HSV-Sieg im Abstiegsduell "Wir spielen ganz anderen Fußball"

Noch vor zwei Wochen galt Hamburg als sicherer Absteiger. Doch nach dem zweiten Sieg in Folge herrscht Euphorie. Hat der Verein noch eine Chance?

HSV-Torschütze Luca Waldschmidt (M.)
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HSV-Torschütze Luca Waldschmidt (M.)

Aus Wolfsburg berichtet


Im Kabinengang der Wolfsburger Arena am Mittellandkanal ist ein großes Werbeplakat zu sehen. Es zeigt ein paar Fußballer des VfL, die Entschlossenheit und Gelassenheit ausstrahlen sollen. Drei Schlagworte prangen über ihren Köpfen: "Arbeit. Fußball. Leidenschaft."

Mit Werbung ist es nun mal so: Sie kann gegen einen verwendet werden, wenn es schlecht läuft. Derzeit läuft es beim VfL Wolfsburg ziemlich schlecht. Dem miserablen Auftritt beim 0:3 in Mönchengladbach vergangene Woche folgte am Samstag ein nur in Nuancen besserer gegen den Hamburger SV. Als "Arbeit" ging das noch durch bei der 1:3-Niederlage. Aber "Fußball"? War ebenso wenig zu sehen wie "Leidenschaft".

Als die Spieler des HSV vor ihrer Kurve gefeiert wurden, standen die Wolfsburger nahe der Mittellinie und überlegten, ob sie zu ihren wütenden Fans gehen sollten. Sie schlichen dann los, klatschten ein bisschen in die Hände und stoppten abrupt, als sie merkten, dass die Wut der Anhänger wächst.

Spieler und Fans des VfL nach dem Abpfiff
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Spieler und Fans des VfL nach dem Abpfiff

"Wir müssen das akzeptieren. Wir haben kein Ergebnis geliefert", war die Reaktion von Trainer Bruno Labbadia auf die Wolfsburger Kurve, die mit einigem Recht fürchtet, dass es auch in dieser Saison eine Verlängerung gibt. In der vergangenen Spielzeit musste der VfL in die Relegation und wendete den drohenden Abstieg dort gegen Braunschweig ab. Dass es damals so weit kam, lag auch daran, dass der VfL am letzten Spieltag 1:2 gegen den HSV verlor.

Luca Waldschmidt, erst in der 86. Minute eingewechselt, sicherte den Hamburgern damals mit seinem ersten Bundesligator die Klasse. "Heute war bei uns der absolute Wille da", sagte er nun in Wolfsburg, wo er in der Nachspielzeit und im Nachschuss eines Elfmeters sein überhaupt erst zweites Bundesligator geschossen hatte.

Der Wille war ein Faktor. Aber wesentlicher war, dass er nur die Voraussetzung für einen verrückten Gedanken ist, auf den die Hamburger gekommen sind, seitdem Christian Titz dort auf Bernd Hollerbach als Trainer gefolgt ist. Titz versucht, den Abstiegskampf mit Fußball zu bestehen. Der Plan, den Ball mit vielen flachen Pässen nach vorne zu spielen statt ihn, wie zuvor regelmäßig geschehen, mit einem gewaltigen Hub zu dreschen, geht bislang auf.

Das Restprogramm des HSV

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. Eintracht Frankfurt A
34. Borussia Mönchengladbach H

"Wir spielen einen ganz anderen Fußball, und es macht uns einen Riesenspaß, in diesem System zu spielen", sagte Aaron Hunt, dem es an Dynamik und Zweikampfhärte fehlt, aber Fußball spielen kann er halt. Das 4-1-4-1, in dem er sich recht frei neben, vor oder hinter Lewis Holtby im Zentrum des offensiven Mittelfeldes aufhält, liegt ihm.

"Das Viertelfinale haben wir geschafft. Jetzt kommt das Halbfinale bei Eintracht Frankfurt", sagte Holtby, der in Wolfsburg seinen vierten Treffer in den vergangenen fünf Spielen erzielte. Das mögliche Finale würde im eigenen Stadion gegen Borussia Mönchengladbach ausgetragen. Aktuell hat der HSV als 17. zwei Punkte Rückstand auf die Plätze 16 (Mainz, ein Spiel weniger) und 15 (Wolfsburg). Vor zwei Wochen waren es noch acht Punkte gewesen.

Das Restprogramm des VfL Wolfsburg

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. RB Leipzig A
34. 1. FC Köln H

Der VfL Wolfsburg tritt noch in Leipzig und gegen den Absteiger 1. FC Köln an. "Heute liegen wir am Boden. Aber wir haben es noch selbst in der Hand. Wir müssen wieder aufstehen", forderte Labbadia. Er war von den Fans gefeiert worden. Allerdings nicht von den eigenen, es waren die Hamburger Anhänger, die seinen Namen riefen, denn Labbadia rettete den HSV in der dramatischen Relegation 2015 gegen den Karlsruher SC.

Zu den sportlichen Sorgen kommen beim VfL die Störgeräusche aus der Führungsebene. Horst Heldt sollte aus Hannover geholt werden, doch die Verhandlungen scheiterten. Einen Tag vor dem Spiel gegen den HSV wurde daher der beschädigte Sportdirektor Olaf Rebbe freigestellt.

