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Fan-Frieden bei Hannover 96: Ultra-bemüht im Abstiegskampf

Von , Hannover

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Fans von Hannover 96: Frieden mit dem Klub

Turbulente Zeiten bei Hannover 96: Neben dem Trainerwechsel hat der Verein auch den Streit mit den Fans bewältigt - beide Seiten haben demonstrativ Frieden geschlossen. Doch zufrieden sind damit längst nicht alle.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Ultras von Hannover 96 haben sich ein strammes Programm auferlegt für den kommenden Fußball-Samstag. Um 13 Uhr wollen sie die zweite Mannschaft im Regionalligaspiel gegen den TSV Havelse unterstützen, danach machen sie sich auf den Weg vom Beekestadion im Stadtteil Ricklingen zur Arena am Maschsee, in der um 15.30 Uhr die Partie von Hannovers Profis gegen Hoffenheim angepfiffen wird.

Und damit wird der Bundesliga-Boykott des harten Kerns der Fans vorbei sein.

Wegen eines Streits mit der Vereinsführung um Klubchef Martin Kind hatten sich die Ultras und weite Teile der sogenannten aktiven Fanszene - also Fanklubs und Fans, für die Fußball mehr ist als ein Produkt und der Verein mehr als eine Marke - zu Saisonbeginn aus dem Bundesligastadion zurückgezogen und sich der zweiten Mannschaft zugewandt.

Jetzt haben die Konfliktparteien demonstrativ Frieden geschlossen. Der Verein gab eine Mitteilung heraus, die von den Ultras als die geforderte Entschuldigung für vergangene Fehler akzeptiert wurde. Gegen Hoffenheim wollen sie wieder Stimmung machen, natürlich ohne die zweite Mannschaft im Stich zu lassen. "180 Minuten Singen wird anstrengend. Aber das haben wir uns selbst ausgesucht", sagt ein Mitglied der Ultras.

Der Dauerkonflikt kochte in dieser Saison über

Es wirkt seltsam, dass sich ein Bundesligaklub bei seinen Fans entschuldigen muss und die Ultras Bedingungen für den Stadionbesuch stellen können. Doch die Situation in Hannover ist speziell.

Der Konflikt ist vielschichtig und schwelte seit Jahren. In der vergangenen Saison kochte er über. Der Verein nahm den Ultras übel, dass sie beim Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig über 90 Minuten Pyrotechnik zündeten.

Klubchef Kind: Schließt Frieden mit den Fans Zur Großansicht
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Klubchef Kind: Schließt Frieden mit den Fans

Die Fans fühlten sich in ihrer Reisefreiheit beschnitten, als der Klub Tickets für das Rückspiel in Braunschweig auf Empfehlung von Innenministerium und Polizei nur in Verbindung mit einer organisierten Busreise ausgab. Einige Karteninhaber zogen gegen den Klub vor Gericht.

Jetzt gesteht der Verein Fehler in dieser Angelegenheit ein - und macht den Ultras weitere Zugeständnisse. Sie dürfen wieder ihre alten Blöcke im Oberrang der Nordtribüne einnehmen, kritische Spruchbänder sollen erlaubt sein, sieben Stadionverbote setzte der Klub aus. "Unser Protest gegen die Vereinsführung hat Wirkung gezeigt", heißt es in der Stellungnahme der Ultras. Sie können sich im Streit mit dem Klub als Sieger fühlen.

Hannover zeigt, dass es unmöglich ist, einen Konflikt mit der eigenen Fanszene zu gewinnen. Die Ultras betonen, dass sie sich bei den Spielen der zweiten Mannschaft bestens aufgehoben fühlen. In ihrer Erklärung heißt es, dass sie den Profis Unterstützung "nur dann anbieten können, wenn das zweite Team parallel kein Spiel austrägt". Die Ultras kokettieren damit, dass sie nicht ins Bundesligastadion zurück müssen und diesen Schritt aus Großzügigkeit tun.

Torhüter Zieler: Mannschaft fehlte die Unterstützung im Abstiegskampf Zur Großansicht
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Torhüter Zieler: Mannschaft fehlte die Unterstützung im Abstiegskampf

Der Klub aber kam mit jedem Spiel der Erkenntnis näher, dass es nicht geht ohne den Teil der Fans, der die Stimmung organisiert. "Der Verein hat unterschätzt, wie wichtig eine funktionierende Fanszene ist", sagt das Mitglied der Ultras.

Versöhnung angeblich unabhängig von der sportlichen Situation

Die Atmosphäre bei Hannovers Heimspielen war in dieser Saison bedrückend, meistens übertönte der Gästeblock das Heimpublikum. Richtig laut wurde es nur, wenn die Ablösung des Klubchefs gefordert wurde ("Kind muss weg!") und seine Anhänger den Protest niederpfiffen.

Eine solche Anti-Stimmung ist im Abstiegskampf fatal. Wobei Verein und Fans betonen, dass der Friedensschluss, erreicht in vielen Gesprächen in den vergangenen zwei Monaten, nichts mit der prekären sportlichen Lage zu tun habe. Stattdessen ist die Rede von der großen 96-Familie.

Tobias, 36 Jahre alt und ein zunehmend enttäuschter Fan des Klubs, hat seine Zweifel. "Wäre es nicht zum Abstiegskampf gekommen, hätte doch niemand das Gespräch mit den Fans gesucht", sagt er. Ihm geht die Entschuldigung des Vereins nicht weit genug, außerdem hat er den Eindruck, dass der neue Frieden "eine reine Ultra-Kiste" sei. Er fürchtet, dass sich viele Fans nicht mitgenommen fühlen von der Übereinkunft. Mit dieser Meinung ist er nicht allein. "An uns ist das Schreiben mal wieder nicht gerichtet", klagt zum Beispiel der Fanklub "Die Roten Mädels".

