat dem Team mit einer neuen Formation, neuen Spielern und einer auf Spielkontrolle und Ballbesitz ausgelegten Taktik zumindest kurzzeitig bewiesen, dass es doch noch Fußball spielen und nicht, wie unter Vorgänger Bernd Hollerbach, nur Fußball zerstören kann. Aber Titz hat in der kurzen Phase seit seinem Amtsantritt nicht die tiefliegende mentale Verunsicherung beseitigen können. Der HSV hat seit November 2017 kein Spiel mehr gewonnen und dabei verlernt, eine Führung über die Zeit zu bringen. Überhaupt ist das gesamte Gebilde derart labil, dass ein kurzer Gegenwind reicht, um fast alles wieder zum Einsturz zu bringen.

Papadopoulos kritisiert Aufstellung

Fast noch schlimmer als die Niederlage sind jedoch die Geschichten abseits des Rasens. Bilder von Prügeleien im A-Rang der Nordtribüne, dem Bereich der Ultras, den treuesten der Treuen. Polizisten mit Hunden mussten das Spielfeld sichern. Bilder von Chaoten, die sich vor dem Volksparkstadion wilde Jagdszenen mit der Polizei liefern. Und von frustrierten, nicht berücksichtigten Spielern, die dem neuen Trainer schon nach nur einem Spiel öffentlich in den Rücken fallen. "Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht gespielt habe. Der Trainer hat nicht mit mir gesprochen. Ich werde das Gespräch auch nicht suchen", sagte der sonst eher wortkarge Verteidiger Kyriakos Papadopoulos. Es sei "total schade, dass manche erfahrene Spieler nicht in der Mannschaft waren. Die Mannschaft braucht diese Spieler", glaubt der Grieche.

Es war schwer, aber der ohnehin schon große Riss innerhalb des Hamburger SV ist nach Titz' radikalen Änderungen sogar noch ein wenig größer geworden. Papadopoulos' Sätze sind ein Versuch, seine Autorität zu untergraben. Es ist alles andere als ein Zeichen von Loyalität, Entscheidungen des Trainers öffentlich zu kritisieren. Titz darf sich das nicht gefallen lassen. Immerhin ist der neue Cheftrainer nach seinem ersten Spiel in der Bundesliga um die Erkenntnis reicher, auf wen er in Zukunft bauen kann. Und auf wen nicht.

Kyriakos Papadopoulos
Getty Images

Kyriakos Papadopoulos

Doch die bitterste Erkenntnis hat nach Schlusspfiff niemand wirklich zum Thema gemacht: Dieser HSV ist nicht mehr zu retten. Egal, wie viele Änderungen und Wechsel das Gründungsmitglied der Bundesliga bis zum Ende der Saison noch vornehmen wird. Es hilft alles nichts. Sieben Punkte bei einer sieben Gegentore schlechteren Tordifferenz werden in den verbliebenen sieben Spielen nicht mehr aufzuholen sein. Wenn der HSV trotz Führung und guter Leistung nicht einmal gegen maximal durchschnittliche Berliner gewinnen kann, gegen wen sonst?

insgesamt 53 Beiträge
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mullertomas989 17.03.2018
1. "Titz darf sich das nicht gefallen lassen"
Das ist der entscheidende Satz!! Die Spieler müssen endlich mal begreifen, dass sie Angestellte eines Arbeitgebers sind! Diese simple Banalität scheinen einige nicht begriffen zu haben, für viele scheint das immer noch ein (um einige Nummern) größeres Bolzen im Jugendverein zu sein, aber kein Job, dem man professionell nachgeht - Loyalität, erst recht in einer großen Krisensituation, gehört dazu!! Also: Dem Papa mindestens ne deutliche Rüge verpassen und vielleicht nächstes Mal auch draußen lassen!
markus.pfeiffer@gmx.com 18.03.2018
2. Mag den HSV zwar gar nicht, aber...
Bin Fan eines anderen Bundesliga-Clubs und finde, dass der HSV mit seinem Dino- und "Wir-sind-der-HSV"- Gehabe schon seit Jahren den Abstieg mehr als verdient hat, aber nacj den ersten Eindrücken von Titz muss ich eines konstatieren: Mit so einem Typen an der Seitenlinie (und zwar nicht nur für Wochen, sondern für Jahre - dann können die Spieler auch nicht mehr darauf hoffen, dass ihre eigene Leistung "egal" ist, weil der Trainer eh das schwächste Glied in der Kette ist), also mit einem Typen wie Titz seit Saisonbeginn als Trainer, würde der HSV jetzt irgendwo zwischen Stuttgart, Mönchengladbach und Augsburg im Tabellen-Mittelfeld herumhängen und sich über liegen gelassene Punkte im Kampf um das internationale Geschäft ärgern. Papadopoulos Kritik 'adelt' Titz da nur: Wenn er und andere auch nur annähernd die Leistung auf den Rasen bringen würden, wie beim Vorgänger-Club.... Dass dies nicht gelingt und dass beim HSV regelmäßig aus eher überdurchschnittlichen Bundesligaspielern eher unterdurchschnittliche werden, liegt - systemisch gedacht - meiner Meinung nach am Gesamtkonstrukt "HSV", ob man da Selbstverständnis, Führungskultur, Ansprüche oder noch vieles andere als erstes nennt, ist erstmal egal. Ich bezweifle, dass diese kaputte System in der 2. Liga genug Selbstheilungskräfte entwickeln wird, um wieder zu alter Größe zurückzukehren. Vielmehr dürfte man den Weg gehen, den der letzte Relegationsgegner (KSC, immerhin mehrfach im Europapokal) oder 1860 München oder Kaiserslautern im Kleinen bereits vorgemacht haben: Ein richtig heftiger Absturz und ein langes Dümpeln in niedrigeren Ligen, sich dabei ewig an den mehr und mehr verblassenden Glanz der alten Größe klammernd...
Franke aus Hamburg 18.03.2018
3.
Abgestiegen? Abwarten! Die Überschrift ist bei noch sieben Spielen ziemlich vermessen. Und Mainz, wie auch Wolfsburg sind nicht gerade suf Augenhöhe mit Real Madrid.
inter90 18.03.2018
4. Konsequent
wäre es, Papadopoulos gar nicht mehr spielen zu lassen. Er hat ja als "erfahrener Spieler" auch den HSV in diese Situation gebracht. Da geht es um den ganzen Verein und nicht um persönliche Einzelschicksale wenn man nicht spielt..
il_phenomeno 18.03.2018
5. Aus meiner Sicht sollte der HSV
versuchen einen schlagkräftigen Kader für die 2te Liga zu finden. jetzt ruhig probieren und schauen wer mitzieht. im unrealistischsten Fall langts vielleicht doch für Liga 1. So weit sind die gar nicht von der relegation weg...
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