Heimspiel für Krstajic Der Kellner mit der linken Klebe

Mladen Krstajic ist der einzige Bundesligaspieler, der in der Testpartie am Mittwochabend gegen Deutschland im Kader von Serbien und Montenegro steht. Der Abwehrmann des SV Werder Bremen zählt inzwischen zu den Topverteidigern hier zu Lande und freut sich auf den Festtag im heimischen Weserstadion.

Von Andreas Lampert, Bremen


Mladen Krstajic: Chef in der Werder-Abwehr
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Mladen Krstajic: Chef in der Werder-Abwehr

Bremen - "Er gehört zu den besten fünf Abwehrleuten in der Bundesliga", lobt selbst DFB-Teamchef Rudi Völler Krstajic in höchsten Tönen. Rekordmeister Bayern München hat sich schon um den 29-Jährigen bemüht, der im Sommer 2000 für 1,8 Millionen Mark von Partizan Belgrad an die Weser gewechselt war. Inzwischen wird der Marktwert von Krstajic, der in Bremen bis 2004 unter Vertrag steht, auf 6,5 Millionen Euro geschätzt.

Doch der schlaksige Defensivspieler, der über ein exzellentes Kopfballspiel und einen schussgewaltigen linken Fuß verfügt, hat bislang stets Argumente gefunden, den Verlockungen der anderen Vereine zu widerstehen. "Ich hatte bisher drei erfolgreiche Jahre beim SV Werder, bin bei Mitspielern, Verein und Fans akzeptiert", so Krstajic, "das ist ein gutes Gefühl. Egal zu welchem Verein ich jetzt wechseln würde, es ginge alles wieder von vorne los."

"Außerhalb des Platzes ist er genauso ruhig wie ich", beschreibt Werders Kapitän Frank Baumann seinen Mitspieler, "aber auf dem Platz ist er das genaue Gegenteil, da ist er unheimlich aggressiv." In Krstajic' erster Saison beim SV Werder wurde ihm die Streitsucht auf dem Rasen einmal zum Verhängnis: Im Dezember 2000, bei der 2:5-Niederlage der Bremer in Rostock, hatte sich "Kris" - so rufen ihn die Fans, seine Freunde sagen "Krle" - zu einer Tätlichkeit gegen den damaligen Hansa-Spieler Victor Agali hinreißen lassen. Was der Schiedsrichter übersehen hatte, registrierten die Fernsehkameras. Krstajic wurde nachträglich gesperrt, "SV Widerlich" zeterte damals die "Sport Bild".

"Ein solches Spiel ist wie ein Geschenk"

Nun also steht am Mittwochabend (20.40 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Länderspiel gegen den Vizeweltmeister im Weserstadion an. "Mein Wohnzimmer", sagt Krstajic. Mancher seiner Teamkollegen wird im Gegensatz zum Wahl-Bremer den Auftritt auf internationaler Ebene nutzen, um sich bei anderen Vereinen ins Gespräch zu bringen. "Wir werden 300 Prozent geben und die Deutschen schlagen", wird Krstajic ungewöhnlich großspurig, wohl wissend, dass sich seine Mannschaft bei namhaften Gegnern zu steigern weiß.

Gegen Deutschland werde man ungeachtet des Testspielcharakters motiviert wie bei einer Weltmeisterschaft antreten. "Schließlich sind auch viele Landsleute im Stadion", so Krstajic. Das letzte Aufeinandertreffen beider Mannschaften war in Lens bei der WM 1998 in Frankreich. Es endete nach einem 0:2-Rückstand mit einem für die Deutschen glücklichen 2:2. Auch wenn es manchem deutschen Nationalspieler schwer zu fallen scheint, sich für das Spiel zu motivieren, gibt es für Krstajic nichts Schöneres, als gegen die DFB-Auswahl anzutreten. "Ein solches Spiel ist wie ein Geschenk", lächelt er.

Mladen Krstajic: Stammplatz in der Nationalmannschaft erobert
DPA

Mladen Krstajic: Stammplatz in der Nationalmannschaft erobert

"Von der Papierform her haben wir ein starkes Team, aber wir müssen es auch auf dem Platz zeigen. Das Problem ist manchmal unsere Balkan-Mentalität", sagt Krstajic. Zu launenhaft ist die Elf. In der EM-Qualifikation folgte einem begeisternden Spiel gegen Ex-Weltmeister Italien (1:1) ein ernüchterndes 2:2 beim Fußball-Winzling Aserbaidschan. In der Tabelle ist Serbien und Montenegro hinter Wales und Italien lediglich Dritter.

Die Blamage gegen Aserbaidschan war auch das erste Spiel der Jugoslawen unter der neuen Länderbezeichnung "Serbien und Montenegro", die seit vergangenen Februar gültig ist. "Ich akzeptiere das, denn ich bin durch mein bisheriges Leben ohnehin mit ganz Jugoslawien verknüpft", erklärt der gelernte Kellner, dessen Lebensmotto "Ich schaue nur nach vorn und nie nach hinten" lautet. Als Sohn eines montenegrinischen Vaters und einer serbischen Mutter wuchs Krstajic in Bosnien auf und musste 1991 vor dem Bürgerkrieg nach Serbien fliehen.

"Er ist einer meiner wichtigsten Spieler"

Doch dank seines Talents am Ball erhielt er schon ein Jahr später einen Profivertrag bei Partizan Belgrad. Binnen acht Jahren wurde er mit dem jetzigen Matthäus-Club dreimal Pokalsieger und errang einen Meistertitel. Inzwischen ist der 1,91 Meter große Abwehrchef des SV Werder Stammspieler in der Nationalmannschaft. 23 Länderspiele hat Krstajic seit seinem Debüt 1999 absolviert und dabei zwei Tore erzielt.

"Er ist einer meiner wichtigsten Spieler", sagt auch Dejan Savicevic, einst Weltklassestürmer beim AC Mailand und seit 2001 Chefcoach der Fußballauswahl Restjugoslawiens, "er ist durch seine Kopfballstärke unheimlich wichtig für uns - in der Defensive wie im Angriff." Der Nationaltrainer würde seinen Schützling gerne bei einem europäischen Spitzenteam spielen sehen. "Da lernt man am meisten", sagt Savicevic, "das Wichtigste ist aber, dass er gesund und glücklich ist. Ich habe das Gefühl, dass er das in Bremen ist."



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