Kapitän Stindl: 96 zuletzt in Leverkusen mit 0:4-Pleite Zur Großansicht
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Kapitän Stindl: 96 zuletzt in Leverkusen mit 0:4-Pleite

Offen ist, wie tragfähig der neue Frieden sein wird. Konfliktpotenzial besteht ja weiterhin zwischen dem Verein und seinen Fans. Klubchef Kind ist in Teilen der Anhängerschaft verhasst, weil er Hannover 96 als Wirtschaftsunternehmen sieht, nicht als traditionsreichen Fußballverein.

Auch das Streitthema Pyrotechnik ist mit der Einigung nicht beigelegt. Die Ultras werden weiter zündeln, wenn ihnen danach ist. Auch wenn sie ankündigen, gegen Hoffenheim nicht gleich das Stadion niederzubrennen.

Weiterer Ärger droht bei der Jahreshauptversammlung am kommenden Montag. Der Hannoveraner Immobilienunternehmer Bernd Hettwer, Vereinsmitglied seit 1997, will erfahren haben, dass der Stammverein seine letzten Anteile an der ausgelagerten Profiabteilung an eine Investorengruppe um Klubchef Kind verkauft hat. Und das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie Hettwer sagt, ohne Mitsprache der Mitglieder. "So sind wir nur noch ein x-beliebiger Breitensportklub, der zufällig so heißt wie ein Bundesligaverein", klagt Hettwer.

Er möchte den angeblichen Verkauf der Anteile rückgängig machen und hat einen entsprechenden Antrag eingereicht. Der Verein äußert sich nicht zu dem Thema und verweist auf die Mitgliederversammlung.

Der Friedensschluss mit den Fans jedenfalls, da sind sich die Beteiligten einig, ist nur ein Anfang. Ein erster Schritt auf dem Weg zurück zu einer harmonischen Beziehung.

Zusammengefasst: Hannover 96 hat sich mit seinen Fans versöhnt. Im Gegenzug für eine Entschuldigung der Vereinsführung kehren die Anhänger ins Stadion zurück und versprechen, den Klub im Abstiegskampf zu unterstützen. Doch der Konflikt schwelt weiter.

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1. Ultras leiden an Größenwahn.
gekreuzigt 21.04.2015
Bedingungen stellen, friedlichen Besuchern auf den Geist gehen .... kommt mal wieder runter.
2. Vielleicht hat man verstanden...
SchwedenSkydiver 21.04.2015
...die Verantwortlichen von Hannover96 scheinen gemerkt zu haben, dass Kommerz nicht 100% funktioniert. Es geht nicht um Kunden, sondern um Fans. Ist auch gut so, denn als "Kunde" hätte ich bei so einigen Leistungen der Truppe in dieser Saison gerne mein Geld zurück gefordert. Ausserdem lassen sich die Emotionen viel besser vermarkten, als die stillsitzenden Kunden auf den Kuchentribünen. ----------------------------------- Deshalb wirkt es eben nicht seltsam, dass..... "....sich ein Bundesliga-Klub bei seinen Fans entschuldigen muss und die Ultras Bedingungen für den Stadion-Besuch stellen können." Vorwärts Ihr Roten!
3.
hansmaus 21.04.2015
Zitat von SchwedenSkydiver...die Verantwortlichen von Hannover96 scheinen gemerkt zu haben, dass Kommerz nicht 100% funktioniert. Es geht nicht um Kunden, sondern um Fans. Ist auch gut so, denn als "Kunde" hätte ich bei so einigen Leistungen der Truppe in dieser Saison gerne mein Geld zurück gefordert. Ausserdem lassen sich die Emotionen viel besser vermarkten, als die stillsitzenden Kunden auf den Kuchentribünen. ----------------------------------- Deshalb wirkt es eben nicht seltsam, dass..... "....sich ein Bundesliga-Klub bei seinen Fans entschuldigen muss und die Ultras Bedingungen für den Stadion-Besuch stellen können." Vorwärts Ihr Roten!
Wundert mich jetzt bei H96. "Fans" sind staffage , man braucht "Fans" die man den "Kunden" vorführen kann auch soweit klar. Ein Stadionbesuch ohne "Fans" ist halt nur halb so schön siehe England aber ich dachte das man gerade dies so wollte. Echte Fans sind lästig, die wollen nix bezahlen, mitreden und nörgeln an der Vereinsführung rum. Kunden hingegen sind toll! Sie zahlen gut (vorallem in den Logen) und nörgeln wenig. Selbst wenn es nicht läuft gehen sie schlicht nicht mehr hin und fangen nicht mit Forderungen nach Rücktritten oder gar Randale an. Wie oben schon erwähnt es ist wirklich blöd das Kunden nicht singen und für gute Stimmung sorgen denn dann bräuchte man die "Fans" nicht mehr.
4. Das war überfällig !
Steve111 21.04.2015
Für mich ist deise Entschuldigung der entscheidende Schritt zum Klassenerhalt, wichtiger noch als die Verpflichtung eines neuen Trainers. Wer die Stimmung früher kannte (als die Ultras noch da waren) , und mal in jüngster Zeit zum Heimspiel gegangen ist, der konnte sich nur gruseln ! Ich wollte deswegen schon meine Karten gegen Bremen verkaufen, aber jetzt, wo die Ultras zurückkommen, gehen wir natürlich hin ! :-)
5.
cs01 21.04.2015
Zitat von gekreuzigtBedingungen stellen, friedlichen Besuchern auf den Geist gehen .... kommt mal wieder runter.
Der Verein wollte sie ja zurück, die werden schon gewußt haben, warum. Die waren glücklich bei der zweiten.
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