Von Birger Hamann
Eine Stunde Urlaub, mehr war nicht drin. Während die Profis des Hamburger SV im Trainingslager im österreichischen Finkenberg eine Laufeinheit absolvierten, schlenderte der neue HSV-Sportchef Frank Arnesen im Bademantel durch das Mannschaftshotel. Sein Handy hatte er für 60 Minuten auf dem Zimmer gelassen. Kurz mal nicht erreichbar zu sein - für den Dänen ein Ausnahmezustand mit Erholungsfaktor.
Seit Wochen bastelt Arnesen am neuen HSV-Kader, der sich beim 2:1-Sieg im Liga Cup gegen den FC Bayern München erstmals gegen einen prominenten Gegner präsentierte. Täglich "vier bis fünf Stunden" telefoniert Hamburgs Sportchef nach eigener Aussage, um weitere Spieler zu verpflichten und eigene Streichkandidaten bei anderen Clubs unterzubringen. Arnesen vollzog den wohl radikalsten Umbruch in der bisherigen Bundesliga-Geschichte des HSV, weshalb Trainer Michael Oenning sein Team "als Wundertüte" bezeichnet, das gegen den Rekordmeister vor seiner "ersten wichtigen Standortbestimmung" steht.
Der personelle und finanzielle Schnitt war alternativlos
Elf namhafte Spieler haben die Hamburger verlassen, darunter Ruud van Nistelrooy (35) und Joris Mathijsen (31) (beide FC Malaga), Zé Roberto (37) (Al-Gharafa Doha), Frank Rost (38) (New York Red Bulls) und Piotr Trochowski (27) (FC Sevilla). Dem stehen in Jeffrey Bruma (19, Abwehr), Gökhan Töre (19, Mittelfeld), Jacopo Sala (19, Mittelfeld) und Michael Mancienne (23, Abwehr) vier Zugänge gegenüber, die von Arnesens Ex-Club FC Chelsea kommen - allerdings aus der zweiten Mannschaft der Londoner, die in der Reserveliga der Premier-League-Clubs spielt. Dazu gesellen sich Per Skjelbred (24, Mittelfeld), der von Rosenborg Trondheim verpflichtet wurde, und Marcus Berg (24, Angriff), der ein Jahr an die PSV Eindhoven ausgeliehen war.
Arnesen sagt: "In der vergangenen Saison hatten wir die älteste Mannschaft der Bundesliga. Jetzt schicken wir eine der jüngsten ins Rennen." Das ist die positive Sichtweise des Umbruchs. Man kann es aber auch so sehen wie Ex-HSV-Profi Sergej Barbarez: "Mit diesem Kader wird es richtig schwer." Coach Oenning weiß um die Risiken, spricht von einem "Findungsjahr". Der Veh-Nachfolger ist aber vom eingeschlagenen Weg "absolut überzeugt". Was soll er auch sonst sagen? Schließlich war der personelle Schnitt alternativlos.
Mischung aus vielen Talenten und einigen Erfahrenen beim HSV
Saison für Saison kaufte sich der HSV in den vergangenen Jahren eine Mannschaft zusammen, die von den Spielernamen her Champions-League-Potential hatte. In der Spielzeit 2005/2006 reichte es sogar für die Königsklasse, in den drei darauffolgenden Jahren immerhin für die Europa League. Weil sich der HSV in den beiden vergangenen Saisons aber gar nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren konnte, fehlten dem Club wichtige Einnahmen, die im Etat fest eingeplant waren. Die Leistungen der Profis waren mager, ihre Einkommen hingegen fett. Oder wie es Clubchef Carl-Edgar Jarchow ausdrückte: "Wir waren zuletzt sportlich nur Durchschnitt in der Bundesliga, haben unsere Spieler aber auf Champions-League-Niveau bezahlt."
Der neue Hamburger Weg ist eine Mischung aus vielen Talenten und einigen erfahrenen Spielern. Zu denen gehört die neue Nummer eins Jaroslav Drobny ebenso wie Innenverteidiger Heiko Westermann und Linksverteidiger und Nationalspieler Dennis Aogo. Bruma soll mit Westermann die Zentrale in der Viererkette bilden, rechts ist Dennis Diekmeier vorgesehen.
Im Mittelfeld kämpfen in erster Linie David Jarolim, Robert Tesche, Gojko Kacar, Eljero Elia, Marcell Jansen und Änis Ben-Hatira um die Stammplätze. Oenning plant in einem 4-3-3- oder 4-4-2-System spielen zu lassen. Im Sturm ist Mladen Petric gesetzt. Top-Talent Heung-Min Son (19) unterstrich mit sehr guten Leistungen in der Vorbereitung seinen Anspruch auf einen Platz in der ersten Elf. Und dann gibt es auch noch Paolo Guerrero, der über eine herausragende Technik verfügt, in der Vergangenheit aber mehr Schlagzeilen abseits des Feldes als auf dem Platz produzierte. Derzeit spielt er mit Peru bei der Copa América um den Titel.
"Die nächste Saison ist erst mal dazu da, eine neue Mannschaft zu formen", sagt Oenning, der hofft, "einen neuen Teamgeist zu entwickeln". Denn der sportliche Erfolg in der Bundesliga blieb in den vergangenen Jahren auch deshalb aus, weil die Mannschaft eine Ansammlung vieler Egoisten war. Nur die Erfolge in der Europa League mit dem zweimaligen Erreichen des Halbfinals gegen Werder Bremen und den FC Fulham konnten die schlechte Stimmung in der öffentlichen Wahrnehmung kaschieren.
"Es ist zu spüren, dass sich die Atmosphäre deutlich verbessert hat", sagt Westermann, der mit seinen 27 Jahren schon zu den Routiniers im Kader gehört. Er weiß nur zu gut, wie vergiftet das Klima im Team zuletzt war. Als der HSV am 15. Spieltag der vergangenen Saison 0:1 in Freiburg verloren hatte und in der Tabelle auf Platz neun abgerutscht war, organisierte der damalige Kapitän Westermann einen Mannschaftsabend, wollte so für positive Stimmung sorgen. In das Restaurant im Hamburger Szene-Stadtteil Sternschanze kamen drei Mitspieler und ein Betreuer.
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