Hamburger SV am Boden "Wir haben uns in die Hose gekackt"

Das 0:6 in München war für den Hamburger SV ein weiterer Tiefpunkt. Die Spieler zeigten sich ratlos, Unbekannte stellten Grabkreuze vor der Arena auf. Wie geht es weiter?

Christian Mathenia
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Christian Mathenia


Gotoku Sakai fehlten die Worte, um das Debakel zu beschreiben. Also versuchte er es so: Als "unmännlich" bezeichnete der Kapitän des Hamburger SV das, was sich in München vor und neben ihm abgespielt hatte, "wir haben alle gepennt", sagte er. Sven Schipplock stellte resigniert fest, dass einige seiner Mitspieler "keine Lust" gehabt hätten. Kyriakos Papadopoulos wählte diese Formulierung für das 0:6 in München: "Wir haben uns in die Hose gekackt".

Beinahe 53 Jahre haben Bayern München und der Hamburger SV gemeinsam in der Bundesliga verbracht, das 106. Aufeinandertreffen dürfte allem Anschein nach das vorerst letzte gewesen sein. Das blieb niemandem verborgen an diesem Samstag. "2. Liga, Hamburg ist dabei", sangen die Anhänger der Münchner - und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich das vorzustellen. Nicht nach einem derartigen Offenbarungseid.

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Der Hamburger SV vor dem Abstieg

Schafft der HSV noch den Klassenerhalt?

Die Niederlage war zu erwarten gewesen. 0:8, 0:5, 0:8, 1:3, 2:9, 0:5 und 0:6 waren die Ergebnisse des HSV in den sieben Jahren zuvor. 0:6 hieß es diesmal, und hätten die Münchner nicht "so ab der 30. Minute ein bisschen Larifari gespielt", wie Mats Hummels zugab, es wäre wohl zweistellig geworden. "Man kann in München verlieren", sagte Aaron Hunt, aber: "So geht es natürlich nicht."

Das sah der Trainer ebenso. "Das ist nicht die Art Fußall, wie ich sie mir vorstelle", sagte Bernd Hollerbach. Ob er weitermachen darf, ist ebenso unklar wie vieles in diesen Tagen beim HSV. "Es sind die Verantwortlichen, die diese Entscheidung treffen müssen. Ich muss ja meine Arbeit machen", sagte er: "Ich denke schon, dass die Herren auf mich zukommen werden."

Polizei ermittelt nach Grabkreuzen am Trainingsplatz

Das Ende des Hamburger SV in der Bundesliga ist nah. Das ahnen auch jene unbekannten Anhänger, die nach der Niederlage am Stadion in Hamburg waren. Vor dem Trainingsgelände neben dem Volksparkstadion stand am Samstagabend mindestens ein Dutzend schwarze Grabkreuze, daneben hing ein Plakat mit der Aufschrift: "Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle."

Kreuze und Transparent wurden entfernt. "Das ist eine Drohung gegen den HSV. Wir haben Ermittlungen aufgenommen", sagte ein Polizeisprecher. Der HSV verstärkte sein Aufgebot an Ordnern rund um das Volksparkstadion. Der Verein ist entsetzt, will aber mehr Klarheit über die Hintermänner der Aktion. "Wir untersuchen derzeit noch die Umstände und den Tathergang", teilte der HSV mit.

Hollerbach versuchte trotz aller Verärgerung, seine Spieler in Schutz zu nehmen. "Es ist schon sehr viel Unruhe hier im Verein, auf die Spieler prasselt viel ein," sagte er, und ja, die Spieler "sind auch nur Menschen". Von Trainerkollege Jupp Heynckes erhielt Hollerbach Rückendeckung, der FC Bayern habe gegen "eine verunsicherte Mannschaft" gespielt, die mit dem Druck "von innen und außen" fertig werden müsse: "Da kann man nicht befreit aufspielen".

