Trainerwechsel beim HSV Mutwillig

Der Hamburger SV trennt sich vorzeitig von seinem Trainer. Alles wie immer also? Nein. Diesmal handelt der Verein nicht, weil er muss, sondern weil er will. Eine Analyse.

Pierre-Michel Lasogga (l.), Khaled Narey
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Pierre-Michel Lasogga (l.), Khaled Narey

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Der Hamburger SV trennt sich von seinem Cheftrainer. Auf Christian Titz folgt Hannes Wolf, der bereits der vierte Coach sein wird, der den HSV im Kalenderjahr 2018 in einem Pflichtspiel betreut.

Der Personalverschleiß am Hamburger Volkspark ist längst legendär: 18 Trainerwechsel in einem Jahrzehnt, es ist nur logisch, dass die Reaktionen in den sozialen Medien sich vor allem im Feld zwischen Spott und Häme bewegten. "Und täglich grüßt das Murmeltier", ein ganzer Verein gefangen in einer endlosen Wiederholungsschleife.

Der HSV macht eben wieder HSV-Dinge? Nein, ausnahmsweise nicht. Diesmal handelt der Verein nicht, weil er handeln muss. Er handelt, weil er handeln will. Noch wichtiger ist die Frage: Ist diese Entscheidung auch richtig? Zwei Erzählungen konkurrieren.

1. Der HSV macht mal wieder alles falsch! Die wären doch auch mit Titz aufgestiegen.

Im Vorjahr durfte Markus Gisdol die Hamburger in der Vorsaison 19 Spieltage lang Bälle in Richtung Strafraum schlagen lassen. Der Verein entließ ihn erst, als es zu spät war. Nachfolger Bernd Hollerbach gewann keines seiner nur sieben Spiele, Anfang März stand der erste Abstieg der Vereinsgeschichte praktisch fest.

Der schwarz-weiß-blaue Karren war gegen die Wand gekracht, der damalige U23-Trainer Titz sammelte die Trümmerteile ein - und brachte die Kiste tatsächlich wieder zum Laufen. Es ist nicht nur sein großes Verdienst, den Spielern in dieser Situation neues Selbstvertrauen einzuflößen, sondern auch, einen Großteil des Publikums noch vor der Sommerpause mit der neuen Zweitliga-Wirklichkeit zu versöhnen. Mein Hamburg lieb ich sehr.

Diese Vorgeschichte rechtfertigt die Trennung ebenso wenig wie der Blick auf die aktuelle Tabelle der zweiten Liga: Ein einziger Punkt fehlt dem HSV aktuell auf einen direkten Aufstiegsplatz, nichts, was der teuerste Kader der Zweitliga-Geschichte an 24 Spieltagen nicht noch aufholen könnte. Titz hatte eine klare Spielidee, der Torwart-Libero war das Markenzeichen seiner Elf. Titz wusste zudem viele Spieler hinter sich. Dass Jungstar Jann-Fiete Arp am Montag tief in den Emoji-Kasten griff und via Instagram sein Missfallen über die Absetzung des Trainers ausdrückte, sagt viel. Inzwischen hat er den Post wieder gelöscht.

2. Richtig so! Seit dem Regensburg-Spiel wirkt Titz hilflos, unter Wolf kann nur alles besser werden.

"Ich weiß, dass ich damit keinen Beliebtheitspreis gewinne", sagte HSV-Sportvorstand Ralf Becker. Und trotzdem "fehlte die Überzeugung, in dieser Konstellation unsere Ziele zu erreichen". Becker selbst ist erst seit dem späten Mai in Hamburg. Der Vertrag mit Titz wurde noch vor dem Antritt des sportlichen Leiters verlängert. Es ist legitim, sich die Dinge eine Weile anzuschauen. Es ist mutig, dann ohne die offensichtliche Notwendigkeit eine Veränderung vorzunehmen.

