HSV-Premiere für Trainer Hollerbach Der Retter ist da, die Zweifel bleiben

Bernd Hollerbach soll den Hamburger SV vor dem Abstieg bewahren. Sein Debüt in Leipzig ließ erahnen, was der Trainer vor hat: Die Basis soll die Verteidigung sein. Ob das im Abstiegskampf reicht?

Bernd Hollerbach
Getty Images

Bernd Hollerbach

Aus Leipzig berichtet Fabian Held


Was kann ein Bundesliga-Coach in einer Trainingswoche bewirken? Über diese Frage rätselte Hamburg seit vergangenem Montag, als der HSV Bernd Hollerbach als Nachfolger des zuvor beurlaubten Markus Gisdol präsentierte. Hollerbach sollte Euphorie entfachen unter den Fans, der Mannschaft einen neuen Stil verpassen. Zumindest aber den Negativtrend mit zuletzt vier Niederlagen in Folge stoppen.

Nach seiner Premiere als HSV-Trainer, dem 1:1 bei RB Leipzig, steht fest: Der Trend ist gestoppt. Was die anderen Fragen betrifft, so ist man in Hamburg nicht viel schlauer.

"Es ist kein Grund Juhu zu schreien", sagte Hollerbach nach dem Punktgewinn. "Wir haben noch schwere Wochen vor uns." Er freue sich über eine Mannschaft mit "Herz und Leidenschaft", sagte der 48-Jährige, der als Spieler selbst jahrelang für den HSV kickte. So gut wie ein Unentschieden beim Vizemeister klingt, war die Leistung der Hamburger aber nicht. Vor allem in der Anfangsphase der Partie wirkten die Gäste überfordert, und ein bisschen mag Hollerbach selbst daran Schuld gewesen sein.

"Das tut uns gut und war vorher nicht so"

Der Trainer ist seit seiner Ankunft beim HSV offenbar darum bemüht, sich möglichst von seinem Vorgänger Gisdol abzugrenzen. Das galt für die Abläufe unter der Woche. "Wir frühstücken jeden Morgen um 8.30 Uhr, haben alle die gleichen Sachen an - alle machen alles zusammen, das tut uns gut und war vorher nicht so", sagte etwa Abwehrspieler Rick van Drongelen. Das galt aber auch für das Personal.

In Leipzig setzte Hollerbach auf Profis, die unter Gisdol zuletzt außen vor waren. Torwart Christian Mathenia erhielt den Vorzug vor Julian Pollersbeck, der erst in der Winterpause das Duell um den Platz im Tor gewonnen hatte. Der eigentlich aussortierte, weil abwanderungswillige Wallace kehrte nach einem Bekenntnis zum HSV in die Startelf zurück. Dort standen auch Bobby Wood und van Drongelen. Besonders auffällig war, dass Hollerbach auf eine Formation mit drei zentralen Abwehrspielern setzte.

Ganz verinnerlicht hatten seine Profis die Abläufe aber offenbar noch nicht. Alle drei Innenverteidiger leisteten sich große Patzer, auch im Mittelfeld häuften sich die Fehler. Das 1:0 für Leipzig entstand unter anderem durch einen Ballverlust von Aaron Hunt, der den Ball mit der Hacke spielen wollte und ihn dabei an den Gegner verlor. Bruma profitierte am Ende der Leipziger Verwertungskette und brachte RB nach acht Minuten in Führung.

Fotostrecke

8  Bilder
Fußball-Bundesliga: 16 Treffer und ein Traumtor

"Die ersten zehn Minuten hat man gemerkt, dass die letzten Wochen nicht spurlos an der Mannschaft vorbei gegangen sind", sagte Hollerbach. Zumal RB bei besserer Chancenauswertung deutlicher hätte führen können. Das Ausgleichstor durch Filip Kostic, das aus einer Abseitsposition heraus entstand, war zugleich der erste Abschluss des HSV.

Immerhin: Das Team kämpfte sich mit Erfolg in die Partie. "Nach dem 1:1 hat man gemerkt, dass sich die Handbremse etwas gelöst hat", sagte Hollerbach. Beeindruckend war der Aufwand, den das Team betrieb. Am Ende liefen die Hamburger vier Kilometer mehr als die Leipziger. Immer wieder veränderte der HSV seine Pressinghöhe. Mal griff er den Gegner schon weit in dessen eigene Hälfte an, mal zog er sich tief in die eigene zurück. Nach der schwachen Anfangsviertelstunde stand die Abwehr dann auch weitgehend sicher.

"So kompakt wie die Mannschaft verteidigt hat - das ist sicher die Basis seines Spiels", sagte Manager Jens Todt anschließend über Hollerbach. Nur war eine unkompakte Defensive auch unter Gisdol eigentlich nicht das Problem gewesen. 29 Tore hat Hamburg in dieser Saison kassiert, genau so viele wie Gegner Leipzig, der auf Platz vier steht. RB traf dafür 32-mal selbst, doppelt so oft wie der HSV.

