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Sicherheitsgipfel zur Fangewalt: Wichtig ist auf'm Stehplatz

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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich lädt DFB und Ligaclubs zum Sicherheitsgipfel ein - und die Fußballfans befürchten das Schlimmste, etwa ein Stehplatzverbot. Denn die Politik drängt auf schnelle Beschlüsse. Es drohen noch mehr Stadionverbote und Geisterspiele.

Relegationsspiel in Düsseldorf: Platzsturm vor Abpfiff Zur Großansicht
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Relegationsspiel in Düsseldorf: Platzsturm vor Abpfiff

Es ist nur ein kleines Wort, doch vor dem sogenannten Sicherheitsgipfel zur Fangewalt im Fußball am Dienstag sorgt es für große Aufregung: derzeit. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hatte am Wochenende eigentlich deeskalierend wirken wollen, als er im Hinblick auf mögliche Beschlüsse des Gipfeltreffens von Politik, Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Deutscher Fußball-Liga (DFL) gesagt hatte: "Die Stehplätze stehen derzeit nicht zur Disposition. Dass dies so bleibt, haben die Fans selbst in der Hand." Erreicht hat der Politiker mit dieser Äußerung allerdings das Gegenteil von dem, was er wollte. Die Stimmung vor dem Gipfel ist angespannt.

Denn die Fanprojekte befürchten, dass Friedrich und der DFB nur auf eine Gelegenheit warten, um dann doch ein Stehplatzverbot durchzusetzen. Eine Bengalo-Fackel zu viel im Fanblock - und schon wäre die Forderung wieder aktuell. Wenngleich er seine Aussagen nun relativierte, hatte der CSU-Minister die Überlegung zu derartigen Maßnahmen zuvor selbst ins Gespräch gebracht.

Die Fans und ihre Interessenvertreter, die am Dienstag nicht ins Innenministerium eingeladen sind, konnte Friedrich damit jedenfalls nicht beruhigen. "Ich sehe das als Drohkulisse und Erpressung", sagt etwa René Lau von der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte. Und für Robert Pohl, Vertreter der Fanorganisation "Unsere Kurve", bewahrheitete sich die Befürchtung, "dass populistische Aussagen gemacht werden: Die Fans müssen sich benehmen, sonst schaffen wir die Stehplätze ab".

Fanorganisationen machen sich keine Illusionen

Nach den Vorkommnissen vor allem im Nachgang der abgelaufenen Spielzeit - die Einnebelung des Kölner Stadions durch FC-Fans am letzten Spieltag, der Platzsturm von Düsseldorf in der Relegationspartie gegen Hertha BSC - machen sich die Fan-Vertreter keine großen Illusionen darüber, was am Dienstag beredet und beschlossen werden könnte. Sie erwarten unter anderem drohende Maßnahmen, die "die pauschale Kriminalisierung der Fans und die Verstärkung von Kollektivstrafen fördern", heißt es in einer Pressemitteilung mehrerer Fan-Organisationen.

Die Fan-Vertreter wissen, dass sie nicht unbedingt in der Gunst der Öffentlichkeit stehen. Die Fernsehbilder vom Chaos in Düsseldorf sind noch frisch, sie wurden von vielen Seiten in die Nähe bürgerkriegsähnlicher Zustände gerückt: Der Anwalt von Hertha BSC sprach nach den Ereignissen sogar von "Todesangst", die die Berliner Spieler angesichts der den Platz flutenden Masse ergriffen habe. All das wird nicht ohne Einfluss auf den Gipfel am Dienstag bleiben. "Die öffentliche Gleichsetzung von Pyrotechnik und Platzstürmungen mit Gewalttaten setzt den DFB zunehmend unter Druck und Handlungszwang", müssen denn auch Gruppen wie "Unsere Kurve" oder "Pro Fans" zugeben.

Der Titel der Veranstaltung im Innenministerium lautet "Für Fußball - gegen Gewalt". Friedrich hat den Tenor selbst am Wochenende noch einmal vorgegeben: "Wir alle können unsere Augen nicht vor der zunehmenden Gewalt in und um die Stadien herum verschließen. Die Gewalt ist es, die Fußballkultur in Deutschland aktuell in Gefahr bringt", sagte er. "Deswegen müssen wir jetzt handeln." Der Minister wird am Dienstag schnelle Beschlüsse einfordern, allein um nach solch klaren Worten das eigene Gesicht zu wahren.

Und DFB und DFL werden sich dem nicht verschließen können, wenn sie nicht als Blockierer dastehen wollen. Zudem hat der Minister gegenüber den Clubs immer noch das Drohmittel, die Kosten von Polizeieinsätzen rund um die Stadien auf die Vereine selbst abzuwälzen. Um dies zu verhindern und den Erhalt der Stehplätze zu retten, müssen DFB und Vereine der Politik Gegenleistungen anbieten. Von der Ausweitung der Stadionverbote bis auf die Einführung noch drastischerer Strafen für die Vereine, deren Fans sich danebenbenehmen, ist alles denkbar.