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Titz' Absetzung lässt sich nicht verstehen ohne das desaströse 0:5 gegen Jahn Regensburg am 23. September. Mehr als diese Vorführung im eigenen Stadion dürfte die HSV-Verantwortlichen gestört haben, dass Titz seither keine überzeugende Anpassung seines Spielsystems hat präsentieren können. Es folgten ängstlich-defensive Auftritte in Fürth und im Stadtduell gegen St. Pauli, eine ordentliche Halbzeit in Darmstadt und ein weiteres torloses Remis gegen Bochum. Zwei Tore in vier Spielen. Zugespitzt: Weil der HSV plötzlich nur noch Defensive kann, geht er in die Offensive.

In den Hamburger Medien kursieren diese beiden Deutungen - in fast allen Mischformen aus großer Empörung über einen abgesägten Publikumsliebling und Euphorie über den nächsten Neustart mit einem ambitionierten und angesehenen Coach, der mit dem VfB Stuttgart schon einmal aus der zweiten Liga aufgestiegen ist. Welche Erzählung überlebt? Das entscheidet sich am 19. Mai 2019. Belegt der HSV am 34. Spieltag einen der ersten beiden Plätze, dürfen sie sich in Hamburg-Stellingen zu Recht auf die Schulter klopfen. Vielleicht bekommt Ralf Becker seinen "Beliebtheitspreis" sogar doch noch.

Ich glaube übrigens, dass der HSV mit Titz aufgestiegen wäre - und dass das Team mit Wolf aufsteigen wird. Alles falsch gemacht und alles richtig gemacht: Das schafft nur der HSV.

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HSV-Trainer seit 1997: Von Pagelsdorf bis Titz