"Der Trainer hat taktisch gar nicht so viel zu uns gesagt"

Trotzdem gaben sich die Hamburger überzeugt, dass das Hollerbach-Debüt geglückt sei. "Es war für uns ein wichtiger Schritt. Wir müssen gut verteidigen, das haben wir heute gezeigt", sagte Kapitän Gotoku Sakai. "Der Trainer hat taktisch gar nicht so viel zu uns gesagt. Er hat uns Selbstvertrauen und einen freien Kopf gegeben."

Wenn der Kopf frei bleibt, muss sich Hollerbach dem Offensivspiel widmen. In Leipzig fehlte es an Kreativität, jeder dritte Pass kam nicht beim Mitspieler an. Das verhinderte einen Hamburger Sieg in Leipzig, der durchaus möglich gewesen wäre.

"Ein hochverdienter Punkt, eine ganz tolle Mannschaftsleistung und ein echtes Lebenszeichen unserer Mannschaft", sagte Todt nach der Partie etwas zu euphorisch. So gut RB theoretisch ist, gegen den HSV zeigte Leipzig eine schlechte Leistung. Von den vergangenen acht Pflichtspielen konnte RB nur eins gewinnen.

Tabellarisch hilft der Punkt den Hamburgern kaum weiter. Die Konkurrenz um den Relegationsplatz, Bremen und Köln, spielte ebenfalls unentschieden. "Wir haben in den nächsten Wochen noch viel Arbeit vor uns", sagte Hollerbach. Wahrscheinlich ist, dass sein Team bis zum allerletzten Spieltag um den Klassenerhalt zittern wird.

RB Leipzig - Hamburger SV 1:1 (1:1)
1:0 Bruma (9.)
1:1 Kostic (29.)
Leipzig: Gulácsi - Laimer, Orban, Upamecano, Klostermann - Kampl, Demme (58. Keita) - Sabitzer, Bruma (81. Kaiser) - Timo Werner, Augustin (71. Poulsen). - Trainer: Hasenhüttl
Hamburg: Mathenia - Sakai, Papadopoulos, van Drongelen - Diekmeier, Gideon Jung, Walace (90.+4 Hahn), Santos - Hunt (85. Salihovic) - Wood (77. Arp), Kostic. - Trainer: Hollerbach
Schiedsrichter: Benjamin Cortus (Röthenbach)
Zuschauer: 42.558 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Hunt, Papadopoulos (9)



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dr.könig 27.01.2018
1. Die Mannschaft ist gut, Teamplay klappt noch nicht.
Der HSV steigt diese Saison nicht ab. Dafür hat die Mannschaft zu viel Substanz. Hollerbach hätte spätestens in der Winterpause schon kommen müssen. Das wird noch viel Arbeit, aber Hollerbach hat das Glück des Tüchtigen !
stoff77 28.01.2018
2. Auf jeden
Fall ein guter Einstand für Bernd Hollerbach. Ja, mit Glück, weil das Tor wegen Abseits eigentlich irregulär war. Aber eben auch nicht das erste Abseitstor, das trotzdem gegeben wurde. Schade, dass Nicolai Müller wohl frühestens im April wieder zurückkommen kann. Ein Sieg gegen Hannover wäre natürlich jetzt Gold wert. Und Dortmund... zumindest derzeit alles andere als unbesiegbar. Eng wird es bestimmt, aber ich hoffe, dass es am Ende für den Dino reichen wird!
-volver- 28.01.2018
3. ...
ok... hollerbach schafft es erneut, den hsv in der 1. liga zu halten. aber spätestens zur nächsten winterpause ist er weg. dann holt man den nächsten feuerwehrmann.
janowitsch 28.01.2018
4. Schön ist anders
Der Dino scheint Freunde beim DFB zu haben. Kostic stand beim Tor deutlich im Abseits. Papadopoulos hätte mehrmals mit Gelb-Rot vom Platz gekonnt. Alles in allem hat der HSV gestern Antifußball mit allen schmutzigen Tricks à la 2. Liga gezeigt. Bei einem Schiri, der die Regeln durchsetzt, hätten sie damit keine Chance gehabt. Man kann auf den weiteren Weg des Dinosauriers gespannt sein.
mghi 28.01.2018
5. So nicht!
"Sein Debüt in Leipzig ließ erahnen, was der Trainer vor hat": Ganz klar, so wie wir Hr. Hollerbach kennen, nämlich den Gegner kaputt treten. Aus #janowitsch Kommentar folgt: Wenn es konsequente Schiris gibt, werden wir in den nächsten Wochen eine Flut berechtigter roter Karten sehen. Dies hat Herr Fabian Held durch die HSV-Brille (Der Spiegel kommt schließlich aus Hamburg) geflissentlich übersehen. Der HSV gehört so wie Mannschaft, Verein etc. agieren in die zweite Liga. Da ist St. Pauli ja professioneller und bei denen hapert es schon.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.