Englands Angreifer Harry Kane Wie ich mich in einen Elfmeter verliebte

Das bislang schönste Tor der WM? War ein humorloser Elfmeter von Harry Kane. Sein Spiel ist spektakulär unspektakulär. Für England wäre es trotzdem besser, wenn gegen Kolumbien Raheem Sterling träfe.

Harry Kane trifft zum 2:0 gegen Panama (24.06.18)
REUTERS

Harry Kane trifft zum 2:0 gegen Panama (24.06.18)

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Elfmeter sind eine Spezialdisziplin im Fußball: Man kann den Ball elegant in die Mitte schlenzen, das Überraschungsmoment ausnutzen. Man kann versuchen, den Torwart auszugucken. Ein Zucken nach links, ein Schieben nach rechts - wenn das funktioniert, sieht es sehr einfach aus, ist aber große Kunst.

Oder man macht es wie Harry Kane.

Ich muss gestehen, ich hatte den Hype um den englischen Stürmer nie so richtig verstanden. Sicher, die Zahlen der vergangenen Jahre sind beeindruckend: 21 Tore in seiner ersten Premier-League-Saison als Stammspieler, dann 25, dann 29, zuletzt sogar 30. Aber was den Tottenham-Angreifer so besonders macht, das hatte ich nie gesehen. Bis Kane im WM-Spiel gegen Panama vom Elfmeterpunkt das 2:0 für England erzielte.

Kanes erster Elfmeter gegen Panama
Getty Images

Kanes erster Elfmeter gegen Panama

Knapp zwei Minuten lagen zwischen Pfiff und Ausführung. Zweimal legte Kane sich den Ball zurecht, zweimal wurde er gestört und nahm den Ball wieder auf. Zwei Minuten sind eine irrsinnig lange Zeit: Was mache ich? Was glaubt der Torwart, was ich mache? Angewandte Spieltheorie, die nirgends hinführt. Kane ging schließlich sieben Schritte zurück, hielt noch einmal kurz inne, zwei tiefe Atemzüge. Und dann knallte er den Ball links oben in den Winkel.

Ein Elfmeter, wie man ihn nicht besser schießen kann! Kane hätte Panamas Torwart Jaime Penedo auch vorher verraten können, was er plant. Penedo hätte trotzdem keine Chance gehabt. Und als wollte Kane der ganzen Welt beweisen, dass das wirklich kein Zufall war, schoss er den gleichen Elfmeter gut 20 Minuten darauf noch einmal. Keine Psychotricks, keine Finten. Nur Ausführung.

"He scores when he wants", sagen sie in England über Kane. Er treffe, wann er will. Im Auftaktspiel gegen Tunesien hingen bei jeder Standardsituation Gegenspieler auf seinem Rücken, ähnlich schwer wie die Erwartungen der großen Fußballnation England, die seit gut einem halben Jahrhundert auf den zweiten großen Titel wartet. Trotzdem stand Kane zweimal richtig und drückte den Ball ins Netz. Beim sechsten Tor gegen Panama wurde er gar angeschossen, von seiner Hacke sprang der Ball anschließend im hohen Bogen ins Tor. Kane muss gar nicht wollen, um zu treffen.

Die Kane-Nostalgie hat leider auch eine Kehrseite

So spektakulär die ersten fünf, sechs Schritte von Frankreichs Kylian Mbappé auch sein mögen, so atemberaubend rasant der belgische Konter in der Nachspielzeit gegen Japan, so hypnotisch die Rotation des Balls bei Benjamin Pavards Ausgleichstreffer gegen Argentinien - mein persönlicher WM-Held 2018 heißt bis jetzt: Harry Kane. Nichts an diesem Spieler ist Ornament, genau das ist seine Magie. Ganz alte Schule. Schlicht ist beautiful.

