Tottenham-Stürmer Harry Kane Trifft besser als Messi und Ronaldo

Erstmals seit 2009 spielt der beste Stürmer Europas weder in Madrid noch in Barcelona. Zumindest, wenn es nach den Zahlen geht. Doch wie gut ist Harry Kane wirklich? Und wie lange bleibt er noch in Tottenham?

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Am Silvesterabend hat auch Harry Kane kurz auf das abgelaufene Jahr zurückgeschaut. Ein Foto in den sozialen Netzwerken zeigte den Angreifer von Tottenham Hotspur in seinem Wohnzimmer, den Weihnachtsbaum im Hintergrund. Die wichtigsten Trophäen des Jahres hatte er vor sich drapiert, den Goldenen Schuh für den erfolgreichsten Premier-League-Torschützen und die acht Bälle, mit denen er im vergangenen Jahr Hattricks erzielte. "2017 war gut zu mir", schreibt Kane. Eine maßlose Untertreibung.

Zum Jahresabschluss hat Kane noch einmal nachgelegt, in den letzten beiden Partien hat der 24-Jährige jeweils dreifach getroffen und damit gleich mehrere Bestmarken aufgestellt:

  • In seinen 36 Premier-League-Spielen des Kalenderjahrs erzielte Kane 39 Tore. Damit übertraf er den 22 Jahre alten Rekordwert von Alan Shearer, dem 1995 in 42 Spielen für die Blackburn Rovers 36 Treffer gelungen waren.
  • Als erstem Spieler der Premier-League-Geschichte glückten Kane in einem Kalenderjahr sechs Hattricks. Dazu kamen zwei weitere Dreierpacks im FA Cup und in der Champions League. In seiner Karriere kommt Kane damit auf acht Hattricks in der englischen Liga, nur noch Shearer (11) und Robbie Fowler (9) stehen in dieser Disziplin noch über ihm.
  • Mit 56 Toren für Klub und Nationalmannschaft (49/7) führt Kane auch die Liste aller in Europa tätigen Profis an, knapp vor Lionel Messi vom FC Barcelona, der 54 Tore schaffte. Mit je 53 Toren folgen Robert Lewandowski vom FC Bayern, Cristiano Ronaldo von Real Madrid und Edinson Cavani von Paris Saint-Germain.

Schon dieses Ranking zeigt, in welchem Stürmersegment Kane sich mittlerweile bewegt. Letzmals hatte 2009 mit David Villa ein Spieler die Jahrestorjägerliste angeführt, der nicht Messi oder Ronaldo hieß. Aber bewegt sich Kane schon in einer Liga mit den beiden Superstars aus der spanischen Liga - oder war 2017 wirklich bloß außerordentlich gut zu ihm?

Wie gut ist dieser Harry Kane?

Kane profitiert einerseits sicher davon, dass Mauricio Pochettino ein funktionierendes Team zusammengestellt hat. Als der Argentinier im Sommer 2014 Tottenham übernahm, vertraute er auf den damals 21-jährigen Nachwuchsstürmer. Kane zahlte es zurück - mit Toren. In jeder der drei folgenden Spielzeiten traf er mindestens 20-mal. Trotz seiner erst 24 Jahre trifft Kane also bemerkenswert konstant.

Kane ist kein klassischer Strafraumstürmer, er hat das Spiel lieber vor sich. Sein Kopfballspiel ist ordentlich, mehr eben nicht. 93 Premier-League-Tore hat Kane unter Pochettino erzielt, davon nur elf per Kopf. Hatte Kane in seiner Anfangsphase noch eine klare Präferenz für Abschlüsse mit dem rechten Fuß, hat er in der aktuellen Saison sogar erstmals mehr Tore mit dem linken erzielt. Kane ist vielseitig, ungemein präzise im Abschluss - und ehrgeizig.

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Tottenham Hotspur: Der Star des "Harry-Kane-Teams"

"Es geht darum, sich jedes Jahr zu verbessern", sagt Kane. "Das habe ich in meiner Karriere immer getan und das werde ich auch weiter tun." Die Frage drängt sich auf: Wie lange wird er das noch bei den Spurs tun?

Es ist eine dieser Geschichten, die Fans und Marketingspezialisten lieben: Kane wurde im Norden Londons geboren, jubelte schon als Kind an der White Hart Lane. Später durchlief er die Jugendmannschaften des Klubs - und schaffte schließlich dort auch den großen Durchbruch. Vom Fan zum "home-grown" Superstar, ein Plot wie aus einem mittelmäßigen Jugendroman.

Für immer Tottenham? Unwahrscheinlich

"He's one of our own", so lautet der Schlachtruf der Spurs-Fans, die sich wünschen, Kane möge seine komplette Karriere bei den Lilywhites verbringen, wie es Ledley King einst tat. Kane ist längst Teil der Identität dieses Klubs, zumindest der aktuellen sehr erfolgreichen Mannschaft. Selbst in der Wahrnehmung der Gegner: Im Oktober sorgte Manchester Citys Trainer Pep Guardiola für einen kleineren Eklat, als er Tottenham nur "das Harry-Kane-Team" nannte.