"Wir wissen gar nichts"

Nein, könne man nicht, schimpfte Papadopoulos. "Bei dem Verein passiert jeden Tag etwas Neues - das ist sicherlich auch nicht gut für die Mannschaft. Wir wissen nicht wie es weitergeht", sagte der Grieche: "Wir wissen gar nichts."

Mit Jonas Boldt geht es wohl nicht weiter: Der angeblich vom HSV umworbene Manager will seinen bis 2019 laufenden Vertrag bei Bayer Leverkusen erfüllen. "Das ist mein Plan. Ich habe nie einen anderen gehabt", sagte Boldt im ZDF. Vom Interesse des HSV habe er gelesen, "mehr war eigentlich jetzt auch nicht", sagte er. Der 36-Jährige soll die Wunschlösung des neuen HSV-Aufsichtsratsvorsitzenden Bernd Hoffmann für die nach der Trennung von Sportdirektor Jens Todt vakante Manager-Position sein.

ehh/sid/dpa



insgesamt 10 Beiträge
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Schlaflöwe 11.03.2018
1. Viermal in fünf Jahren ging das gut.
Es halfen wohlmeinende Schiedsrichter, wohlmeinende Linienrichter, ein Spieler der gegnerischen Mannschaft, der das entscheidende Eigentor schoss, wodurch seine Mannschaft statt des HSV abstieg (SC Freiburg) und vieles mehr. Und der HSV hat unbekümmert immer weiter rumgestümpert, weil er weiß, ihm helfen wohlmeinende Schiedsrichter, wohlmeinende Linienrichter, Spieler des Gegners, die ihre eigene Mannschaft in den Abstieg schießen und vieles mehr. Und so kann er gar nicht absteigen. Die Saison ist ja noch nicht zu Ende. Wohlmeinende Schiedsrichter, wohlmeinende Linienrichter, Gegenspieler, die ihren eigenen Abstieg besorgen und vieles mehr sind noch gar nicht tätig geworden. Die Saison ist ja noch lang.
w.vollmer 11.03.2018
2. Absteigen kann ein Segen sein
ich kann überhaupt nicht verstehen, dass der HSV sich so gegen den Schritt in die zweite Liga wehrt. Lieber lassen sich Spieler und Vorstand jahrelang von der Presse der Lächerlichkeit preisgegeben, von den Fans auf das übelste beschimpfen und vom Rest der Fussballfreunde belächelt. Er ist wie die SPD. Der HSV begreift einfach nicht, dass er sich nur in der Zweitklassikeit wirklich erneuern kann und wieder gestärkt in die erste BL zurückkommen kann. Es ist doch eine alte Lebensweisheit, dass Veränderungen nur unter Schmerzen erreicht werden können. Dann habt doch endlich mal den Mut dazu.
winnie1970 11.03.2018
3. Als wenn ein Abstieg...
...so katastrophal wäre. Andere Vereine haben das bereits hinter sich, konnten sich in der 2. Liga stabilisieren und waren ganz schnell wieder erstklassig. Dieses aufgebauschte und sich jährlich wiederholende Drama um den Liga-Dino nervt nur noch.
mirage122 11.03.2018
4. Gegen Bayern gewinnen?
Das wird ja wohl allen Ernstes niemand erwartet haben. So hätte man an das Spiel heran gehen müssen. Positive Motivation ist da Allerwichtigste im Moment. Ich wünsche Bernd Hollerbach trotzdem noch ein glückliches Händchen. Er ist der richtige Mann für Hamburg. Und die Hoffnung stirbt zuletzt!
widower+2 11.03.2018
5. Was ist da bloß los?
Spieler werden mit dem Tod bedroht, Verantwortliche werden gefühlt wöchentlich ausgetauscht und die Spieler hauen verbal aufeinander ein. Erbärmliche Vorstellung! Vielleicht sollte man sich mal ein Beispiel am Erzrivalen aus Bremen nehmen. Da stehen in prekären Situationen Spieler, Verantwortliche, Fans und sogar die ganze Stadt zusammen. Bin ich froh, dass ich nicht so sozialisiert wurde, dass ein HSV-Fan aus mir geworden wäre.
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