Hamburger SV Null Tore und das Kopfproblem

Der Hamburger SV hat auch bei Borussia Mönchengladbach verloren. Verantwortliche stammeln sich groteske Erklärungen zurecht, in Wirklichkeit mangelt es nur an einer offensiven Spielidee.

Aus Mönchengladbach berichtet

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Heiko Westermann hat in den vergangenen Monaten der Dauerkrise ein Talent darin entwickelt, die Hamburger Fußballtristesse mit offiziellen Verlautbarungen auszuschmücken. Während die meisten Kollegen nach den vielen Niederlagen mit ernsten Gesichtern in der Kabine verschwinden, stellt sich der ehemalige Nationalspieler Woche vor Woche vor die Mikrofone, beschwichtigt, erklärt, analysiert und verteidigt. Und wenn es gar nicht anders geht, dann spricht er auch mal deutliche Worte der Selbstkritik.

Nach der 0:1-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach ging es aber anders, und so bemühte Westermann sich darum, die zarte Zuversicht, die der Trainerwechsel und das 0:0 gegen die Bayern vom vorigen Wochenende erzeugt haben, möglichst unbeschädigt zu lassen. "Wir haben nicht so schlecht gespielt, in einige Phasen haben wir die Gladbacher sogar hinten reingedrückt", beschrieb Westermann eine vermeintliche Überlegenheit, die sich in einem leichten Übergewicht in der Ballbesitzstatistik niederschlug (51:49 Prozent).

Das hörte sich ganz gut an, ist aber auch ein deutliches Anzeichen für die Verzweiflung, die das Hamburger Fußballprojekt derzeit umgibt. Es war nämlich ein eher müdes Fußballspiel, das die 44.000 Zuschauer geboten bekamen, und natürlich war der Sieg der Gladbacher "insgesamt verdient", wie Borussias Trainer Lucien Favre anmerkte. Der Borussia reichte eine bescheidene Leistung für diesen dreifachen Punktgewinn.

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Tolgay Arslan: "Wir haben ein Kopfproblem."

Der Hamburger SV ist damit auf dem letzten Tabellenplatz angekommen, und immer noch wartet das Team auf seinen ersten Bundesligatreffer, was Tolgay Arslan mit einem "Kopfproblem" erklärte. Dieser Hemmfaktor irgendwo in den Tiefen der Mannschaftspsyche komme immer dann zur Wirkung, wenn Durchschlagskraft in Tornähe gefragt ist. Fünf Bundesligaspiele ohne Torerfolg zerstören eben das Selbstvertrauen.

Joe Zinnbauer gefiel diese Erklärung allerdings überhaupt nicht. "Ein Kopfproblem? Ich weiß nicht", sagte der neue Trainer, "wir spielen Fußball und können nicht immer sagen: Kopfproblem". Zinnbauer fand die Leistung seines Teams eigentlich sogar ganz gut: "Man kann der Mannschaft ein Kompliment machen, weil wir viel gelaufen sind, wir haben viel getan, viel investiert", erklärte er, "aber es fehlt uns momentan ein bisschen das Spiel in die Spitze."

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Vermutlich wird seine interne Nachbereitung mit der Mannschaft weniger positiv klingen. Denn natürlich mangelt es an Klarheit in der Offensive, vor allem aber funktioniert auch das Defensivspiel der Mannschaft längst nicht so gut, wie die beiden Partien gegen die Spitzenklubs aus München und Gladbach mit nur einem Gegentreffer auf den ersten Blick nahelegen.

Das beste Beispiel dafür war das Tor des Abends. Völlig unbedrängt konnten die Gladbacher in jener 24. Minute das Spiel aus der eigenen Hälfte aufbauen. Christoph Kramer, Raffael und André Hahn durften den Ball jeweils in aller Ruhe stoppen und weiterspielen. Die Gäste hielten sich schön raus aus der Aktion, selbst Max Kruse, der dann aus fünf Metern erst den Pfosten und im Nachschuss das Tor traf, hatte jede Menge Platz. Viel zuvorkommender kann man einen Gegner nicht zum Torerfolg einladen.

Hamburger SV hat keine offensive Spielidee

Grundsätzlich mangelt es dem Spiel der Hamburger nicht nur an offensiver Überzeugungskraft, auch die körperliche Präsenz und die Leidenschaft sind steigerungsfähig. Vor allem aber fehlt dem HSV weiterhin eine tragfähige Spielidee, wobei zumindest Lewis Holtby hier erste Ansätze zeigte. "Man erkennt eine Handschrift. Wir haben mehr Ballbesitz, wir kämpfen und fighten", sagte er.

Dass der Tabellenletzte das Spiel in der zweiten Hälfte oft in die Mönchengladbacher Hälfte verlagern konnte, war allerdings mit dem Verlust einer ausgewogenen Balance zwischen Defensive und Offensive erkauft. An besseren Tagen hätten Kruse, Raffael und später der eingewechselte Branimir Hrgota die zahllosen Hamburger Einladungen zum Konter mit drei oder vier Toren beantwortet.

Und so lag am Ende tatsächlich der Ausgleich in der Luft, als diverse gefährliche Bälle eher zufällig als geplant durch den Gladbacher Strafraum flogen, die mit etwas Glück von irgendeinem Körperteil ins Tor hätten springen können. Aber auf solche Zufälle zu hoffen, ist keine besonders vielversprechende Strategie.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
pariah_aflame 25.09.2014
1.
naja, in gladbach ist man sich vergleichsweise einig, dass die leistung der eigenen mannschaft nicht bescheiden, sondern ziemlich gut war. gerade defensiv. man sollte also den hsv nicht über gebühr schlechtreden.
chuckal 25.09.2014
2. steht doch schon auf dem mannschaftsbus
Mein Sohn hat mich neulich auf der A7 gefragt: Papa wer fährt da in dem Bus? Beim Überholen in der Nähe der Müllverbrennungsanlage konnte ich es dann lesen: NUR DER HSV... Na dann...
username987 25.09.2014
3. ich habe grosse hoffnung,
dass sie es dieses jahr wirklich schaffen mit dem abstieg, das muss jetzt einfach mal sein
troy_mcclure 25.09.2014
4.
Zitat von pariah_aflamenaja, in gladbach ist man sich vergleichsweise einig, dass die leistung der eigenen mannschaft nicht bescheiden, sondern ziemlich gut war. gerade defensiv. man sollte also den hsv nicht über gebühr schlechtreden.
Ja, Borussia Mönchengladbach ist in der derzeitigen Situation des HSV sicherlich nicht der Maßstab.
prince62 25.09.2014
5. Die dachten schon an die CL im nächsten Jahr.
Na sowas aber auch, wie ich nach dem Bayern-Spiel schon vermutete, gegen die, nach dem CL-Spiel gegen City, ausgepumpten Bayern können die plötzlich laufen und kämpfen und dann geht wieder alles Elend von vorne los, dabei hatten die HSV-Trolle schon von der CL-geträumt, schließlich war man ja gleiche Höhe wie die Bayern.
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