Der Premier-League-Rekord im Video - Nummer 37, 38 und 39 für Kane:

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Sportlich ließe sich dessen Weggang vielleicht sogar kompensieren. In der vergangenen Saison, in der Kane mit 29 Toren den Goldenen Schuh gewann, verpasste er verletzungsbedingt acht Spiele. Keines davon verloren die Spurs (fünf Siege, drei Remis). Zumindest auf dem Feld ist Tottenham mehr als nur das Harry-Kane-Team. Nicht unwahrscheinlich, dass sich die Fans im Sommer mit dieser Statistik trösten müssen.

Wenn ein junger Spieler das Label "treffsicherster Stürmer des Kontinents" trägt, weckt das Begehrlichkeiten. Auf 150 Millionen Pfund (knapp 170 Millionen Euro) taxieren britische Medien den Wert des Stürmers mittlerweile, Tagespreis. Schon das engt den Kreis der möglichen Arbeitgeber immens ein. Die beiden Klubs aus Manchester, die beiden großen Vereine aus Spanien, dazu PSG. Die Bayern könnten vielleicht, zieren sich aber noch, die Ablösesummenrealität dieser Tage anzuerkennen. Zudem sind die Münchner mit Robert Lewandowski im Sturmzentrum exzellent besetzt - und welche taktischen Vorstellungen der Heynckes-Nachfolger haben wird, ist unbekannt.

Barcelona (Luis Suárez) und Paris (Edinson Cavani) haben ebenfalls keine Planstellen im Zentrum frei. Der Blick fällt damit schnell auf Real Madrid, in dem Zinédine Zidane sich bald eine jüngere und treffsicherere Alternative zum ein wenig in die Jahre gekommenen Karim Benzema wünschen dürfte. Dann wäre Kane tatsächlich in einer Liga mit Ronaldo und Messi angekommen.



insgesamt 9 Beiträge
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doktordoktormueller 03.01.2018
1. wie gut ist er wirklich? Momentan nicht schlechter als Ronaldo
Trifft sogar häufiger. Ronaldo macht das natürlich schon seit über 10 Jahren mit erstaunlicher Konstanz. Mit Messi können sich die beiden nur bedingt vergleichen, Messi macht ja nicht nur die tore, sondern ist auch der Spielmacher, Vorbereiter, Dribbelkönig und Torjäger in Personalunion.
Klinsmeier 03.01.2018
2. Fußballer des Jahres
Hoffentlich wird er der nächste Fußballer des Jahres - oder irgendein anderer, der nicht in Spanien spielt. Aber ich fürchte, die meisten Journalisten, die das Wahlrecht haben, lassen sich wieder von dem Glamour der ewigen Messi & Ronaldo blenden (wie lange soll das eigentlich noch so gehen?). Ganz zu schweigen von einem Toni Kroos - der kann in einer Saison 10.000 Pässe ankommende Pässe spielen und 100% Zweikämpfe gewinnen: zählt nicht, weil er kein Stürmer ist und keinen Zinnober beim Ausführen seiner Freistöße macht.
Teigkonaut 03.01.2018
3. Vom Fan zum Spieler
fast so schön wie im Märchen - aber mal im Ernst: Welcher Nachwuchsspieler packt heute noch so eine Karriere? In der PL, in der fast nur noch ausländische Stars reüssieren grenzt der Werdegang des H. Kane fast an ein Wunder. Selbst in unserer 1. BL wird es für den Nachwuchs vor allem in den Spitzenclubs immer schwerer den Durchbruch hin zu den Profis zu schaffen. Ich finde diese Entwicklung sehr bedenklich. Geld verdrängt immer mehr den eigenen Nachwuchs. Viel liegt auch am Trainerteam, wie der Fall Kane zeigt. Bleibt nur zu hoffen, dass der Mut zum Risiko (sprich zum eigenen Nachwuchs) in den höchsten Spielklassen steigt.
MrDonJoe 03.01.2018
4. Lassen sich blenden?
Zitat von KlinsmeierHoffentlich wird er der nächste Fußballer des Jahres - oder irgendein anderer, der nicht in Spanien spielt. Aber ich fürchte, die meisten Journalisten, die das Wahlrecht haben, lassen sich wieder von dem Glamour der ewigen Messi & Ronaldo blenden (wie lange soll das eigentlich noch so gehen?). Ganz zu schweigen von einem Toni Kroos - der kann in einer Saison 10.000 Pässe ankommende Pässe spielen und 100% Zweikämpfe gewinnen: zählt nicht, weil er kein Stürmer ist und keinen Zinnober beim Ausführen seiner Freistöße macht.
Die beiden haben auch eine "blendende" Statistik. Messi: 400 Spiele/ 370 Tore Ronaldo: 290 Spiele/ 270 Tore Das mag auf die Dauer langweilig sein, aber hinter diesen zwei Spielern kommt erst mal lange nichts...und dann vielleicht ein 37 jähriger Ibrahimovic. Das ist kein blenden lassen, sondern pure Realität. Es sind Ausnahmespieler, die es sich jedes Jahr aufs neue regelrecht verdient haben.
hugotheKing 04.01.2018
5. "Hurricane" nur stark im Zusammenspiel
Keine Frage Harry Kain ist sicher einer der verkanntesten Fußballspieler, der mehr Beachtung verdient. Aber man sollte nicht vergessen, dass Fußball immer noch eine Mannschaftsportart ist. Wenn seine ebenfalls verkannten guten Mitspieler wie Son, Alli und Eriksen nicht wären, dann hätte er auch nicht so viele Tore geschossen.
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