Ultras in den Medien "Dumm und kriminell"

In der Berichterstattung über Ultras dominiert in vielen Medien Hysterie. Ganz besonders in Hannover, wo die Fanszene über Sensationsjournalismus klagt. Anatomie eines ungeklärten Verhältnisses.

Fans von Hannover 96 protestieren gegen Präsident Martin Kind
DPA

Fans von Hannover 96 protestieren gegen Präsident Martin Kind

Ein Gastbeitrag von Daniel Bouhs und


"Erster Fußball-Profi fordert Knast für Ultras", "Brennpunkt Stadion", "Bundesliga steht schlimmste Gewalt-Saison bevor": Nicht nur bei der "Bild"-Zeitung hatten sich einige Journalisten schon vor Beginn der Fußball-Saison in Rage geschrieben. Das mediale Feuer musste offenbar weiter geschürt werden.

Im Fernsehen wird auf Pyrotechnik-Bilder meist dasselbe Stakkato an Verwünschungen getextet: "Idioten, Chaoten, Bilder, die niemand braucht". Wirklich nicht? Warum war Pyrotechnik noch vor wenigen Jahren in den offiziellen Bundesliga-Spieltags-Jingle reingeschnitten - bis irgendwem der offensichtliche Widerspruch zur offiziellen Linie auffiel?

Mediale Heuchelei

Für Oliver S.*, Ultra aus Hannover, sind Teile der medialen Empörung geheuchelt: "Im Fernsehen wird häufig über Pyrotechnik berichtet. Sobald irgendwo etwas brennt, wird die Kamera draufgehalten und es wird gesagt, wie schlimm das alles sei. Das ist in meinen Augen Sensationsjournalismus. Ich glaube, insgeheim freuen sich die Fernsehsender, weil sie etwas zu berichten haben."

Gastbeitrag
    Die Autoren Daniel Bouhs und Andrej Reisin haben zu diesem Thema bereits in der Sendung "ZAPP - das Medienmagazin im NDR Fernsehen" berichtet. Den Beitrag können Sie hier sehen.

Tagsüber geht S. einem normalen Bürojob nach, seine Freizeit gehört der Ultra-Szene von Hannover 96. Mit seinem Namen im Fernsehen oder in der Presse auftauchen will er nicht: "In der Öffentlichkeit werden Ultras in der Regel als Gewalttäter, Pyromanen, Randalierer dargestellt. Was ich alles drei nicht ansatzweise bin." Wüssten Kollegen und Kunden davon, könnte das unangenehme Folgen haben, sogar der Arbeitsplatz gefährdet sein.

Normaler Dialog ist kaum noch möglich

Auch Christina Rose berichtet, dass die aus ihrer Sicht voreingenommene Berichterstattung über die Ultras "negative Auswirkungen" hat. Die Jura-Studentin gehört selbst zur aktiven Fanszene von Hannover 96. Zudem engagiert sie sich in der "Fanhilfe Hannover", die Anhänger des Vereins berät, die mit Ordnern oder der Polizei aneinandergeraten sind.

Der Diskurs mit Fans, die nicht zur Ultra-Bewegung gehören, sei kaum noch möglich, so Rose. "Alles, was von Ultra-Seite kommt, gilt grundsätzlich als schlecht, weil sie pauschal als dumm und kriminell gelten." Mittlerweile gebe es sogar Handgreiflichkeiten oder Übergriffe, wenn Mitglieder der Ultra-Szene beispielsweise Spruchbänder gegen Präsident Martin Kind zeigen wollten. Aus Roses Sicht "auch das Ergebnis jahrelanger Hetze gerade lokaler Medien".

Hat die Lokalpresse an den Ultras einen Narren gefressen?

Gemeint ist vor allem die Berichterstattung in den beiden hannoverschen Lokalzeitungen "Hannoversche Allgemeine" (HAZ) und "Neue Presse" (NP). Hintergrund ist der schwelende Konflikt der Ultra-Szene mit Klub-Boss Kind. Der ist in Hannover eine schillernde und weitgehend wohlgelittene Persönlichkeit. Als der Inhaber des gleichnamigen Hörgeräte-Herstellers 1997 Präsident wurde, war der Verein in die damals drittklassige Regionalliga abgestürzt. Unter Kind kehrte die Mannschaft in die Bundesliga zurück - und schaffte sogar den Sprung auf die europäische Bühne.

