Streit bei Hannover 96 Kinds Kampf

Die 50+1-Regel soll verhindern, dass Investoren bei Bundesliga-Vereinen zu viel Macht erhalten. Ihr schärfster Gegner: Hannover-96-Chef Martin Kind. Jetzt steht der Unternehmer vor einem entscheidenden Erfolg.

Martin Kind (r.)
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Eigentlich könnte die Stimmung bestens sein bei den Fans von Hannover 96. Der Klub hat den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga geschafft (und den Erzrivalen Eintracht Braunschweig im Unterhaus zurückgelassen), der Start ins Pflichtprogramm verlief standesgemäß mit dem 6:2 im Pokal beim Viertligisten Bonner SC, und zum Liga-Auftakt am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wartet ein angenehmer Gegner, nämlich Mainz 05.

Doch es brodelt bei dem Klub aus Niedersachsens Hauptstadt. Die sogenannte aktive Fanszene hat einen Stimmungsboykott angekündigt, und auch viele nicht so aktive Zuschauer sind unsicher, was sie von den Entwicklungen in ihrem Verein halten sollen. Hannover 96, vom Grundsatz her ein eher unauffälliges Mitglied der Bundesliga-Gesellschaft, ist zum Start der neuen Spielzeit das größte Konfliktgebiet der Fußball-Republik.

Das liegt an Klubchef Martin Kind, an seinen Plänen und seinem Vorgehen.

Der 73 Jahre alte Hörgeräte-Unternehmer ist eine der kontroversesten Figuren im deutschen Fußball. Kaum jemand hat so viele Kritiker. Doch auch sie können seine Verdienste nicht leugnen. Kind übernahm 1997 das Präsidentenamt bei Hannover 96, bewahrte den Verein mit finanziellen Zuwendungen vor dem Ruin und brachte ihn aus der Regionalliga, damals der dritten Spielklasse, zurück ins Oberhaus.

Hannover 96 ist für Kind eine Marke

Kind ist sich seiner Rolle als Retter und Sanierer bewusst. Der Klub sei vor seinem Einstieg "ein Scheißverein" gewesen, der "über 100 Jahre nichts geschaffen hat", sagte er einmal und unterschlug dabei, dass der bislang letzte Titelgewinn, nämlich der DFB-Pokalsieg 1992, in die Zeit vor seiner Ankunft fiel. Später bereute Kind die drastische Wortwahl.

Der Unternehmer hat den Verein nach vorne gebracht. 14 Jahre nacheinander spielte Hannover 96 in der Bundesliga, schaffte zweimal sogar den Einzug in den Europapokal. Der Klub hat ein Nachwuchsleistungszentrum für 18 Millionen Euro gebaut. Die Zahl der Mitglieder ist auf 20.000 gestiegen. Personelle Konstanz gibt es unter Kind allerdings nicht. 13 Trainer und eine Vielzahl an Sportdirektoren, sportlichen Leitern und Sportgeschäftsführern hat er in diesem Jahrtausend schon verschlissen.

Kind kommt aus der Wirtschaft und denkt auch so. Hannover 96 ist für ihn eine Marke, die er konsequent nach seinen Vorstellungen ausrichtet. Er hat ein verschachteltes und für Außenstehende schwer durchschaubares Firmengeflecht aufgebaut, mit dem er den Klub steuert. Seine Lebensaufgabe ist der Kampf gegen die 50+1-Regel, die verhindern soll, dass Investoren bei Bundesliga-Vereinen zu viel Macht bekommen.

Die 50+1-Regel als Wettbewerbsnachteil

Vielen Fans ist diese Klausel heilig. Kind sieht sie als Wettbewerbsnachteil - und ist kurz davor, diesen Nachteil zu beseitigen. Weil er den Verein seit 20 Jahren unterstützt, kann er bei der DFL eine Ausnahmeregelung beantragen, die 50+1-Abmachung umgehen und den Klub übernehmen. Hannover 96 wäre nach der TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg der vierte Verein, der von der Vereinbarung ausgenommen wäre.

Kind verspricht, dass der Profifußball in Hannover auch künftig von regionalen Gesellschaftern gelenkt würde. Ein von Investoren aus dem Ausland regierter FC Peking sei nicht geplant. Doch die Basis bleibt skeptisch.

