HSV gegen St. Pauli Hamburg bleibt braun-weiß

Endlich wieder ein Hamburger Duell, nach siebeneinhalb Jahren Pause - und dann das: St. Pauli ist mit einem 0:0 weiter der letzte Derbysieger. Der HSV wirkt verunsichert, Lewis Holtby platzte später der Kragen.

St. Paulis Spieler bilden nach dem Spiel einen Kreis auf dem Rasen
DPA

St. Paulis Spieler bilden nach dem Spiel einen Kreis auf dem Rasen

Aus dem Volksparkstadion berichtet


St. Paulis Trainer machte nach dem Derby überhaupt keinen Hehl aus seinem destruktiven Plan. "Wir wollten den fußballerischen Schlagabtausch vermeiden", sagte Markus Kauczinski. Die Taktik der defensivstarken Gäste ging auf, für die 57.000 Zuschauer wurde es allerdings ein zäher Zweitliga-Sonntagnachmittag.

90 Minuten verteidigte St. Pauli konzentriert. 90 Minuten mühte sich der Hamburger SV nach Kräften, klare Abschlusssituationen herauszuspielen oder - mit zunehmender Spieldauer - zumindest irgendwie zu erzwingen. "Wir wussten, sie haben damit Probleme", sagte St. Paulis Christopher Buchtmann. Ein fußballerisch enttäuschendes Stadtderby endete mit dem einzig angemessenen Ergebnis: 0:0.

Auch wenn es keinen Sieger gab: St. Pauli bleibt "Stadtmeister". Das ist natürlich kein richtiger Titel - außer für den Klub, der ihn gerade tragen darf. Exakt 2783 Tage lang darf sich der FC St. Pauli schon so nennen, mindestens bis zum zweiten März-Wochenende 2019 bleibt Hamburg weiter braun-weiß. Im Februar 2011 hatte Gerald Asamoah im Volkspark das Derby zugunsten der Gäste entschieden.

Bis heute war das übrigens der letzte Bundesliga-Sieg des FC St. Pauli, der damals im Anschluss nur noch einen einzigen Punkt aus den verbleibenden zwölf Saisonspielen holte, als Tabellenletzter abstieg und den HSV damals schamvoll im Fußball-Oberhaus zurückließ.

Fotostrecke

9  Bilder
Remis im Stadtderby: Der HSV trifft das Tor nicht mehr

Mancher behauptet gar, allein dieses Tor erkläre die Vehemenz, mit der der HSV in den Folgejahren auf den Abstieg hingearbeitet habe. Um irgendwie die Chance zu bekommen, sich diesen Titel zurückzuholen. Wo waren Sie, als Asamoah traf? Wer es mit einem dieser beiden Klubs hält, kann auf diese Frage ohne Bedenkzeit antworten.

Die Neuauflage am Sonntag wird niemandem im Gedächtnis bleiben, auch wenn der Rahmen erstklassig war. St. Paulis Philipp Ziereis: "Es war absolut geil, die Stimmung war überragend." Zumindest, bis die 57.000 Zuschauer begriffen hatten, für welche Art Fußball sie teure Eintrittskarten erworben hatten. Andererseits, wer zum Derby geht, den locken vor allem die Emotionen.

Nervös war die Stimmung gewesen in der Stadt. Ein Überfall auf eine Gruppe von HSV-Fans, die eine Choreografie bastelte, in der Stadt aufgehängte Strohpuppen im St. Pauli-Look. Ein Stinkbombenangriff am S-Bahnhof Bahrenfeld, wo die Mehrheit der Gästefans ankam. Einiges normale Derby-Folklore, einiges leider auch darüber hinaus. Die Polizei war mit 1500 Kräften im Einsatz, gemessen an den Befürchtungen blieb es aber ruhig. Auch abseits des Rasens.

Um Trainer Titz könnte es unruhig werden

Es war vor allem in der erste Hälfte mehr ein Spiel, das keiner verlieren wollte, als eins, das jemand gewinnen wollte. "Beide Mannschaften waren damit beschäftigt, kein Tor zu kassieren", sagte Khaled Narey. Dem desaströsen HSV-Auftritt gegen Regensburg folgten nun zwei betont seriöse torlose Remis.

Wieviel Risiko ist gut für den Absteiger? Das Team wirkt verunsichert.

"Man kann den Eindruck haben, dass auch die Leichtigkeit im Offensivspiel abhandengekommen ist", sagte Trainer Christian Titz, dem klar ist, dass nach nur zwei Punkten aus den vergangenen Spielen wieder gemurrt wird. 14 Punkte, vorübergehend Platz drei, noch ist die Saison lang. Es bleibt die Erkenntnis: Der HSV hat auch in der zweiten Liga Probleme, sich gegen tiefstehende Gegner klare Torchancen herauszuspielen. Wer aufsteigen will, muss allerdings Spiele gewinnen.

Holtby nach dem Spiel: "Ruhe bewahren, Fresse halten, weiter arbeiten"
REUTERS

Holtby nach dem Spiel: "Ruhe bewahren, Fresse halten, weiter arbeiten"

Lewis Holtby war nach dem Spiel wütend. Er war der einzige Spieler, den auch noch die Journalisten in der dritten und vierten Reihe in der Interviewzone verstanden. Nach drei torlosen Spielen jetzt gleich wieder alles in Frage stellen? "In einem Spiel bist du der Heilsbringer, und dann wird wieder draufgehauen", sagte Holtby, der monierte, dass "viel Negatives von außen kommt, und das macht mich so aggressiv". Der HSV habe schließlich viele junge Spieler, "und die kriegen das doch alles mit." Und jetzt? "Ruhe bewahren, Fresse halten, weiter arbeiten", so Holtby.