Ein wenig fühlt sich der Betrachter dabei erinnert an eine Zeit, in der der Fußball vermeintlich einfacher war. In der ein einziger langer Pass den groß gewachsenen Mittelstürmer erreichte, der dann im nächsten Schritt schnörkellos den Rest erledigte. Leider instrumentalisieren inzwischen auch Teile der englischen Boulevardpresse diesen Nostalgiereflex: Kane sei endlich wieder "ein Fußballheld, auf den England stolz sein kann", schrieb die "Daily Mail", der die Hymne aus vollem Hals mitsinge, dessen Körper nicht von Tattoos verunstaltet sei.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, auch England hat seine Mesut-Özil-Debatte. Auch in mancher Kane-Lobhymne dieser Tage geht es überhaupt nicht um Kane, sondern um Raheem Sterling, es geht um unselige Ressentiments, mal wieder. Wenn England am Abend im WM-Achtelfinale auf Kolumbien trifft (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), werde ich deshalb auf eine dieser spektakulär unscheinbaren Kane-Aktionen hoffen. Insgeheim werde ich mir aber noch viel stärker wünschen, dass Sterling den Siegtreffer erzielt. Für England wäre das besser.

insgesamt 5 Beiträge
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payblack 03.07.2018
1. Man sieht was man sehen will.
Anders kann man sich so eine Hymne an einen gut verwandelten Elfmeter nicht erklären. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Autor nicht demnächst in einen Abwurf des Torhüters verliebt und ihn in einem Artikel abfeiert. Ja, Kane ist toll, auf exzellentem Niveau konstant - aber was soll so ein Hype wenn jemand gegen Panama einen Elfmeter verwandelt? Nichts ist doch so Mainstream wie Englands junge Truppe zu hypen, Kane mit fünf Toren bei drei Elfmetern gegen Tunesien und Panama vorneweg. Der gleiche Elfmeter eines deutschen Nationalspielers in einem Vorrundenspiel gegen eine chancenlose Mannschaft aus Costa Rica hätte niemals (niemals!) einen solchen Artikel bei SPON hervorgerufen.
martinhaidegger 03.07.2018
2. Pavatd‘ war besser
Das bisher beste Tor der WM war der Schuss von Pavard. Ich bin auch versucht zu behaupten, dass ein Tor aus einem ruhenden Ball nie das Beste sein kann.
Nonvaio01 03.07.2018
3. England wird gegen Kolumbien verlieren
und dann ist auch wieder gut. Ich verstehe nicht warum alle denken Kolumbien ist ein "walk over". Technisch sind die besser als England, und nun haben die auch noch diziplin und verteidigen gut. Ein grosser verlust ist ihr spielmacher, trotzdem haben die noch genug qualitaet. Panama und Tunesien sind nun keine gradmesser. Columbien hat sich gegen Polen, Senegal und Japan durchgesetzt. Vor allem Polen und Senegal sind da andere kaliber als Tunesien und Panama. Die abwehr von England ist schlecht, vor allem unter druck machen die fehler. Jones ist nun nicht gerade fuer fehlerlose abwehrleistung bekannt. Kolumbien ist mein Tip als WM. Kann aber auch sein das ich nach dem spiel meine meinung aender...;-)
ihrkasperl 03.07.2018
4. Ach nee
Es ging ja wohl nicht um die verwandlung des Elfmeters sondern um die Perfektion und Professionalität mit der er ausgeführt wurde. Hätte die deutsche Elf auch nur annähernd so gut gespielt wie England dann würde es sicher auch positive Berichte geben. Diesmal hat es halt nicht geklappt. Auch kein Beinbruch. Dann halt nächstes mal. Es ist und bleibt halt nur ein Spiel. Schön sich so ne WM anzuschauen. Freue mich auf den neuen Weltmeister. Wer auch immer gewinnt. So viel Fairness und Respekt sollte man schon in der Lage sein an den Tag zu legen. Wie gesagt, es ist ein Spiel.
furzgurk 04.07.2018
5. @3
Ihre Prognose war wohl nix... Warum werden schwärmerische Artikel mit brummeligen Kommentaren abgestraft? Das ist Negativität in höchster Vollendung!
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