Durchsuchungen bei Fußballfans in Niedersachsen Die Hand an der Fahne

Die Polizei hat Wohnungen von rund hundert Anhängern aus Braunschweig und Hannover durchsucht. Nicht allen Fans werden schwere Vergehen vorgeworfen. War das verhältnismäßiges Staatshandeln oder eine PR-Aktion?

Hannover-Fans mit Fahnen
imago/Eibner

Hannover-Fans mit Fahnen

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Böller krachten, Rauchbomben flogen, die Pferde der Polizei wurden unruhig. Es waren finstere Szenen, die sich vor dem Zweitligaderby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig Mitte April am Gäste-Eingang des ehemaligen Niedersachsenstadions abspielten: Braunschweiger Fans stürmten den Zugang und versuchten, über einen Wall außerhalb des Stadions in andere Bereiche zu gelangen. Menschen mit schwarzen Jacken und Kapuzen sowie Sturmhauben liefen den Hang entlang, wurden aber von der Polizei gestoppt. Rund 180 Eintracht-Anhänger wurden in Gewahrsam genommen.

Jetzt hat der Stadionsturm ein Nachspiel: Die Polizei durchsuchte am Mittwoch die Wohnungen von mehr als 90 Beteiligten in Braunschweig und Umgebung. Zur gleichen Zeit fanden auch in Hannover Durchsuchungen in der Fanszene statt. Die Polizei durchsuchte die Wohnungen von neun Fans, die sie der Ultra-Gruppe Rising Boys Hannover zurechnet.

Es geht in Braunschweig und Hannover um verschiedene Vorwürfe, die Polizei betont das und sagt, dass die beiden Fälle nichts miteinander zu tun haben. Doch natürlich wirken fast hundert Durchsuchungen zur gleichen Zeit auch wie ein Zeichen der Stärke. Wie eine Machtdemonstration des Staats gegen eine manchmal problematische Szene. Weshalb die Frage nach der Verhältnismäßigkeit im Raum steht.

Anlass der Durchsuchungen in Braunschweig ist ein versuchtes Tötungsdelikt. Laut Staatsanwaltschaft hat ein Braunschweiger Fan beim Stadionsturm vor dem Derby einem Polizisten mit einem Brecheisen, einem sogenannten Kuhfuß, gegen den Helm geschlagen, nur mit Glück blieb der Polizist unverletzt. Mit den Durchsuchungen soll der Täter gefunden werden. Die Polizei nahm Kleidung mit, will Handydaten auswerten. Und dürfte so einen tiefen Einblick in die Braunschweiger Fanszene erhalten. Dass dies das Ziel der Aktion sei, dementiert die Staatsanwaltschaft. Es gehe ausschließlich um den Kuhfuß-Schläger.

Braunschweigs Probleme mit einem Teil des Anhangs

Eintracht Braunschweig ist stolz auf seine Fans, doch ein Teil des Anhangs macht Probleme. Beim Heimspiel gegen Hannover im November wurden homophobe und sexistische Spruchbänder gezeigt, bengalische Fackeln flogen auf den Platz. Vor dem Rückspiel dann der Stadionsturm. Im Relegationsheimspiel gegen den VfL Wolfsburg wurde ein Böller gezündet, ein Ordner musste behandelt werden, die Mannschaft wirkte danach verunsichert. Nach dem Spiel rannten Braunschweiger Fans auf den Platz, wieder flogen bengalische Feuer. Einige Anhänger versuchten, über die Haupttribüne in den Gästeblock zu gelangen. Der Klub kündigte harte Strafen gegen die Täter an.

Die "Blau-Gelbe-Hilfe", eine Braunschweiger Organisation, die Fans bei Problemen mit Verein, Polizei oder Justiz berät, lud nach den Durchsuchungen zu einem Treffen ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Eine Stellungnahme der Organisation gibt es noch nicht. Eine Anfrage des SPIEGEL blieb bislang unbeantwortet.