Bei einer Versammlung im April gelang es den Mitgliedern zwar nicht, die 50+1-Regel in der Satzung des Vereins festschreiben zu lassen. Doch sie beschlossen, dass Kind vor dem Gang zur DFL die Klubangehörigen befragen müsse. Das hat der Vereinschef offenbar nicht vor. Er deutet den Beschluss der Mitglieder lediglich als Empfehlung, nicht als bindend. Dabei heißt es in der Satzung, dass die Versammlung das oberste beschließende Organ sei.

Kind, der Hardliner

Dass der Verein kürzlich 119 Mitgliedsanträge ablehnte, die von einer Oppositionsgruppe eingereicht worden waren, verstärkt den Eindruck, dass sich Kind nicht hineinreden lassen will in seine Pläne. Nach seiner Auffassung müssen Profiklubs von Experten aus der Wirtschaft regiert werden, nicht von Vereins-Leuten - und schon gar nicht von Fans. Kind ist in seinem Vorgehen rigoros. Zielstrebig, sagen die einen. Skrupellos die anderen. Er selbst beruft sich auf das Wohl des Klubs und ist nicht auf Beifall aus. Wer Verantwortung übernehme, müsse auch mit Kritik leben, so sieht er das.

Kind ist ein Hardliner. Und befindet sich seit Jahren im Zwist mit den Hardlinern in der Kurve, den Ultras. Der Konflikt eskalierte in der Saison 2013/2014. Beim Derby gegen Braunschweig zündeten die Fans im eigenen Stadion Pyrotechnik in einem Ausmaß, wie man es eher aus Südamerika oder Osteuropa kennt. Für das Auswärtsspiel griffen als Folge daraus besondere Maßnahmen: Den Fans wurde eine vom Verein organisierte Busanreise verordnet. Die Empörung war groß, einige Anhänger zogen gegen ihren Klub vor Gericht. In der Saison danach boykottierten die Ultras die Partien von Hannovers Bundesliga-Mannschaft. Sie kamen erst zurück, als der Klub kurz vor dem Abstieg stand. Zur neuen Spielzeit gibt es den nächsten Stimmungsverzicht.

Bonner SC - Hannover 96 (13.08.17)
REUTERS

Bonner SC - Hannover 96 (13.08.17)

Für Kind kein Drama. "Wir werden versuchen, sie auszugrenzen. Die wollen wir eigentlich gar nicht, wir brauchen sie gar nicht" - so zitierte ihn neulich die "Bild"-Zeitung. Wobei nicht ganz klar war, ob er die Ultras in ihrer Gesamtheit meinte oder nur jenen Teil des Publikums, der Anfang des Monats das Testspiel in Burnley zum Abbruch gebracht hatte.

Die Öffentlichkeit wertete die Ausschreitungen als Protest gegen Kind, als Ergebnis der Spannungen im Verein, ohne allerdings plausibel zu erklären, warum Fans aus Ärger über die eigene Klubführung andere Anhänger angreifen sollten. Den wirklichen Protest wird es wohl erst in den kommenden Wochen zu sehen und zu hören geben.

Beziehungsweise: nicht zu hören. Wenn der harte Kern der Fans dem Team die Unterstützung verweigert.

