Hannover vs. Braunschweig Derby mit Sprengstoff

Am Abend treffen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig aufeinander - zum ersten Niedersachsen-Derby in der Bundesliga seit 1976. Beide Clubs haben die verfeindeten Fanlager im Vorfeld zum Gewaltverzicht aufgerufen. Doch es gibt ernste Hinweise, dass die Bemühungen umsonst waren.

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Von Tobias Kuske


Dass das Spiel Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig am Freitagabend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) etwas Besonderes ist, bekamen die 96-Profis gestern beim Abschlusstraining zu spüren: Fast 600 Fans waren gekommen für einen letzten Motivations-Kick.

Der Akt der moralischen Unterstützung war ganz nach dem Geschmack der Vereinsführung. Seit Wochen appellieren sie, es bei friedlichen Aktionen wie dieser zu belassen und keine Gewalt im Umfeld des Derbys aufkommen zu lassen. Auch die Führung von Eintracht Braunschweig hat Radio-Spots sowie eine ganzseitige Zeitungsanzeige mit entsprechendem Aufruf geschaltet. 50 Ordner sowie vier Fanbetreuer werden die Braunschweiger Fans bei ihrer Anreise begleiten.

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Hannover vs. Braunschweig: Früher war alles besser

Die Liste der Sicherheitsvorkehrungen der Polizei Hannover ist noch länger: So wurde zum Beispiel die Innenstadt von Hannover in zwei Fanzonen aufgeteilt (siehe Grafik). Das soll möglichst ein Aufeinanderprallen der Fanlager verhindern. Und die Sonderzüge aus Braunschweig werden gleich zum Bahnhof Linden/Fischerhof südwestlich der HDI Arena umgeleitet. Sollten dennoch einzelne Gruppen aus Braunschweig am Hauptbahnhof aussteigen, werden diese über die Kurt-Schumacher-Straße im großen Bogen zum Stadion geleitet. Ein nicht ganz unproblematischer Plan: Schon jetzt regt sich Groll in der 96er-Fanszene, dass die Braunschweiger "ihren Kiez", das Steintorviertel, durchqueren sollen.

Fanzonen vor der HDI-Arena
Polizei Hannover

Fanzonen vor der HDI-Arena

Unbeteiligte könnten sich nun fragen: Ist das alles nicht ein bisschen viel Aufheben um ein Fußballspiel?

Die Antwort ist leider: nein. Zumindest, wenn man von den Sticheleien der verfeindeten Fanlager auf die allgemeine Stimmung schließt: So irrte in der Nacht zu Donnerstag ein Schwein mit 96-Schal und -Logo auf dem Bauch durch die Oststadt von Hannover und wäre beinahe von einem Auto überfahren worden. Im Gegenzug fand die Polizei an Braunschweiger Ortsschildern gelbe Holzkreuze mit der Aufschrift "BTSV". Der Braunschweiger Turn- und Sportverein wurde also symbolisch für tot erklärt.

Welche Gruppen wie anreisen, weiß noch niemand

Die Einsatzleitung der Polizei Hannover begründet die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen aber auch mit ihren Erkenntnissen. So sollen Fangruppen beider Clubs Anhänger befreundeter Vereine mobilisiert haben. Außerdem wird erwartet, dass sich unter die zumeist friedlichen Reisegruppen etwa aus Bielefeld und Hamburg, die ihre Fan-Freunde in Hannover unterstützen wollen, auch gewaltbereite Anhänger und Hooligan-Gruppierungen mischen.

Einige der Hinweise, die bei der Polizei nach eigenen Angaben massenhaft von besorgten Fans eingegangen sind und teilweise in einschlägigen Internetforen zu lesen waren, lassen darauf schließen, dass sowohl das 96er-Fanlager als auch die Braunschweiger Zulauf von jeweils miteinander verfeindeten Gruppen bekommen - auch aus dem europäischen Ausland. So werden Anhänger von Rapid Wien erwartet, weil angeblich eine von ihnen verhasste Hooligan-Gruppe aus Basel zur Unterstützung der Braunschweiger anreisen will. Nur: Welche Gruppen und wie viele wirklich anreisen, weiß aktuell noch niemand, auch die Polizei nicht, die daher auch keine Angaben macht, auf wie viele gewaltbereite Personen sie sich einstellt.

Das passt zu ihrer Strategie, sich möglichst bedeckt mit konkreten Aussagen zu halten. Für Fanforscher Jonas Gabler aus Hannover der richtige Ansatz: "Je weniger zu den möglichen Krawallen kommuniziert wird, umso besser." Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Berichterstattung eine "selbstverstärkende Wirkung" entfalte: Je mehr darüber berichtet wird, desto größer die Gefahr, dass ein bestimmtes, gewaltbereites Klientel angelockt wird. Das Derby am Freitag könnte für diese Fehlgeleiteten den gesuchten Anlass darstellen.

Aber nicht nur Halbstarke wurden als Problem ausgemacht. Dietmar Schilff von der Gewerkschaft der Polizei berichtet von Hinweisen, wonach alte Hooligans beider Clubs, die sich früher mit 16, 17 Jahren geprügelt hätten und heute Anfang fünfzig seien, motiviert fühlen, noch mal aktiv zu werden. "Dabei hatte sich die Fan-Feindschaft zwischen Braunschweig und Hannover eigentlich in den letzten Jahrzehnten beruhigt", sagt Schilff.



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