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Niedersachsenderby: Festnahmen und Wasserwerfer

Die Hannoveraner Fan-Hilfe war in Sachen Öffentlichkeitsarbeit schneller, brachte eine Mitteilung auf den Markt und unterstellte den Ermittlern bei den Durchsuchungen bei angeblichen Mitgliedern der Gruppe Rising Boys politische Motive. Es gehe "um Stigmatisierung, Zufallsfunde und das Erlangen von Strukturerkenntnissen. Auch der nahende Wahlkampf, so wie der von Innenminister [Boris, Anm. d. Red.] Pistorius angekündigte Fußballgipfel sollten bei der Beurteilung dieser Maßnahmen nicht aus den Augen verloren werden", hieß es in dem Statement.

Anlass der Durchsuchungen waren keine Vorfälle im Stadion, sondern die Graffiti-Malereien durch Personen der Gruppe. Im alternativ geprägten Hannoveraner Stadtteil Linden ist das Kürzel der Rising Boys an vielen Hauswänden zu sehen, seit September kursiert im Internet ein 20 Minuten langes Video, in dem Mitglieder, vermummt mit bunten Hauben, Züge und Wände mit dem Kürzel besprühen.

Entscheidend für die Durchsuchungen war dann ein Foto vom Spiel von Hannover 96 in Nürnberg, laut Polizei von Hannoveraner Medien zur Verfügung gestellt. Auf ihm ist zu sehen, wie Fans eine Fahne der Rising Boys zeigen. Nach Polizeiangaben wurden die Wohnungen der Fans durchsucht, die ihre Hand an der Fahne hatten.

Mit anderen Worten: Wer eine Fahne der Ultra-Gruppe berührte, galt als potenzieller Sachbeschädiger und wurde zum Ziel der Razzien. Türen wurden zum Teil mit Gewalt geöffnet, die Ermittler beschlagnahmten Kleidung in großer Menge, Pyrotechnik, Datenträger, eine kleine Menge Drogen.

Betroffene Fans in Hannover "polizeilich nicht unbekannt"

Detlef Lenger, Sprecher der Bundespolizei, gibt an, dass die Graffitis lediglich "der Aufhänger" der Durchsuchungen seien und die Polizei hoffe, durch die beschlagnahmten Gegenstände weitere Vergehen der Hannoveraner Ultraszene aufklären zu können. Konkrete Fälle nannte er nicht. "Es kann sein, dass wir einigen Personen Dinge nachweisen können, die weit in die Vergangenheit zurückreichen", sagt Lenger und weist darauf hin, dass die betroffenen Fans "alle polizeilich nicht unbekannt" seien.

Ungenauigkeiten bei der Durchsuchung kann er nicht ausschließen. In einer Wohnung hat die Polizei 20 Paar Turnschuhe sichergestellt, die angeblich aber gar keinem der beschuldigten Fans gehören, sondern dessen Mitbewohner. Gewundert hat sich die Polizei darüber, dass die Fans keinen Widerstand geleistet hätten, anders als erwartet. "Wir waren angenehm überrascht, wie friedlich das war", sagt Lenger.

Der Hannoveraner Fan-Anwalt Andreas Hüttl ist empört über das Vorgehen der Polizei. Er hält die Durchsuchungsbeschlüsse für rechtswidrig und sagt, dass nur zwei der betroffenen Fans den Rising Boys angehörten. Einer der Anhänger habe sogar angegeben, seine Hand beim Spiel in Nürnberg nicht an der Fahne der Gruppe gehabt zu haben. Auch ärgert Hüttl, dass bei der Durchsuchung die Presse dabei war. Er bezeichnet das Vorgehen als "eine reine PR-Veranstaltung der Polizei".