"Es ist immer schade, wenn ein guter Mensch gehen muss. Aber das darf für uns nicht als Entschuldigung gelten", sagte Labbadia, der auch noch einen Wunsch für die kommenden Wochen formulierte: "Wir müssen als Mannschaft funktionieren." In diesem Punkt sind die Hamburger schon vorbeigezogen. Das gilt womöglich bald auch für die Tabelle. Mit Arbeit und Leidenschaft, vor allem aber mit Fußball.

VfL Wolfsburg - Hamburger SV 1:3 (0:2)
0:1 Wood (43. Foulelfmeter)
0:2 Holtby (45.+1)
1:2 Brekalo (78.)
1:3 Waldschmidt (90.+3)
Wolfsburg: Casteels - Verhaegh (46. Brekalo), Knoche, Uduokhai, William - Guilavogui - Tisserand (12. Bazoer), Arnold - Blaszczykowski (75. Malli), Steffen - Origi
Hamburg: Pollersbeck - Sakai, Papadopoulos, Jung, Santos - Steinmann - Kostic, Holtby, Hunt (68. Ekdal), Ito (85. Jatta) - Wood (77. Waldschmidt)
Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)
Gelbe Karten: Verhaegh, Knoche, Brekalo / Pollersbeck, Papadopoulos
Zuschauer: 29.000

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Seite 1
Nonvaio01 28.04.2018
1. Naja
das momentum ist mit den spielern vom HSV, muss man ganz klar sagen.
thormueller 29.04.2018
2. Christian Titz ist unglaublich
Als Fan von Borussia Dortmund habe ich in diesem Thema keine Aktien. Gut, ich könnte natürlich die allgemeine Stimmungslage nutzen um irgendwelche Gehässigkeiten abzusetzen und in den Blödsinn einstimmen, den sog. Experten, Woche für Woche in die Blöcke der Journaille diktieren. Genau das Gegenteil ist meine Absicht. Zunächst einmal ist mir rätselhaft, warum so viele Menschen den Hamburger SV in der 2. Bundesliga sehen wollen? Was ist dem Verein von aussen vorzuwerfen? Das Chaos? Die Fehleinkäufe und Fehleinschätzungen? Die "Uhr"? Ich begreife es nicht. Klar, wer sportlich scheitert steigt ab. Aber warum dieser Hass? Die unzähligen Querelen und Katastrophen sind quasi Interna, ebenso wie die daraus resultierenden Schäden für den Klub. Würde man allen Vereinen mit einer ähnlichen Vita und eher limitierten Protagonisten in der Belle Etage die Pest und den Abstieg an den Hals wünschen, wäre die 1. Bundesliga mittelfristig eine eher triste und einsame Veranstaltung. Ferner präsentieren die Hamburger in Dortmund stets einen stimmungsvollen Gästeblock, worauf ich in der kommenden Spielzeit nur sehr ungern verzichten würde. Letztlich ist da aber auch dieser unglaubliche Trainer. Wie kompetent, sachlich und aufgeräumt der Mann sein Team durch die Krise steuert und dabei den Verein großartig vertritt, verdient höchste Anerkennung. "Dat is nen Guten", wie wir im Pott sagen. Ich wünsche den Hamburgern den Klassenerhalt und Christian Titz den verdienten Lohn. Er ist ein wohltuendes Gegengewicht, zu all den Schwätzern, Kaspern und Selbstdarstellern und offenbar ein exzellenter Fachmann obendrein.
wassolldasdenn52 29.04.2018
3. Viel Glück HSV
Nun haben sie sich herangespielt. Sollte das Wunder wahr werden? Dann gäbe es nur einen Trainer, mit dem es die Mannschaft geschafft hätte. Christian Titz. Was einmal mehr beweist, dass nicht immer die grossen Namen etwas bewirken. Und sollte es gelingen, den Klassenerhalt doch noch zu schaffen, dann kann man der Führungsspitze nur dringend empfehlen, diesen hervorragenden Trainer schnellstmöglich längerfristig an den HSV zu binden. Christian Titz ist für diesen Verein so herrlich erfrischend und unverbraucht, dass es wieder Spass macht, den HSV wieder spielen zu sehen. Danke Christian Titz und Deinem Trainerteam. Jetzt gewinnt eure letzten beiden Spiele bitte auch noch. Good luck!
tmhamacher1 29.04.2018
4. Chapeau!
In dieser Form hat der HSV es verdient, in der Bundesliga zu bleiben! Der neue Trainer zeigt, was man aus einer Mannschaft herauskitzeln kann. Als Fan des 1. FC Köln möchte ich darauf hinweisen, wie wichtig richtige Entscheidungen für einen Verein sind. Wir sind fest in der Hand von ahnungslosen Selbstdarstellern, die den Verein sportlich an die Wand gefahren haben.
wolleb 29.04.2018
5.
Typisch Hamburg. Das sie gegen die zur Zeit schlechteste Bundesliga Mannschaft gespielt haben wird verdrängt.
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