Mitgliedsanträge abgelehnt Hannover 96 will keine kritischen Fans

Bundesligaaufsteiger Hannover 96 hat 119 Mitgliedsanträge abgelehnt. Aus Angst vor einer Opposition zu Martin Kind? Der Konflikt zwischen der kritischen Basis und dem Klubchef geht in die nächste Runde.

Martin Kind
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Das Statement von Klubchef Martin Kind ist nur kurz, doch es enthält genügend Zündstoff, um die Gemüter rund um den Bundesligaaufsteiger zu erhitzen: "Wir bestätigen, dass wir im Interesse des Vereins Hannover 96 die Entscheidung getroffen haben, 119 Mitgliedsanträge abzulehnen." Eine Begründung oder zumindest der Versuch einer Erklärung? Fehlanzeige.

Wer die Homepage des Klubs besucht, trifft hingegen auf einen offenen Verein. "Sei dabei!", ist auf einem Banner auf der Startseite zu lesen, dazu die ersten Zeilen der Klubhymne: "Niemals allein - wir gehen Hand in Hand." Es ist Werbung für eine Kampagne, mit der der Verein seit September neue Mitglieder gewinnen will. Doch es ist fraglich, wie ernst es dem Klub mit der Offenheit ist.

Denn offenbar ist nicht jeder als Mitglied willkommen.

Die Ablehnung dieser Mitgliedsanträge platzt in die Euphorie, die die Niedersachen nach dem Bundesligaaufstieg erfasste. Die Ablehnung durch den Klub-Boss erfolgte ohne Angabe von Gründen. Das entsprechende Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt und dessen Echtheit von Hannover 96 bestätigt wurde, umfasst nur zwei Sätze. Vielen Dank für ihren Antrag, haben uns entschlossen, ihn abzulehnen, mit freundlichen Grüßen. Hand in Hand? Nun ja.

Fans wollen Aushebelung der 50+1-Regel verhindern

Der Hintergrund für die Blockade des Klubs ist politisch. Das zumindest vermutet die Fan-Organisation Pro Verein, die die Anträge am 24. Mai im Rahmen einer geplanten Aktion gebündelt bei Hannover 96 eingereicht hatte. Die Organisation steht der Vereinsführung und vor allem Klubchef Martin Kind kritisch gegenüber. Sie will verhindern, dass Kind die Mehrheit der Profi-Sparte übernimmt und die sogenannte 50+1-Regel aushebelt, die die Übernahme von Bundesligaklubs durch Investoren verhindern soll.

Kind kämpft seit Jahren gegen die Klausel, sie ist seiner Meinung nach ein Hemmnis für den Verein. Dank einer Ausnahmeregel wäre Kind befugt, die Mehrheit des Klubs zu übernehmen - nach Darstellung von Pro Verein allerdings nur mit Zustimmung der Mitglieder.

Immer wieder Streit zwischen Vereinsführung und Basis

Für die Organisation ist die Sache klar: Kind hat Angst vor einer Opposition im eigenen Klub und verwehrt den Kritikern daher die Mitgliedschaft. "Der Verein lehnt die Eintritte ab, weil er eine kritische Opposition in Bezug auf die 50+1-Regel verhindern möchte, um die Loslösung der AG vom Verein nicht zu gefährden", sagt jemand, der sich Pro Verein zugehörig fühlt und anonym bleiben will. Die Loslösung der AG vom Verein - damit ist die Aushebelung der 50+1-Regel gemeint.

Immer wieder gibt es bei Hannover 96 Streit zwischen der Vereinsführung und der Basis. In der Saison 2014/2015 ging das so weit, dass die Ultras die Spiele der Profis boykottierten. Die Ablehnung der Mitgliedsanträge ist für Pro Verein ein Affront. "Das ist eine neue Eskalationsstufe. Unsere Gesprächsbereitschaft ist mittlerweile sehr gering", sagt die Person aus dem Umfeld der Organisation, die darauf hinweist, dass Pro Verein kein Ultra-Verband sei, sondern verschiedene Fan-Schichten repräsentiere.

Die Organisation will kämpfen. Sie hat den 119 abgewiesenen Antragstellern empfohlen, vom Klub eine Begründung für die Ablehnung zu verlangen. Danach sollen sie ihre Anträge erneut einreichen. "Wenn der Verein eine Begründung liefert, können wir weiterarbeiten. Wenn nicht, ist das auch eine Antwort", sagt die Person aus dem Umfeld von Pro Verein.

Auch der SPIEGEL bat Hannover 96, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und die drängenden Fragen zu beantworten: Wer hat über die Ablehnung dieser Anträge entschieden, auf welcher Satzungsgrundlage ist dies geschehen, und wie erklärt man, dass eine Ablehnung neuer Mitglieder "im Sinne des Vereins" sein könne? Von Vereinsseite aus möchte man allerdings derzeit nichts weiter zu dem Thema sagen.



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