Nicht nur ihn werden die Durchsuchungen in Niedersachsens Fanszene noch eine Weile beschäftigen.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
maxehaxe 16.06.2017
1.
Wenn die Polizei nun auch noch die Ermittlungen gegen die Straftäter in den eigenen Reihen, die sich beim Auswärtsspiel in Wolfsburg vorsätzlicher Körperverletzung und Amtsmissbrauches schuldig gemacht haben, konsequent durchzieht, hat sich unser Rechtsstaat bewährt. So bleibt irgendwie ein bitterer Beigeschmack. Und nun Bühne frei, für undifferenzierte Parolen von zu Hause vom Sofa, nach gründlichen Verfolgen der Pressemitteilungen und intensivem Studium einiger Handyvideos, gegen "die Chaoten", also alle Fußballfans.
frenchie3 16.06.2017
2. Dann mal Vorschläge
wie man die "Fan"-Szene in den Griff bekommen soll? Ich gehe mal davon aus daß die Besuchten nicht ausgewürfelt wurden. Und daß natürlich alle unschuldig sind
derhey 16.06.2017
3. Zuz Beitrag 1
also diese "Fans" randalieren lassen? Fragen diese Chaoten nach Verhältbnismäßigkeit gegenüber Kindern u. Jugendliche, die ein Fußballspiel anschauen wollen? Diese Chaoten sind Kriminelle ohne Ausnahme und der Rechtsstaat soll massiv dagegen vorgehen, wenn es die Vereine/Verbände nicht schaffen. Mein Vorschlag: Beim ersten Bengalo/Pyro, Gewalt/Randale auch außerhalb des Stadions z.B. Zuganfahrt etc Spielabbruch oder Spiel wird nicht angepfiffen, rigeros. Wertung durch eine Kommission, im Zweifel keine Punkte für beide Mannschaften. Zwei/drei/vier mal praktiziert und der Spuk hat ein Ende.
locust 16.06.2017
4. ...?...
Bühne frei, wie Kommentar eins es bereits prognostizierte: undifferenzierte Äußerungen in Folge. Zu #2, in der Tat, es scheint so, als ob die ausgewählten Hausbesuche willkürlich stattfanden, wie im Text bereits deutlich werden könnte. Es traf ganz sicher kaum die "harten Szenen" von H96 und dem BTSV, sondern die gesamte Aktion diente einzig und alleine der medienwirksamen Unterhaltung von Menschen wie Ihnen. Nicht vergessen dies durch das Kreuz an der richtigen Stelle zur Bundestagswahl zu honorieren. Zu #3, na, Sie verfügen ja über eine interessante Auffassung zum Thema Rechtsstaatlichkeit. Weil sich "Fußball-Chaoten" unverhältnismäßig verhalten, haben sie das Recht verloren verhältnismäßig behandelt zu werden. Heißt, statt Gesellschaftsbefriedung durch die Idee der Gewaltenteilung tritt der Staat als Exekutive Ihrer Rachefantasien an? Weil einige sich nicht der Verhältnismäßigkeit anpassen gibt es eben den polizeilich verordneten Rundumschlag gegen alle, ja, zufällig ausgewürfelten und als relevant erachteten aktiven Fanszenen? Wie sieht es mit der Verhältnismäßigkeit einer sich zunehmend militärisch formierenden Polizei aus, die anderen die Zähne ausschlägt (als Beispiel zu einem Fall der Eutiner Einheit gegen einen St.Pauli Fan vor einigen Jahren)? Was ist mit der Verhältnismäßigkeit von DFB, DFL, UEFA, FIFA und anderen mafiartigen Konstrukten? Interessiert nicht, oder? Sie können so viele Spiele absagen wie Sie wollen, verändern wird sich dadurch gar nichts. Das Problem ist nämlich nicht der Fußball, der Ground ist einer der Orte an denen sich Symptome zeigen. Verlassen Sie geistig das Stadion und beschreiben Sie doch mal außerhalb das gesellschaftliche Gefüge und die Dynamiken einer zum Sündenbock abgestempelten "Verwertungsjugend".
vaikl 16.06.2017
5. Verharmlosung
"Wie eine Machtdemonstration des Staats gegen eine manchmal problematische Szene" -> dieses "manchmal problematisch" haben Sie sich von Ihrem Chef vorab genehmigen lassen? Oder ist das nur ein kurzzeitiger Realitätsverlust, gepaart mit unterschwelliger Verharmlosung? Sind Sie evt. selbst "Fan" in einer dieser asozialen Gruppen, Herr Buchheister?
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