Promi-Arzt Müller Wohlfahrt Der Wunderdoktor

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist nach fast 40 Jahren als Teamarzt des FC Bayern zurückgetreten. Wer ist der Mann, der Trainer Pep Guardiola die Stirn bot?

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Endgültig ab dem 4. August 2012 kannte die ganze Welt seinen Namen. Usain Bolt, der Superstar der Leichtathletik, hatte gerade sein Olympisches Gold über 100 Meter gewonnen. Und statt dem Herrgott oder seiner Familie oder seinem Trainer dafür zu danken, widmete Bolt das Gold "dem besten Arzt der Welt". Es war der Adelsschlag für Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Als wenn er das noch nötig gehabt hätte.

Müller-Wohlfahrt war schon vorher hochbekannt, seitdem ist er eine Ärzte-Ikone. Seit den Siebzigerjahren hat er Tausende von Prominenten auf seiner Praxisliege gehabt. Von Luciano Pavarotti bis Boris Becker, von Bono bis Katarina Witt, von Cristiano Ronaldo über Thomas Gottschalk bis Bruce Springsteen. 1977 hat der damalige Manager Robert Schwan den jungen Vereinsarzt von Hertha BSC zum FC Bayern gelotst, damals spielten noch Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller für die Münchner, bis auf eine kurze Pause ist er es bis zum Paukenschlag des 16. April 2015 geblieben. Eine Ära geht zu Ende.

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Rücktritt als Bayern-Doc

Er wurde nach eigener Aussage vom FC Bayern für die Verletztenmisere verantwortlich gemacht. Aber war eine so drastische Reaktion von Müller-Wohlfahrt wirklich nötig?

Der gebürtige Ostfriese ist jetzt 72 Jahre alt, er hat zuletzt laut übers Aufhören nachgedacht, seine Arbeit für die Fußballnationalmannschaft - auch schon seit den Neunzigerjahren - wollte er zurückfahren, es wäre sicherlich nicht mehr ewig gegangen zwischen ihm und dem FC Bayern. Dennoch: Der deutsche Rekordmeister ohne den "Mull" - das ist eigentlich kaum vorstellbar.

Dietmar Hopp hat die Praxis finanziert

Müller-Wohlfahrt war und ist eine Institution in München. Seine Praxis residiert im Alten Hof mitten in der Stadt. In keiner Geschichte über den Arzt fehlt die Angabe, dass diese Praxis 1600 Quadratmeter Ausmaße hat - finanziert von Hoffenheims Geldgeber Dietmar Hopp. Zehn Millionen Euro hat Hopp angeblich in die Praxis investiert.

Dort finden die berühmten Müller-Wohlfahrt'schen Fingerübungen statt. Der Arzt legt mit einem gewissen Stolz Wert auf den Umstand, dass er in der Lage sei, Muskelverletzungen zu ertasten. Sein "Ich sehe mit den Fingern" ist das Mantra seiner Arbeit. Gerne benutzt er Sätze wie "Ich tauche in den Muskel ein" oder "Manche Sportler erkenne ich schon am Abtasten ihrer Muskulatur".

Dass ihn deswegen Kollegen als Guru oder als "Doktor Wunderfinger" bezeichnen und dies durchaus einen hämischen Unterton hat, tut Müller-Wohlfahrt gern als Missgunst von Neidern ab.

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Bayernarzt Müller-Wohlfahrt: Von der Ikone zum Sündenbock
Umstritten ist Müller-Wohlfahrt immer gewesen. Da sind seine Methodiken, sein zuweilen missionarisch anmutender Ansatz, der fast blinde Glaube der Sportler, die zu ihm pilgern wie zu einem Messias - der Pharmakologe und Dopingexperte Fritz Sörgel hat seinem Kollegen in einem "tz"-Interview attestiert, er sehe "sich gern als Wunderheiler".

Debatte um Actovegin neu entbrannt

Eine große Rolle spielt dabei Müller-Wohlfahrts Vorliebe für Behandlungen mit dem Präparat Actovegin, ein Extrakt, das auf Kälberblut zurückgeht und von Müller-Wohlfahrt mit Honig angereichert wird. Actovegin ist in der Anwendung in der Medizin umstritten. In den Siebzigern wurde es häufig gespritzt, auch der Freiburger Sportmediziner Armin Klümper nutzte es gerne.

Müller-Wohlfahrt hat Klümper in einem SPIEGEL-Interview von 1991 als seinen Mentor bezeichnet - gleichzeitig aber auch betont: "Ich bin keine Kopie des Professors Klümper, ich habe meine eigene Entwicklung und Erfahrung gemacht. Ich behaupte, dass ich meine eigene Medizin mache." Die Vorliebe für Actovegin hatten sie in jedem Fall gemeinsam, die Debatte bekam zuletzt wieder Auftrieb, als bekannt wurde, dass Klümper auch die Fußballvereine VfB Stuttgart und SC Freiburg mit Actovegin beliefert hatte.