Zudem wurde das Niedersachsenstadion zu einer modernen Arena umgebaut. Kinds Erfolge sind unbestreitbar. Doch seit der Präsident die 50+1-Regelung, die das Engagement von Investoren bei DFL-Klubs auf 49 Prozent der Anteile begrenzen soll, bei 96 kippen will, ist er zum Roten Tuch von Ultras und Fußball-Traditionalisten avanciert.

Die 50+1-Regel...
    ...besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

Fast jede Woche finden sich in "HAZ" und "NP" große Berichte, in denen die Ultra-Szene eine Rolle spielt - fast immer eine schlechte. Aus Sicht der Ultras sensationsheischende Berichterstattung auf dünner Faktenbasis: "Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise ein Stadtfest am Rande von Hannover", berichtet Oliver S. "Die Schlagzeile in der 'HAZ' war: '96-Ultras pöbeln'. Im Artikel wird allerdings ein Polizeisprecher zitiert, der sagt, die Ultras hätten zwar gepöbelt, aber keine Straftaten begangen." Die tatsächlich passierten Straftaten sollen von anderen Gruppen verübt worden sein. "Aber das wird im Nebensatz abgehandelt, stattdessen handelt die Schlagzeile und drei Viertel des Artikels von 96-Ultras, die zwar gepöbelt, aber im Endeffekt nichts gemacht haben."

Sturheit auf beiden Seiten

Die Ultras konterten auf ihre Art: Nachdem gewalttätige Auseinandersetzungen bei einem Testspiel von 96 im englischen Burnley als "Fan-Schande" bezeichnet wurden, zeigten sie im Stadion ein Spruchband mit der Aufschrift: "In Hannover die größte Schande: HAZ, NP und Martins Bande". Das wiederum rief "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt auf den Twitter-Plan.

Gegenüber anderen Medien ist die Madsack-Verlagsgruppe, die sowohl "HAZ" als auch "NP" herausgibt, deutlich zurückhaltender. Nachfragen zum gestörten Verhältnis möchte man nicht detailliert beantworten. Per E-Mail nimmt Sprecher Markus Hauke lediglich sehr allgemein Stellung: "Bei unserer Berichterstattung legen wir stets Wert auf Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit und die Einhaltung journalistischer Standards. [...] Wir sehen unsere Rolle dabei auch weiterhin als neutraler journalistischer Beobachter für alle unsere Leser."

Mit der Polizei kommen: die Medien

Gerade daran hat die Szene deutliche Zweifel: Im Juni durchsuchte die Polizei in Hannover die Wohnungen mutmaßlicher Ultras. Der Hintergrund: Ermittlungen wegen des Sprühens von Graffiti. Zeitgleich mit der Polizei kamen die Reporter der Lokalpresse, machten Fotos von Hauseingängen, filmten sogar das Aufbrechen von Türen. Wie der SPIEGEL berichtete, beruhte die Identifizierung der Beschuldigten auf einem Foto, das laut Polizei von lokalen Medien zur Verfügung gestellt wurde. Der Eindruck auf Ultra-Seite ist klar: Medien und Polizei machen gemeinsame Sache - gegen sie.

So sieht es auch Christina Rose von der Fanhilfe: "Die Leute haben mittlerweile so ein persönlich negatives Verhältnis zur Ultraszene, dass sie gar nicht mehr anders können, als negativ zu berichten und permanent total scharf drauf zu sein, dass jetzt mal wieder was Schlimmes passiert bei den Ultras."

Vage Hoffnung auf Besserung

Nun ist es nicht so, dass am Auftreten und Verhalten von Ultras gar nichts zu kritisieren wäre. Das räumt auch Oliver S. ein. Er wünscht sich aber, dass diese Kritik differenziert und nicht pauschal daherkommt. "Positive Bilder wie zum Beispiel große Choreographien werden immer allen Fans zugeschrieben, was auch nicht falsch ist. Aber wenn irgendwo Randale ist, sind es immer sofort die Ultras gewesen, auch wenn es vielleicht irgendwelche besoffenen Normalos oder Dorfkiddies waren, die im Rahmen eines Fußballspiels randaliert haben."

Immerhin: Überregional gebe es "schon zunehmend differenzierte Berichterstattung" findet S. und Rose hofft, dass eines Tages nicht nur Stadionverbote und Gewalt die Berichterstattung dominieren: "Dieses Klischee der asozialen Fußballfans, die den ganzen Tag lang nur Scheiße bauen, sollte aufgebrochen werden. Es gibt auch karitative Aktionen oder politisch relevante oder intelligente Spruchbänder. Wenn ich den Leuten immer nur sage, 'Ihr seid die größten Assis der Nation', muss ich mich nicht wundern, wenn ich damit genau solche Leute anziehe."

