Pyrotechnik beim HSV-Abstieg Viel Rauch um wenig

Mit dem Einsatz von Böllern und Pyrotechnik haben einige HSV-Fans beim Abstieg für unschöne Bilder gesorgt. In der öffentlichen Hysterie geht aber unter: Es wurde niemand verletzt.

Polizisten im Volksparkstadion
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Polizisten im Volksparkstadion

Ein Kommentar von Eike Hagen Hoppmann


Als die Nachspielzeit schon lief und der erste Hamburger Bundesliga-Abstieg nicht mehr abzuwenden war, zogen HSV-Fans auf der Nordtribüne eine Blockfahne hoch, vermummten sich darunter und zündeten anschließend Pyrotechnik, Rauchbomben und Böller. Einen Teil davon warfen sie auf das Spielfeld, das Spiel musste minutenlang unterbrochen werden. Ein Großteil der 57.000 Zuschauer im Volksparkstadion pfiff die Verursacher aus und forderte mit Sprechchören von den Polizisten auf dem Rasen: "Holt Sie raus! Holt sie raus!"

Auch außerhalb des Stadions war die Empörung groß. "Kriminelle Arschlöcher" und "Abschaum" waren nur ein paar der Bezeichnungen für die Verursacher in den sozialen Medien. Einige wünschten sich, die 55.000 anderen Zuschauer sollten doch am besten vor dem Stadion auf die Pyro-Zünder "warten", andere ein härteres Durchgreifen der Polizei. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb von "wahnsinnigen Hooligans". Der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung konnte sogar einen "Gewaltausbruch" beobachten. In der "Welt" hieß es, man müsse in der Bundesliga Angst haben, von "geistig tiefergelegten Chaoten erschlagen zu werden."

Keine Verletzten während oder nach dem Spiel

Aber zu Gewalt ist es im Hamburger Stadion gar nicht gekommen. "Es sind keine Personen verletzt worden - weder vor noch nach dem Spiel", sagt eine Sprecherin der Polizei Hamburg auf SPIEGEL-Anfrage. Zu Sachbeschädigungen konnte die Sprecherin keine Angaben machen. Das kann alles nur Glück gewesen sein, ändert aber nichts am Ergebnis. Wer viele Berichte zu den Vorkommnissen gelesen hat, muss den Eindruck haben, dass deutlich mehr passiert ist.

Die "Süddeutsche" fand es "besonders irre", dass bei den Vorbereitungen der Pyroaktion niemand dazwischenging. Was wäre aber das Ergebnis gewesen, wenn die Polizei die Aktion zu unterbinden versucht und "sie rausgeholt" hätte? Ein Blocksturm hätte unkalkulierbare Folgen gehabt. "Es hätte ein unübersichtliches Handgemenge auf der Tribüne gedroht", sagte Hamburgs Innensenator Andy Grote. Als hunderte Polizisten im Jahr 2013 beim Champions-League-Spiel zwischen Schalke 04 und Paok Saloniki wegen eines Banners die Schalker Nordkurve stürmten, gab es insgesamt 89 Verletzte.

Pyrotechnik ist eine Ordnungswidrigkeit

Die Polizei hat nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu handeln. Das Abbrennen von Pyrotechnik ist aber häufig nur eine Ordnungswidrigkeit nach dem Sprengstoffgesetz und keine Straftat. Wenn deshalb nicht sofort eine mehrere tausend Personen fassende Stehplatztribüne gestürmt wird, hat das wenig mit dem Entstehen rechtsfreier Räume in Fußballstadien zu tun, sondern ist das Ergebnis einer polizeilichen Abwägung.

Ob Pyrotechnik generell in deutsche Stadien gehört oder nicht, ist umstritten. Fakt ist: In Deutschland ist der Einsatz in Stadien verboten. Deshalb muss der Einsatz im Hamburger Stadion auch dementsprechend bewertet werden. Die Bilder der dichten schwarzen Rauchsäulen und die Geräusche der Böller können vor allem die Kinder im Stadion verstört haben. Dafür müssen die Verursacher kritisiert werden. Aber nicht für Gewalt, die es im Volksparkstadion nicht gegeben hat.

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
gnarze 14.05.2018
1. Kritik am Autor
Sie sprechen in Zusammenhang mit den Zündlern von "Fans". Dem muss ich energisch widersprechen. Chaoten wäre eher angebracht, aber .... ist ja keiner verletzt worden....
spiegelleser987 14.05.2018
2. Wieso?
"Pyrotechnik ist eine Ordnungswidrigkeit" Wieso das? Am 30.4. und 1. Mai hat es auch in Berlin abends häufig geknallt. Das wird nicht kritisiert.
philkopter 14.05.2018
3. Nicht verstanden was Gewalt ist
der Autor versucht die Vorkommnisse zu relativieren, da niemand zu Schaden gekommen ist. Es sei also zu keiner Gewalt gekommen. Mich hat der Kommentar etwas erschreckt, da hier offensichtlich davon ausgegangen wird die Täter wären besonders vorsichtig vorgegangen um keine Schädigungen bei unbeteiligten Dritten hervorzurufen. Das ist ziemlich daneben. Gewalt ist nicht gleichbedeutend mit der tatsächlichen physischen Schädigung von Dritten. Auch die ungewollte Aussetzung einer Gefahr kann Gewalt bedeuten. Zudem verkennt der Autor die Möglichkeit von nicht-physischen Schädigungen. Dabei ist das Vorgehen der Polizei natürlich zu begrüßen und wohl tatsächlich Resultat einer Abwägung von Gefahrenpotential. Dennoch ist meines Erachtens das Abbrennen von Pyrotechnik, das Zünden von Rauchbomben usw. in keinster Weise zu verharmlosen. Dass es keine körperlich Geschädigten gibt, ist in diesem und in vergangenen Fällen reiner Zufall und Glück.
michbo 14.05.2018
4. Vollkommen zutreffend
Ich war am Samstag im Stadion und hatte nicht den Eindruck, dass eine „Gefahr für Leib und Leben“ bestanden hätte, die es gerechtfertigt hätte, dass die Polizei oder Ordnen in den Block gehen. Ein weitergehender Polizeieinsatz hätte nach meinem Eindruck zu unkontrollierbaren Folgen geführt. Am Sonntag war ich dann auch noch bei dem Spiel Nürnberg - Düsseldorf. Dort hat ein Nürnberger „Fan“ nach dem Platzsturm einen brennenden Bengalo in Richtung der Düsseldorfer Fans geworfen, die neben dem Spielfeld mit ihrer Mannschaft feierten. Der Bengalo landet zu Füßen der dort stehenden Polizei. Aus meiner Sicht hatte diese Aktion eine deutlich andere Qualität als das, was in Hamburg passiert ist. Das soll freilich die Geschehnisse in Hamburg weder gutheißen noch relativieren.
Gmorker 14.05.2018
5. Gewalt
Nochwas zum Thema "Gewalt, die es im Volksparkstadion nicht gegeben hat." ... interessante Ansicht. Wenn ich also mit einem Maschinengewehr knapp an ihnen vorbeischiesse und sie dabei nicht verletze, ist das für sie keine Gewaltanwendung? Pyromanen nehmen billigend in Kauf, das jemand verletzt wird. Das tatsächlich niemand verletzt wurde, ist ein Glücksfall und kann wohl kaum dem "sorgfältigen Umgang der Störer mit der Pyrotechnik" zugeschrieben werden.
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