Hannover-Debakel gegen Werder Die Schläfer

Hannover 96 zeigte bei der Niederlage in Bremen, dass die Mannschaft in der Bundesliga überfordert ist. Trainer Thomas Schaaf war schockiert vom Auftritt seines Teams.

Christian Schulz, Hiroki Sakai, Hiroshi Kiyotake
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Christian Schulz, Hiroki Sakai, Hiroshi Kiyotake

Aus Bremen berichtet


Als sich abzeichnete, dass das Spiel bei Werder Bremen in einem Debakel enden würde, retteten sich die Fans von Hannover 96 in Galgenhumor. Sie hüpften auf und ab im Gästeblock unter dem Dach des Weserstadions und sangen vom Europapokal. Die Bremer Anhänger antworteten mit "So spielt ein Absteiger". Sie hatten recht.

Die Hannoveraner hatten bei der 1:4-Niederlage tatsächlich keine Indizien dafür geliefert, dass der Klassenerhalt noch irgendwie gelingen könnte. Sieben Punkte beträgt der Rückstand auf den Relegationsplatz. Entsprechend groß war der Frust der Delegation aus Niedersachsen. "Wir waren positiv gestimmt, aber dann ist uns wirklich gar nichts gelungen", sagte Offensivmann Kenan Karaman. Die Mannschaft habe Teile des Spiels "komplett verschlafen", sei "immer einen Schritt zu spät gewesen".

Manager Martin Bader gab an, dass sich die aktuelle Situation nicht eigne, um "von Hoffnung zu sprechen". Trainer Thomas Schaaf sah sich unmittelbar nach dem Spiel außerstande, über die Trainingsarbeit der kommenden Woche nachzudenken. "Ich habe noch nicht einmal eine 100-prozentige Vorstellung davon, wie ich den heutigen Abend überstehe", sagte er.

Abstieg ein großes Stück nähergekommen

Es ist besonders tragisch, dass Schaaf dem Abstieg mit Hannover nun ausgerechnet hier so nahekommt. 41 Jahre hat er bei Werder gewirkt. Erst als Spieler, dann als Erfolgstrainer. Das Double im Jahr 2004 war sein Werk. Schaaf genießt in Bremen Heldenstatus.

Dass die Fans in der Ostkurve des Weserstadions gegen Ende der Partie ein "Danke Thomas"-Plakat entrollten, bekam Schaaf gar nicht mit. "Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt", sagte er.

Der Trainer hatte keine große Lust, über seine Bremer Vergangenheit zu reden oder darüber, welche Gefühle ihn bei seiner Heimkehr begleitet hatten. "Es war meine Aufgabe und meine Pflicht, mit Hannover 96 ein gutes Spiel zu zeigen." Deshalb sei er auch mehr über die Niederlage enttäuscht, als dass er sich über die Grüße aus der Fankurve und den insgesamt freundlichen Empfang des Bremer Publikums habe freuen können.

Schaaf und Werder mögen auf Ewigkeit verbunden sein, aber seine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt seinem aktuellen Arbeitgeber und dem Versuch, dem Abstieg doch noch zu entgehen, diesen Eindruck wollte er im Vorlauf auf die Reise nach Bremen vermitteln, und diesen Eindruck vermittelte er auch, als er nach dem Spiel im Pressesaal des Weserstadions seine Analyse vortrug.

Zwei Dinge machen Schaaf noch Hoffnung auf Hannovers Klassenerhalt. Zum einen der Umstand, dass er ja schon erlebt hat, wozu seine Mannschaft an guten Tagen imstande ist. Eine Woche zuvor war den Hannoveranern ein überraschendes 2:1 in Stuttgart geglückt, es war der bisher einzige Sieg unter Schaaf. "Man kann sich darauf verlassen, dass man sich auf nichts verlassen kann", stellte der Trainer fest und meinte damit, dass seine Mannschaft unberechenbar sei, im negativen, aber auch im positiven Sinne.

Logische Konsequenz der vergangenen Jahre

Zum anderen zieht Schaaf Zuversicht aus seiner Vergangenheit. Als er im Mai 1999 sein Amt als Trainer in Bremen angetreten habe, drei Spieltage vor Schluss, "da hat auch keiner einen Pfifferling auf uns gesetzt", so Schaaf. Am Ende gelang der Klassenerhalt. Nein, aufgeben möchte Schaaf nicht, auch wenn die Lage noch so finster scheint.

Sein Durchhaltevermögen ehrt ihn, doch nach dem 1:4 gegen Werder käme es einer Sensation gleich, wenn Hannover die Klasse halten würde. Der Abstieg wäre die logische Konsequenz der vergangenen Jahre, in denen der Kader immer weiter an Substanz verlor, weil Leistungsträger wie Leonardo Bittencourt, Joselu oder Lars Stindl gingen und viel Durchschnitt kam.

In Bremen zeigte die Mannschaft, dass sie mit der Bundesliga überfordert ist. Trainer Schaaf ärgerte sich vor allem über das 0:2 in der 26. Minute, über den sehenswerten Treffer von Claudio Pizarro, der mit 37 Jahren seinen 37. Frühling erlebt und nur noch ein Tor hinter Marco Bode liegt, dem besten Schützen der Bremer Vereinsgeschichte. "Sieben Spieler stehen drumherum und gucken zu. Fehlte nur noch, dass sie Beifall geklatscht hätten", klagte Schaaf über das Abwehrverhalten seines Teams.

Am Ende eines deprimierenden Nachmittags flüchteten sich also nicht nur Hannovers Fans in Galgenhumor mit ihren Gesängen von Europa, sondern auch der Trainer.



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insgesamt 12 Beiträge
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h.grünspan 05.03.2016
1. Leistungsträger
Substanz ging in den letzten Jahren verloren. Das stimmt. Aber Bittencourt als Leistungsträger zu betiteln ist ein Witz.
georg_k 05.03.2016
2. und immer grüßt der Sportdirektor
Das liest sich so, wie es beim 1.FCN vor 3 Jahren war. Aber seit letzter Saison ist Bader ja bei Hannover. Da geht's mit dem Club wieder aufwärts.
Mondaugen 05.03.2016
3. Konsequenz
Hannovers Kader ist nicht bundesligatauglich. Der Glückssieg in Stuttgart bleibt die Ausnahme, 7 Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz wird diese Truppe nie aufholen, Konsequenz ist der nächste Abstieg. Dafür kann Schaaf nichts, denn er hat den Kader nicht zusammengestellt.
ray8 05.03.2016
4. Thomas Schaaf
unser Mann in Hannover...
perser1987 05.03.2016
5. irgendjemand muss ja
absteigen, aber keine Sorge die Frankfurter werden euch begleiten. Nur schade dass nächstes jahr Nogoalstadt (FCI) wieder dabei ist in der 1.Bundesliga.
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