Hannover 96 Grandios statt grau

Hannover 96 zeigt in der noch jungen Bundesliga-Saison bislang den wohl spektakulärsten Fußball. Die Offensive gehört zum Besten, was die Liga zu bieten hat. Beängstigen sollte die Konkurrenz, mit welcher Konstanz sich das Team von Trainer Mirko Slomka entwickelt.

AFP

Von Jan Reschke


So richtig überraschend kommt es eigentlich nicht: Hannover 96 steht nach drei Spieltagen auf dem zweiten Tabellenplatz. Der spektakuläre 3:2-Erfolg gegen Werder Bremen dank eines Treffers in der Nachspielzeit durch Szabolcs Huszti ist nur der bisherige Höhepunkt einer bislang nahezu makellosen Saison. In acht Spielen gab es sieben Siege, darunter der souveräne Einzug in die Europa League sowie in die zweite Runde des DFB-Pokals.

Eine gute Rolle war dem Team von vielen Experten vor der Saison zugetraut worden. Trotzdem blieb der Club, was er ist: Hannover 96. Glamour? Fehlanzeige. Doch diese Einschätzung dürfte sich schon bald überholt haben, zu mitreißend und vor allem torreich sind die Auftritte der Mannschaft von Trainer Mirko Slomka. So erzielte das Team in den acht Spielen bislang 30 Treffer.

"Deshalb kommen die Fans ins Stadion, um so etwas zu sehen", sagte 96-Kapitän Steve Cherundolo nach dem Nordderby-Triumph über Bremen. Auch Slomka war begeistert: "Wir haben eine irre Partie gesehen, ein typisches Derby zwischen Hannover und Bremen."

Und dass Hannover nun auf einmal für Spektakel und Hurra-Fußball steht, ist wohl zuallererst Slomka selbst zu verdanken. Die Mannschaft ist gemeinsam mit Sportdirektor Jörg Schmadtke sein Werk. Er hat sie entwickelt, nicht zusammengekauft - gegen Bremen stand bis auf Huszti kein einziger Zugang in der Startelf.

Das Problem für die Konkurrenz: Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. So war von Saison zu Saison unter Slomka ein Fortschritt zu beobachten. Aus der Mannschaft mit perfektem Umschaltfußball ist ein agierendes, bestimmendes Team geworden.

Die Offensive um Didier Ya Konan, Mohammed Abdellaoue, Jan Schlaudraff und in dieser Spielzeit auch Artur Sobiech gehört zu einer der stärksten der Liga. Dabei ist Mame Diouf noch gar nicht wieder dabei, der gemeinhin als begabtester Angreifer Hannovers gilt. In seinen zehn Auftritten vor seiner Verletzung hatte er sechsmal getroffen und drei Assists gegeben.

"Ich denke, dass 'Szabi' die Regel gar nicht kennt"

Wenn Hannover antritt, fallen Tore, so viel ist garantiert. Allerdings auch ins eigene Netz, denn so stark sich der Angriff präsentiert, so wackelig zeigt sich derzeit noch die Defensive.

Slomka hat viel probiert, momentan spielen Mario Eggimann und Karim Haggui in der Abwehrmitte. Es waren aber auch schon Eggimann und Felipe oder Haggui und Felipe. Eine dauerhafte Lösung wurde bislang nicht gefunden, die Offensive hat das meist kaschiert und in der Regel mehr Tore erzielt, als die Defensive kassiert. Doch wenn sich Hannover so weiter entwickelt, wie es das zuletzt getan hat, dürfte auch diese Schwachstelle nicht lange Bestand haben.

Eine Wissenslücke wurde hingegen schnell, wenn auch schmerzhaft, behoben. Doppel-Torschütze Huszti feierte seinen späten Siegtreffer durch Entkleiden des Trikots und Zaunbesteigen, wofür er regelkonform zwei Gelbe Karten sah und vom Platz gestellt wurde. "Ich kannte die Regel nicht und wusste nicht, dass man dafür zweimal Gelb bekommen kann", sagte Huszti.