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Fotostrecke: Doktor Finger
Als Dopingmittel gilt Actovegin nicht, auch wenn es in Österreich mal zeitweilig auf der Dopingliste stand, dennoch warnen Mediziner vor einem zu übermäßigen Gebrauch. Als Nebenwirkungen könnten sich Zysten im Muskel bilden. Müller-Wohlfahrt selbst weist immer wieder darauf hin, dass er seine Actovegin-Therapie stets in enger Absprache mit der Nada, der nationalen Anti-Doping-Agentur, anwende. Auch die Wirksamkeit des Mittels ist ungeklärt. Sörgel hält Actovegin weitgehend für ein Placebo.

Müller-Wohlfahrts magischen Ruf hat das wenig Abbruch getan. Die Zeitschrift "Capital" hat ihn den "Weltmarktführer bei der Therapie von Muskelverletzungen" genannt, fünf der acht Endlaufteilnehmer beim 100-Meter-Sprint der Leichtathletik-WM 2009 waren Müller-Wohlfahrt-Patienten.

Beim FC Bayern hatte ihn allerdings zuletzt das Glück etwas verlassen. Schlüsselspieler wie Bastian Schweinsteiger, Thiago, Franck Ribéry kamen über Monate nicht auf die Beine, Bayern-Trainer Josep Guardiola fehlt, was all die Patienten Müller-Wohlfahrts über Jahre mitbrachten: Vertrauen.

Und ohne Vertrauen fehlt die Basis, die ein Arzt wie Müller-Wohlfahrt, der auch von seiner Aura lebt, benötigt. Wie Sörgel sagt: "Schon das Lesen des Türschildes Müller-Wohlfahrt dürfte 50 Prozent des Placebo-Effektes ausmachen."

insgesamt 44 Beiträge
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75er 17.04.2015
1. Es reicht.
Zitat: "Wer ist der Mann, der Trainer Pep Guardiola die Stirn bot?" Noch weiß außer den Beteiligten keiner, was wirklich dazu geführt hat, dass MW "seinen" Verein in der wichtigsten Phase der Saison im Stich gelassen hat. Schon gar nicht, ob Guardiola hierfür irgendwie ursächlich ist. Wer hier wen die Stirn geboten hat, ist also noch gar nicht raus.
Alias_aka_InCognito 17.04.2015
2. So ist es eben.
Ein guter Mediziner muss eine Aura des Vertrauens haben. Eines heilenden Medizinmannes. Das hat Elemente eines Placebos. Aber es verfehlt nicht seine Wirkung. Ein guter Arzt kann eine Superleistung bringen, aber wenn der Patient ihm nicht vertraut, wird er immer noch Beschwerden und Schmerzen haben. Ein mittelmäßiger Arzt kann schlechte Leistung bringen, hat aber die Aura eines Wunderheilers. Leute die an ihn glauben, können schon alleine deswegen eine reale klinisch-nachweisbare Heilung erlangen. Ärzte die keine Aura haben, können es natürlich dem Doc MW neiden, dass er eine hat.
Karbonator 17.04.2015
3.
Zitat von 75erZitat: "Wer ist der Mann, der Trainer Pep Guardiola die Stirn bot?" Noch weiß außer den Beteiligten keiner, was wirklich dazu geführt hat, dass MW "seinen" Verein in der wichtigsten Phase der Saison im Stich gelassen hat. Schon gar nicht, ob Guardiola hierfür irgendwie ursächlich ist. Wer hier wen die Stirn geboten hat, ist also noch gar nicht raus.
Eben. Zumal die BILD z.B. berichtet, daß es zu einem Streit zwischen dem Doc und Rummenigge kam und nicht zwischen Pep und dem Doc. Also einfach mal abwarten, was wer wann noch zu dem Thema sagt...
papageienmusik 17.04.2015
4. Keiner weiß was - alle haben eine Meinung
...so wie zu allem. Ich hab hier keine, komisch ist nur, dass der Wunderdoc auch schon seinen Sohn in der Erfolgsmaschine Bayern München untergebracht hat. Vielleicht, aber nur vielleicht, müsste man von Filz sprechen?
Binideppert? 17.04.2015
5. Der Mull...
...war an der Niederlage gegen Porto schuld - wenn er vor dem Spiel Alonso, Dante und Boateng Schlaftabletten verabreicht hat. Dafür fehlt mir aber der Glaube! Ich glaube eher, dass sich die Ära Guardiola dem Ende zuneigt. Hieße ich Tuchel, würde ich noch ein wenig mit der Vertragsunterzeichnung beim BVB warten...
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