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Sal.Paradies 24.10.2018
1. Die Suche nach dem Kamikaze
Es gibt glaube ich nur einen Verein in D, der, was Trainerentlassungen angeht, mit dem HSV auf Augenhöhe ist. Der VFB Stuttgart. Also jener Verein, den Hannes Wolf gerade verlassen musste. Und jetzt setzt er sich auf den nächsten Schleudersitz, der noch jeden abgeworfen hat? Was zum Teufel treibt einen jungen H.Wolf, der ja noch alles vor sich hat, zu so einem Schritt? Er hat doch so wie wir alle Daten was Trainerentlassungen angeht. Glaubt er wirklich er wäre die "Ausnahme" nachdem ihn ja schon Stuttgart lehrte, dass es gegen dieser Art Killer-Club kein Überleben gibt? Schade um einen Schwarzgelben, denn der HSV wird auch Wolf niederstrecken. Monsterbändiger wie einst E. Happel, der, man glaubt es kaum, sogar den Europapokalsieger der Landesmeister mit dem HSV wurde, gibt`s nicht mehr in Hamburg. Hannes Wolf wünsche ich jedenfalls alles Glück dieser Erde. Ob`s dann reichen wird, werden wir sehen? Was die Geschäftsführung des HSV angeht ist alles beim alten. Erst wird der Vertrag verlängert, um ihn dann wenig später wieder aufzulösen. Was jetzt nochmals ein Wunder auslöst, weil ja ganz Deutschland überzeugt ist, dass dieser Club faktisch pleite ist. Kann gar nicht sein, wenn die permanent 3 Trainer im Jahr beschäftigen und jeden davon mit X-Millionen abfinden müssen. So was können halt wirklich nur Kaufleute aus Hamburg. Und alle Unkenrufe, dieser Club hätte kein Geld mehr, sind Märchen aus 1001`Nacht... ;-)
sekundo 24.10.2018
2. Vielleicht sollte die
gesamte Führungsriege, insbesondere der geltungssüchtige und inkompetente Machtmensch Hoffmann, beim SV Werder hospitieren. Dort ist man in den letzten Jahren auch durch schwere Zeiten gegangen, hat aber ruhig weitergearbeitet und durch kluge Personalpolitik nach und nach kleine Erfolge gefeiert und Fortschritte gemacht. Während man sich in Bremen immer der jeweiligen Situation gestellt hat, wurde und wird in Hamburg unbeirrt weiter vom grossen HSV gelallt! Also, gehen Sie in die Lehre, Bernd Hoffmann!!
sekundo 24.10.2018
3. Na, dann spendieren
Zitat von Sal.ParadiesEs gibt glaube ich nur einen Verein in D, der, was Trainerentlassungen angeht, mit dem HSV auf Augenhöhe ist. Der VFB Stuttgart. Also jener Verein, den Hannes Wolf gerade verlassen musste. Und jetzt setzt er sich auf den nächsten Schleudersitz, der noch jeden abgeworfen hat? Was zum Teufel treibt einen jungen H.Wolf, der ja noch alles vor sich hat, zu so einem Schritt? Er hat doch so wie wir alle Daten was Trainerentlassungen angeht. Glaubt er wirklich er wäre die "Ausnahme" nachdem ihn ja schon Stuttgart lehrte, dass es gegen dieser Art Killer-Club kein Überleben gibt? Schade um einen Schwarzgelben, denn der HSV wird auch Wolf niederstrecken. Monsterbändiger wie einst E. Happel, der, man glaubt es kaum, sogar den Europapokalsieger der Landesmeister mit dem HSV wurde, gibt`s nicht mehr in Hamburg. Hannes Wolf wünsche ich jedenfalls alles Glück dieser Erde. Ob`s dann reichen wird, werden wir sehen? Was die Geschäftsführung des HSV angeht ist alles beim alten. Erst wird der Vertrag verlängert, um ihn dann wenig später wieder aufzulösen. Was jetzt nochmals ein Wunder auslöst, weil ja ganz Deutschland überzeugt ist, dass dieser Club faktisch pleite ist. Kann gar nicht sein, wenn die permanent 3 Trainer im Jahr beschäftigen und jeden davon mit X-Millionen abfinden müssen. So was können halt wirklich nur Kaufleute aus Hamburg. Und alle Unkenrufe, dieser Club hätte kein Geld mehr, sind Märchen aus 1001`Nacht... ;-)
Sie den Hamburger Kaufleuten zuerst eine Lupe und dann einen Taschenrechner. Dann werden sie schnell die über 100 Millionen Schulden des HSV erkennen! Oder wie Bernd Hoffmann es einst im "Doppelpass" so drollig formulierte: "Wir haben keine Schulden sondern ca. 100 Millionen Negativ-Vermögen"! "Nur der HSV" ist imstande, sich so infam in die eigene Tasche zu lügen!!
im_ernst_56 24.10.2018
4. Der wichtigste Zweitligist aller Zeiten
Der HSV ist daran gescheitert, dass er zu hoch hinaus wollte und nicht begriffen hat, dass die 1980er Jahre vorbei sind. Heute ist er der wichtigste Zweitligist aller Zeiten. Es würde mich nicht völlig überraschen, wenn er einmal mehr an seinen eigenen Ansprüchen scheitern sollte. In Berlin drücken wir im Aufstiegsrennen Union die Daumen.
social_d 24.10.2018
5. #2
Entschuldigen Sie bitte, aber das halte ich für Quatsch! Die Entscheidung Titz zu entlassen war sicherlich nicht verkehrt, wenn man sich die ersten Spiele anschaut, denn hier war nicht ein überzeugendes Spiel dabei und die Siege waren eher schmeichelhaft. Wenn man sich die Politik in Bremen die letzten Jahre anschaut, so kann man auf der Trainerposition sicherlich nicht von Kontinuität sprechen. Und das man einen eigentlich gut arbeitenden Sportdirektor entlässt, weil er nicht in die „Werder-Familie“ passt, ist nichts was sich groß vom handeln des HSV unterscheidet.
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