Glück und Leid eines 96-Fans Kämpfen? Geht!

Die Frage "Wie kann man nur Fan von Hannover 96 sein?" hat er schon tausend Mal gehört. Doch Kai Lange hält zu seinem Verein. Titel? Davon darf er als "Roter" nur träumen. Aber Abstiegskampf - das kann er.

96-Profi Sané: Machen Sie eine typische Handbewegung
DPA

96-Profi Sané: Machen Sie eine typische Handbewegung


Werde ich leiden, wenn Hannover 96 morgen absteigt? Natürlich. Wird meine Welt untergehen? Niemals. Als Fan der "Roten" kenne ich alles: Abstieg, Aufstieg, Absturz, Triumph. Ich halte zu einer Elf, die an schlechten Tagen so krumm kicken kann, dass ihr nächster Sieg dann umso größer wird. Und wer mit seiner Mannschaft wirklich gelitten hat, weiß, wie gut sich der nächste Erfolg anfühlt.

Gibt es Langweiligeres, als Fan des FC Bayern zu sein? Jahr um Jahr auf dem Sonnendeck herumzulümmeln, Titel zu zählen und schon Wochen vor dem letzten Spieltag die Saison lust- und kraftlos zu beenden? Ich habe mich für das größtmögliche Kontrastprogramm entschieden: Ich bin 96-Fan, obwohl ich nicht mal in Hannover lebe. Die Frage "Wie kann man nur Fan von Hannover 96 sein?" habe ich schon tausendmal gehört - obwohl die Antwort so einfach ist: Nur wer Fan eines Teams wie 96 ist, weiß, was Fan-Sein zu bieten hat.

Abstiegsangst hatte ich zuletzt 2010. Im Winter zuvor beging Robert Enke Suizid, die unter Schock stehende Mannschaft holte aus den folgenden zwölf Spielen gerade einmal einen Punkt. Dann das Comeback, die Reaktion, die Rettung am letzten Spieltag durch das 3:0 gegen Bochum. Selbst wenn wir abgestiegen wären, hätten wir das verkraftet: Wir haben es Ende der Achtziger als eines von wenigen Teams geschafft, binnen fünf Spielzeiten jeweils zweimal auf- und wieder abzusteigen. Wir wissen, was Fußball bedeutet.

Umso mehr genießt man die magischen Momente

Wir 96-Fans können leiden. Und genießen deshalb umso mehr die magischen Momente: Den Augustabend im Niedersachsenstadion 2011, Schlaudraff trifft zweimal, wir werfen Sevilla raus und stürmen die Europa League. "RESPEKT" schreiben mir daraufhin die Freunde, die mich als "Roten" sonst nur belächeln.

96-Fans im Stadion: Warten auf den nächsten großen Augenblick
picture alliance / dpa

96-Fans im Stadion: Warten auf den nächsten großen Augenblick

Wir träumen später sogar vom Halbfinale, acht Minuten wahnwitzige Hoffnung nach dem Tor von Diouf gegen Atlético Madrid, und dann das Aus drei Minuten vor Schluss. Das volle Programm eben, Leidenschaft statt Meisterschaft. Sie haben keine Ahnung, von welchen Momenten ich rede? Kein Problem. Es sind 96-Momente. Kein Champions-League-Konsensquark.

Pokale? Meisterschalen? Liegen bei 96 eine Ewigkeit zurück. Ich erinnere mich an den 23. Mai 1992, Pokalfinale gegen Mönchengladbach, die Torwart-Legende Jörg Sievers hält erst einen Elfmeter gegen Karlheinz Pflipsen und fischt gleich danach noch einen gegen Holger Fach. Ich bebte. Wir waren Pokalsieger. Als Zweitligist. Das letzte Mal Meister wurden wir übrigens am 23. Mai 1954, ist leicht zu merken: Deutschland Weltmeister, 96 Deutscher Meister. Perfekte Fußballwelt.

Die Kinder sind bereits auf Linie gebracht

Ich habe meinen Sohn und meine Tochter ins Niedersachsenstadion gefahren, als sie ihr erstes Fußballspiel live erleben wollten. Seitdem toben die beiden samstags mit einem schwarz-weiß-grünen 96-Strickschal durch Hamburg. Das sei Kindesmisshandlung, meinen Sie? Unsinn.

Die beiden wissen jetzt, dass es mal gut und mal schlecht läuft. Dass es Siege und Niederlagen gibt. Dass es Spaß macht, etwas gut zu finden, was viele blöd finden. Vielleicht suchen die beiden später ihre Musik nicht nur aus den Top Ten aus, und ihre Bücher nicht nur aus der Bestsellerliste des SPIEGEL.

Wir 96-Fans können Abstiegskampf viel besser als Meisterschaft. Endspiele kennen wir meist als Abstiegs-Endspiele, und die können wir gut, Freiburg sei gewarnt. Mein Sohn, meine Tochter und ich werden wieder den hässlichen schwarz-weiß-grünen Schal umlegen und "96 - alte Liebe" singen. Eine alte Liebe, zu der man steht, auch wenn sie nicht die Beauty-Queen ist.

Vielleicht wird der 23. Mai für uns ein trauriger Tag. Aber dann stehen wir wieder auf. Und warten auf den nächsten magischen Moment.

Kai Lange hat Hannover 96 schon unterstützt, als Dieter Schatzschneider noch durch den Strafraum tobte. Fans wissen, was das heißt.



insgesamt 27 Beiträge
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doso65 23.05.2015
1. Danke
Bei mir müsste ich nur statt Hannover Hertha einsetzen und "Copy Paste".
charlieundalan 23.05.2015
2.
NIEMALS ALLEIN !! :) volle zustimmung zum Artikel... habe schatz auch noch live gesehen... hoffe der rote und blaue hsv schaffen es
kuestengucker 23.05.2015
3.
RESPEKT. schöner Beitrag. 96 war immer meine zweite Liebe, als Kind bereits im Niedersachsenstadion mit Sparta Langenhagen spielt
k.dick 23.05.2015
4. Leider kein Verein mehr
Leider sind wir kein Verein mehr. Den Hörgeräte Kind hat mit seinen Freunden, die Fussballabteilung gekauft. Er selber als Präsident hat den Verein an sich selber verschleudert (26 Mio. haben Sie bezahlt). Das wird meine Leidenschaft nicht aushalten, den so kann ich auch Fan von Miele-Waschmaschienen sein. Es ist so traurig. Kind weiss nicht was er getan hat, ich werde nie mehr in Hannover ins Stadion gehen können und habe ein Stück Heimat verloren. Ein Exil-Hannoveranner in Berlin
kuestengucker 23.05.2015
5.
UPS,da ging was schief... meine erste liebe gilt dem S04 - und auch da sind wir Kummer gewohnt. die Gefühle spielen Achterbahn...aber genau das ist Fußball. das ist das letzte Stückchen Kreisklasse mitten im Real-gestylten Kommerz. und deswegen denke ich auch das ein abstieg von 96 traurig, aber verkraftbar wäre (ich hoffe und bete das meine Blauen die Hannovereraner heute tatkräftig unterstützen - befürchte aber das Schlimmste...) - die größte Gefahr ist und bleibt Martin Kind. viel Glück heute!!!!
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