Es ist nicht die Stunde des Dialogs zwischen dem Fußball und seinen Fans. Derzeit nicht.

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1. Fakten
Ostwestfale 17.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesBundesinnenminister Hans-Peter Friedrich lädt DFB und Ligaclubs zum Sicherheitsgipfel ein - und die Fußballfans befürchten das Schlimmste, etwa ein Stehplatzverbot. Denn die Politik drängt auf schnelle Beschlüsse. Es drohen noch mehr Stadionverbote und Geisterspiele. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844582,00.html
Ich verstehe einfach nicht, warum sich Polizei und Politik so in dieses vermeintliche Gewaltproblem in Fußballstadien hineinsteigern. Fakt ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf einem Schützenfest verletzt wird um ein vielfaches höher ist als in einem Fußballstadion. Stadionverbote werden häufig jetzt schon auf Verdacht ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob noch mehr Willkür da wirklich helfen würde... Und zu den Fakten gehört auch, dass ein nicht kleiner Teil der Verletzten in der vergangenen Saison durch überzogenen Pffersprayeinsatz der Polizei verletzt wurde (z.B. beim Spiel Bayern-Hannover). Eine Maßnahme, um die Verletzten in den Stadien zu reduzieren wäre aus meiner Sicht die in sämtlichen Rechtsstaaten absolut übliche Kennzeichnungspflicht für Polizisten. Ich glaube aber kaum, dass das auf der "Sicherheitskonferenz" ein Punkt der Tagesordnung sein wird...
2.
Mooohaha 17.07.2012
Hans-Peter Friedrich ist der Inbegriff des unreflektierenden Populismus. Es gibt weiss Gott größere Probleme in Deutschland als diese hochgehypte Fußballgewalt. Auf jedem Dorffest passiert mehr. Aber wo eine Kamera - da ein Aufschrei des Boulevard.
3.
themistokles 17.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesBundesinnenminister Hans-Peter Friedrich lädt DFB und Ligaclubs zum Sicherheitsgipfel ein - und die Fußballfans befürchten das Schlimmste, etwa ein Stehplatzverbot. Denn die Politik drängt auf schnelle Beschlüsse. Es drohen noch mehr Stadionverbote und Geisterspiele. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844582,00.html
Genau. Die Fans müssen sich benehmen. Immerhin haben das die Fanvertreter erkannt. Und noch ein kleiner Hinweis: Wir hätten diese ganze Diskussion nicht, wenn sich die "Fans" unter Kontrolle hätten. Ist übrigens auch ganz normal: Wenn ich mich irgendwo daneben benehme, fliege ich halt raus. Nur im Stadion scheint die Meinung zu herrschen, sich wie eine Horde wilgewordener Säue verhalten zu dürfen und anschließend auch noch beleidigt zu sein, wenn man sie kritisiert. Und ja: Ich rede von den Chaoten und nicht der breiten Masse der Besucher. Das diese mit Mit-Leidtragenden sind, dürfen sie gerne auf die Chaoten schieben.
4. Herr, die Not ist groß!
franks meinung 17.07.2012
10 Jahre Stadionverbot in ganz Deutschland bei *jedem* Verstoß gegen die Hausordnung und in 4 Wochen wäre das Problem in Deutschland gelöst. Aber die Fußballclubs sind dermaßen abhängig von sogenannten "Fanclubs", dass sie sich nicht mal mehr trauen, Herr im eigenen Haus zu sein. Ich sags mal mit Goethe: ---Zitat von "Johann Wolfgang von Goethe--- "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los." ---Zitatende---
5. Fans zahlen lassen
besserbescheidwisser 17.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesBundesinnenminister Hans-Peter Friedrich lädt DFB und Ligaclubs zum Sicherheitsgipfel ein - und die Fußballfans befürchten das Schlimmste, etwa ein Stehplatzverbot. Denn die Politik drängt auf schnelle Beschlüsse. Es drohen noch mehr Stadionverbote und Geisterspiele. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844582,00.html
Die Lösung des Problems wäre ganz einfach: Die Fans sollen einfach für die Polizeieinsätze in voller Höhe bezahlen. Dann werden sie sich ganz schnell überlegen ob sie weiterhin bei jedem Spiel ein Chaos veranstalten und die friedlichen Fans werden sich überlegen ob sie dem Treiben ihrer randalierenden Kameraden weiterhin tatenlos zusehen. Ich als Nicht-Stadionbesucher will nicht weiter für die Polizeieinsätze in und um die Stadien mitbezahlen!
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