Aber auch das passte zum neuen Spektakel von Hannover 96.

Hannover 96 - Werder Bremen 3:2 (2:1)
1:0 Huszti (6.)
2:0 Andreasen (10.)
2:1 Hunt (26., Handelfmeter)
2:2 De Bruyne (74.)
3:2 Huszti (90.+3)
Hannover: Zieler - Cherundolo, Eggimann, Haggui, Rausch - Andreasen (75. Schmiedebach), da Silva Pinto - Stindl, Huszti - Schlaudraff (67. Ya Konan), Sobiech (79. Abdellaoue)
Bremen: Mielitz - Gebre Selassie, Lukimya, Sokratis, Fritz - Bargfrede (60. Junuzovic) - Arnautovic, Hunt, De Bruyne, Elia - Petersen (70. Akpala)
Schiedsrichter: Aytekin
Zuschauer: 49.000 (ausverkauft)
Gelb-Rote Karten: Huszti (90.+4)
Gelbe Karten: Haggui, Schlaudraff, da Silva Pinto - Bargfrede, Sokratis, Junuzovic (2)

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
WhereIsMyMoney 16.09.2012
1.
Nach dem völlig unverdienten vierten Platz vor zwei Jahren, dachte ich dass es Hannover so ergehen würde wie Hertha zuvor. Dass sie völlig auseinanderbrechen. Ich war mir sehr sicher, dass sie in der darauffolgenden Saison absteigen oder zumindest gegen den Abstieg spielen würden. Ich habe Mirko Slomka unterschätzt. Anscheinend wissen sie was sie dort in Hannover tun. Nicht nur Slomka, sondern auch Schmadtke und Kind. Denn der siebte Platz in der letzten Saison war mehr als verdient. Die Mannschaft hatte sich in einem Jahr sehr spürbar verbessert. Und diese Saison ist zwar noch jung, doch es sieht nicht schlecht aus. Der Autor sollte nicht gleich übertreiben von wegen "mit die beste Offensive was die Liga zu bieten hat" und "unglaubliche Konstanz". Bremen hatte gestern den Sieg verdient. Aber solche Ausdrücke gehören wohl zum heutigen Fussball"journalismus". Die Wahrheit ist wahrscheinlich, dass sich die 96-Fans darauf einstellen können jedes Jahr um die internationalen Plätze mitzuspielen.
extremchen 16.09.2012
2. Moin erstmal!
Nanu, habe ich da etwa das falsche Spiel gestern gesehen? Fehler im Spielaufbau, Fehlpässe vorne, Ballverluste in der eigenen Hälfte, woraus der Gegner aber nichts machen konnte, und das auf *beiden* Seiten. Spannend war das Spiel, keine Frage. Aber spektakulärer Fußball schaut anders aus, der Sieg war letzten Endes doch mehr als glücklich. Übrigens: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, das ist überall so.
spon-facebook-745312145 16.09.2012
3. Mein Hannover
bitte jetzt nicht zum Meisterschaftskandidaten pushen. Nach den Jahren in zweiter und dritter Liga, dem Zittern um Klassenerhalt jetzt erstmal im oberen Tabellendrittel festigen. Alles andere passt nicht zu meiner gar nicht so grauen Heimatstadt.
Herzbubi 16.09.2012
4. Glamour?
Glamour zeigt der HSV und wo der steht zeigt die Tabelle.
jbexists 16.09.2012
5. optional
Ich denke, dass eher das Mittelfeld mit Quasineuzugang Andreasen und Huszti zu einer spürbaren Verbesserung der Spielkultur beigetragen hat. Und wenn Pander und Schulz wieder einsatzfähig sind, wird sich auch das Fehlen des Madman nicht mehr so deutlich zeigen. Und unter Slomka hat Felipe die Möglichkeit, ein zweiter Dante zu werden. Das kann ich inzwischen richtig geniessen. Bin gespannt wann sie Meister werden. Aber vielleicht geht Slomka ja vorher doch zu Bayern.
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