Folgt die Realität also dem medialen Vorurteil? Ganz so einfach ist es sicher nicht. Aber darüber nachdenken sollten Journalisten in jedem Fall.

*Name von der Redaktion geändert



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Seite 1
widower+2 14.10.2017
1. So ist es!
Die Ultras sind maßgeblich verantwortlich für die tolle Stimmung in den Stadien, womit ich nicht Pyrotechnik meine. Die sollte wirklich raus aus den Stadien. 98 Prozent der Ultras sind friedlich. Bei dem einen Verein mehr, bei dem anderen weniger, wobei Hannovers Ultras tatsächlich nicht ganz ohne sind. Aber SPON könnte es sich ruhig mal zur Aufgabe machen, zu recherchieren, wie viele karitative Aktionen von Ultras auf die Beine gestellt werden. Zum Beispiel von den verschiedenen Ultragruppen von Werder Bremen.
Tom Tom B 14.10.2017
2. Nicht alles gut, aber ....
die Ultragruppierungen sind die einzigen im Stadion, die nicht blind alles bejubeln, was von den Vereinen vorgesetzt wird. Wenn einem die Entwicklung des Fußballs völlig egal ist, sollte man respektieren, dass es Leute gibt, denen das alles nicht am Allerwertesten vorbeigeht. Ultras sind vielleicht sogar oftmals "das gute Gewissen" der Vereine. Auch wenn das mancher nicht wahrhaben will.
Nonvaio01 14.10.2017
3. nichts gegen Ultras
alles gegen Pyro und Gewallt. Dann muessen die friedlichen Ultras eben Ihre bekannten mal ansprechen, oder die einfach mal bei der Polizei melden, wenn diese bekannt sind. Denn wenn es so weiter geht wird die ganze Ultra fangemeinschaft darunter leiden und die konsequenzen tragen.
lektra 14.10.2017
4. Differenzierung braucht man auf beiden Seiten
Zitat von Tom Tom Bdie Ultragruppierungen sind die einzigen im Stadion, die nicht blind alles bejubeln, was von den Vereinen vorgesetzt wird. Wenn einem die Entwicklung des Fußballs völlig egal ist, sollte man respektieren, dass es Leute gibt, denen das alles nicht am Allerwertesten vorbeigeht. Ultras sind vielleicht sogar oftmals "das gute Gewissen" der Vereine. Auch wenn das mancher nicht wahrhaben will.
Im Artikel werden Ultras zitiert, die (zurecht!) eine differenzierte Darstellung einfordern. Dieselbe Borniertheit in der Darstellung anderer (der Nicht-Ultras) findet sich aber in Teilen der Ultra-Szene, nach dem Motto: Wir sind die einzig Kritischen und die einzigen wahren Fans. Alle, die nicht zu uns gehören bejubeln "blind alles (...), was von den Vereinen vorgesetzt wird." (wie in Beitrag 2 anschaulich dokumentiert). Man muss sich nicht wundern, dass die Ablehnung der Ultras in der Nicht-Ultra-Fanszene um sich greift, wenn 1.) sich die Ultra-Szene häufig gar nicht oder nur zögerlich und eingeschränkt von Straftaten distanziert (und Straftäter in den eigenen Reihen oft genug deckt) und 2.) aus der Ultra-Szene immer wieder überhebliche Sprüchen kommen, in denen alle Nicht-Ultra-Fans diffamiert werden, wie hier als blinde vereinshörige Jubelmasse. Ich bin nicht nur Fußballfan, sondern auch ein Anhänger der differenzierten Betrachtung. Die Darstellung in den Medien stört mich hier oft (Kommentator: "Bilder, die keiner sehen will" über Bilder, die der Kollege in der Regie gerade dem Fernsehpublikum präsentiert). Aber Diffenzierung nach innen (keine Solidarität mit Straftätern) wie nach außen (keine Diffamierung von Fans, die sich nicht als Ultras verstehen) muss es auch in Ultra-Gruppierung geben.
frisco96 14.10.2017
5. Fake News in H
Das ist das Hannover Model des MK.... Madsack als Betreiber der gesamten Lokalpresse an dem 96 Konstrukt beteiligen. Und schliesslich den Hauptredakteur, der jahrelang nichts Kritisches zu MK zugelassen hat, Heiko Rehberg, als Pressesprecher von 96 engagieren, so jüngst geschehen.... irre gut wie er die Meinungsmache zu seinen Gunsten beeinflusst und sich selbst klammheimlich zum Diktator demokratisiert hat. Respekt. Not my president, KMW
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