Geduld, die Tore würden schon fallen, glaubt HSV-Torwart Julian Pollersbeck. "Wir haben da vorn fünf oder sechs Wahnsinnsleute", so Pollersbeck, der seinem Team mit einer Rettungstat in der Nachspielzeit zumindest einen Punkt bewahrt hatte: "Das sah spektakulärer aus, als es war." Cenk Sahin hatte aus 35 Metern gelupft und fast wäre sein Ball just in jenem Tor gelandet, in das Asamoah vor sieben Jahren getroffen hatte.

Hamburgs Suche nach der Identität

2011, war der HSV noch eine große Nummer, hatte wirklich Wahnsinnsleute und immerhin zweimal in Folge in einem europäischen Halbfinale gestanden. Die Rollen waren klar verteilt, in einer Mannschaft startete Ruud van Nistelrooy, in der anderen - bei allem Respekt - Ralph Gunesch. Erstaunlich ist vor allem, dass die Erwartungshaltung beim HSV unverändert hoch ist. Ein Sieg war fest eingeplant. St. Pauli hat dabei nur einen Punkt weniger geholt in dieser Saison.

"Probiert es noch so verzweifeifelt (sic!), unsere Größe ist in Stein gemeißelt." Das stand auf der Choreografie in der Nordkurve. Darüber thronten die größten Helden der Vereinsgeschichte, mit all den Trophäen, die der Klub in einem anderen Jahrtausend mal gewonnen hat. Wer in der Gegenwart keine Identität findet, sucht halt in der Vergangenheit. So kommt man nie in der zweiten Liga an. Vielleicht bekommt man so aber immerhin mehr als nur eine weitere Chance, die Stadtmeisterschaft zurückzugewinnen.

Hamburger SV - FC St. Pauli 0:0
Hamburg: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos - Janjicic, Mangala - Hwang (65. Narey), Holtby, Hunt (53. Ito) - Arp (72. Lasogga)
St. Pauli: Himmelmann - Dudziak, Ziereis, Avevor, Buballa - Flum (83. Zehir), Knoll - Sahin, Buchtmann, Möller Daehli (76. Neudecker) - Diamantakos (73. Veerman)
Schiedsrichter
: Markus Schmidt
Gelbe Karten: Arp, Janjicic / Buchtmann, Sahin, Flum
Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tipp-ex 30.09.2018
1. "Stadtmeisterschaft" wg. 2011?
Da hätte ich meine Zweifel, dass die beim HSV eine hohe Priorität hatte. Das wahre Problem ist, dass (erneut) eine schwache Leistung gezeigt wurde, mit der man sich nicht als Aufstiegskandidat präsentiert hat. Dass der Gegner dabei St.Pauli hieß hat einen gewissen Folklore-Aspekt, viel problematischer aus HSV-Sicht ist aber das nun dritte Spiel in Folge ohne Torerfolg.
diegorivera 30.09.2018
2. Problem
Das viel größere Problem für den HSV ist die finanzielle Situation die auf den Verein unweigerlich zurollt. Steigen sie nicht auf, sind sie kommende Saison pleite. Steigen sie auf, haben sie keine bundesligataugliche Mannschaft und sind auch pleite. Die Mißwirtschaft der vergangenen Jahre holt den HSV nun ein. Wie kann es zum Beispielsein, einen Lasogga mit einem Mondgehalt auszustatten, der auch für die 2. Liga gilt? Wie kann es sein, einen Beiersdorfer solange gewähren zu lassen und dann noch eine fette Abfindung hinterher zu werfen? Wie kann es sein, dass viele Spieler beim HSV nicht besser, sondern schlechter wurden? Die vielen Trainer- und Managerwechsel taten ein Übriges, obwohl deren Entlassungen oft nurvSündenbockcharakter hatte.
Gerd1973 30.09.2018
3. Hamburg bleibt Braun-Weiß?
Die Überschrift scheint ja der Wunschdenke des Autors zu sein.Es fehlt nur der Beleg dafür.Das Spiel ist 0-0 ausgegangen, dies bedeutet Unentschieden, und somit gibt es keinen aktuellen "Stadtmeister" oder sonstige Scheintitel, die es kurioserweise auch erst seit Februar 2011 gibt, die sich ein Verein gibt, der noch nie einen Titel gewonnen hat aber dessen Fankultur angeblich so stolz darauf ist, dies gar nicht anzustreben.
rainer82 30.09.2018
4. #3 Gerd1973
Ich kenne zum Glück auch humorvolle HSV-Fans. Aber Sie scheinen keinen Spaß zu verstehen. Dabei ist der Punktgewinn heute doch immerhin ein kleiner Erfolg, über den Sie sich zurecht freuen könnten. Schade!
gibmichdiekirsche 30.09.2018
5.
Man wird in HH wohl auch (wieder) lernen müssen, dass ein Derby seine "eigenen Gesetze" hat und man vom Ausgang eines solchen nicht allzu viel ableiten sollte. Natürlich geht's dabei immer auch um "Die Nummer 1 im Revier" (oder wo auch immer), um mehr aber auch nicht. Meine Sympathien gehören Pauli, weil ich den Verein und sein Drumherum einfach mag, ich habe auch einiges für den HSV aufgrund seiner Geschichte übrig. Gern würde ich künftig dieses Hamburger Derby eine Etage höher sehen. Und abgesehen von Hamburg der Effzeh gut voran marschiert, gefällt mir sowieso.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.