insgesamt 4 Beiträge
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Pocillator 19.08.2017
1. Kind hat 96 eine vorzügliche Infrastrukur verpasst
Ich habe mal ne zeitlang im offiziellen 96-Forum mitgelesen. Da gibt es einige Leute, die sich die Parole "Kind muss weg" auf die Fahnen geschrieben. Wenn man lieber drittklassig spielt, aber dafür mit 50+1, ist das ja okay. Dass die Fans und die Ultras aber auch in anderen Vereinen, für die 50+1 gilt, nix zu sagen haben, sollte aber jedem klar sein. Alle wichtigen Entscheidungen werden nicht in der Öffentlichkeit getroffen. Die meisten Kind-Gegner im besagten Forum stellen es so dar, als wolle sich Kind bereichern. Ein Investor halt, eine Art Heuschrecke. Dass Kind bestimmen will, welche Personen im Management mit seinem Geld hantieren, finde ich verständlich. Kind wäre gut beraten, mal ne Hausnummer zu nennen, wie viele Millionen ihm sein Engagement für 96 bisher gekostet hat. Kind hat zwar keine Ahnung vom Sportlichen, also was sich auf dem Rasen abspielt, aber er hat 96 eine vorzügliche Infrastrukur verpasst. Dafür kann man ihm als 96-Fan nur dankbar sein.
Teigkonaut 19.08.2017
2. Entwicklung ist verhängnisvoll
Ungeachtet der Verdienste von Herrn Kind um einen herunter gewirtschafteten Verein ist sein Vorgehen in mehr facher Hinsicht bedenklich. Der Mann missbraucht die Mitglieder als Feigenblatt dafür, dass Hannover 96 ein demokratisch regierter Verein ist. In Wahrheit betrachtet er ihr Votum als nicht bindend und deutet es als Empfehlung. Sein Personalverschleiss bei H96 zeigt nur, dass er vom Fußball wenig versteht, sich aber dennoch als Regent aufführt. So wie Ludwig der XIV., der seinen Machtanspruch umschrieb mit: Der Staat bin ich! Das kann keine gesunde Entwicklung für den Sport sein. Das es anders geht, nämlich professionell und gleichzeitig demokratisch zeigen Borussia Mönchengladbach oder der Freiburger SC.
Pocillator 19.08.2017
3. Was bitte meinen Sie denn mit demokratisch in dem Kontext konkret?
Zitat von TeigkonautUngeachtet der Verdienste von Herrn Kind um einen herunter gewirtschafteten Verein ist sein Vorgehen in mehr facher Hinsicht bedenklich. Der Mann missbraucht die Mitglieder als Feigenblatt dafür, dass Hannover 96 ein demokratisch regierter Verein ist. In Wahrheit betrachtet er ihr Votum als nicht bindend und deutet es als Empfehlung. Sein Personalverschleiss bei H96 zeigt nur, dass er vom Fußball wenig versteht, sich aber dennoch als Regent aufführt. So wie Ludwig der XIV., der seinen Machtanspruch umschrieb mit: Der Staat bin ich! Das kann keine gesunde Entwicklung für den Sport sein. Das es anders geht, nämlich professionell und gleichzeitig demokratisch zeigen Borussia Mönchengladbach oder der Freiburger SC.
Was bitte meinen Sie denn mit demokratisch in dem Kontext konkret? Was haben denn die Mitglieder in den anderen 14 Bundesligavereinen, bei denen 50+1 gilt, denn konkret im Profibereich mitzubestimmen? Ich frage, weil ich es wirklich nicht weiß.
willywurm 19.08.2017
4. Kind der Barbar
Jetzt mal anders gefragt: was sollen die Gegner von Kinds Übernahmeplänen denn im legalen Rahmen noch machen? Einen Mehrheitsbeschluss auf der JHV durchbringen, der eindeutig sagt, dass vor der Übertragung der Vereinsrechte die JHV gefragt werden muss. Kind meint, das sei eine Empfehlung. Leute gewinnen, die in den Verein eintreten. Kind sorgt dafür, dass diese Mitgliedsanträge ohne Begründung abgelehnt werden. Einen Zusammenschluss wie ProVerein gründen, der juristisch auf allen Ebenen kämpft, der aber in der lokalen Madsack-Presse komplett ignoriert wird. Einen Stimmungsboykott initiieren. So, noch weitere Vorschläge? Und dann wundert sich jemand, dass irgendwann mit reiner Gewalt reagiert werden wird? Wenn Kind sich bei der DFL und vor Gericht durchsetzen würde und damit sein "Spielzeug" ganz allein besitzt (wieso braucht der das eigentlich? was bringt ihm den Mehrwert zur jetzigen Situation?), dann wird er nicht lange Freude daran haben. Die Opposition wird dann sicherlich alles tun, um es ihm kaputt zu machen. Warum sollte man denn in Sachen Pyro, Gewalt o.ä. noch irgendwelche Rücksicht nehmen? Eigentlich haben sich in den letzten Tagen doch die Stimmen gemehrt, die verstanden haben, dass der "totale Krieg" Fans/DFL nur Verlierer produziert. Nur Martin Kind versucht es mit der Brechstange...
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