Pfeifkonzert gegen Helene Fischer Kommerz sind immer die anderen

Helene Fischers Halbzeitshow hatte im Pokalfinale nichts zu suchen - darauf können sich fast alle einigen. Denn gegen "den modernen Fußball" ist irgendwie jeder. Was fehlt, ist eine klare Alternative.

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Zehntausende Fußballfans haben Helene Fischer ausgepfiffen, die in der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Endspiels gesungen hat. Das liegt vermutlich weniger an Fischers Musik selbst als vielmehr an der Tatsache, dass der DFB überhaupt erstmals eine Halbzeitshow nach amerikanischem Vorbild veranstalten wollte. So zumindest Martin Schneiders überzeugende Interpretation in der "Süddeutschen Zeitung".

Mag sein, dass gerade Fischers Image ausgesprochen schlecht zur Lebenswelt der aktiven Fanszenen passt. Vielleicht wären die Toten Hosen nicht so laut ausgepfiffen worden. Um musikalische Geschmacksurteile ging es aber nur am Rande. Schon vor dem Anpfiff hatten Anhänger beider Klubs Schmähgesänge auf den Verband angestimmt. "Krieg dem DFB!" stand auf einem Dortmunder Transparent.

Nun gibt es wahrlich genug Gründe für Kritik am DFB. Im Fall von Fischergate schießt die Empörung der Öffentlichkeit aber weit über jedes konkrete Ziel hinaus, es scheint um den Verband als Symbol zu gehen. Das erinnert an die wütenden Reaktionen auf die schnelle Neuansetzung des Dortmunder Champions-League-Spiels gegen Monaco kurz nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB. Die Uefa wurde da in vielen Kommentaren als Clique von geldgierigen Männern im Anzug verunglimpft, der Spieler und Fans ganz egal seien.

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Helene Fischer: Pfeifkonzert im Pokalfinale

Diese Sichtweise ist natürlich bequem: Böse Verbände wollen "den Fußball" ausbeuten. Was aber ist dieser Fußball, den so viele Menschen vor dem Kommerz beschützen wollen? Der Fußball der guten alten Zeit? In der noch keine Sponsorenaktionen und Helene-Fischer-Konzerte die Stadionatmosphäre störten? Danach kann man sich natürlich zurücksehnen. Zugleich war das aber auch eine Zeit, in der Frauen in Stadien kaum auftauchten, in der rassistische Sprechchöre mindestens achselzuckend akzeptiert wurden.

Dass sich dieser Fußball für weiße heterosexuelle Männer, die "11 Freunde" abonniert haben, als Sehnsuchtsort eignet, ist unbestreitbar. Funktioniert für viele gut, auch für den Autor dieses Textes. Nur hat das nichts mit Kommerz oder Nichtkommerz zu tun, sondern mit dem Wunsch, die Welt solle möglichst genau so bleiben, wie sie in der eigenen Jugend war. Kommerziell war der Fußball übrigens damals auch schon, aber die Halbzeitmusik kam gerne von Polizeiblasorchestern. Das hatte in der Regel keine Pfeifkonzerte zur Folge.

Die heutige Brisanz entsteht wohl auch daraus, dass es organisierte Fanszenen gibt, die manchen positiven Einfluss hatten, wie zum Beispiel in vielen Stadien beim Kampf gegen rechtsextremes Gedankengut in den Fankurven. Diese Fanszenen, im Allgemeinen gerne pauschal als "Ultras" bezeichnet, wünschen sich einen anderen Fußball als den, den Verbände und Sponsoren sich wünschen. Das ist legitim, genau wie Pfiffe gegen eine Musikerin legitim sind (wenn auch nicht besonders respektvoll).

Das Problem ist nur, dass dieser Kampf "gegen den modernen Fußball" fast nur als Abwehrkampf geführt wird. Kein Wunder: Den nichtkommerziellen Fußball, der zugleich von Millionen verfolgt wird, hat es nie gegeben. Während viele Fans auf Sponsoren und Kommerz schimpfen, verlieren Amateurvereine immer mehr Zuschauer: Der Profisport ist eine perfekte Bühne, um gegen den Profisport zu wettern. Kann man machen. Ist aber auch ziemlich billig.

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insgesamt 117 Beiträge
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spon-facebook-10000000035 28.05.2017
1. Mein erster Gedanke zur Halbzeit-Show ...
... war nicht "Kommerz", sondern "deplatziert" ... Liebend gerne kann man der Familie in der Halbzeitpause etwas bieten, aber das Motto des Abends war doch "Fussball" - von mir aus interviewe ich da Dragoslav Stepanovic oder eine ehemalige Dortmunder Grösse, aber ich konnte Helene Fischer ganz einfach nicht in Verbindung mit Fussball bringen.
nexus7 28.05.2017
2. Natürlich geht es um Fischer
Fischer hat seit der WM den Fussball als zusätzliche Vermarktungsplattform entdeckt. Seit dem findet eine primitive Anbiederei sondersgleichen statt. Das ist leicht zu durchschauen und gipfelt in dümmlichen Statements: Beide Mannschaften sind bei ihr Pokalsieger. Da kann man nur pfeifen.
Ienz 28.05.2017
3. Falsch verstanden!
Nein, Herr Raecke. Das hat sehr wohl mit der Auswahl der Darbietung zu tun. Dieses öde Schlager-Playback braucht kein Mensch, bzw. die meisten Fans im Stadion nicht. Auch wenn Florian Silbereisen bestimmt einen fetten Vertrag mit dem DFB geschlossen hat, um ihr neues Album zu bewerben. Bei den Hosen, Sportis oder Kraftklub hätten es sicherlich nicht so viele Pfiffe gegeben. Und wenn schon Sängerin, dann nicht so eine billige, abgelutschte Nummer. Meilenweit z.B. von der Klasse einer Beyonce oder Adele entfernt.
aronb 28.05.2017
4. Nunja,
die Böhsen Onkelz hätten wohl am wenigsten Pfiffe ausgelöst, aber eine Band, die mit einem Fingerschnipp Hunderttausende adhoc mobilisieren kann, ist einem DFB einfach zu volksnah. Der Autor hat recht: Mein Vater besucht seit vielen Jahren konsequent die A-Jugendspiele der Mannschaft unseres KSV-Baunatal. Und ja, er geht auch mal zu den spielen der Halbprofimannschaft ins Parkstadion. Er sagt immer, da geht es noch um Fussball. Wenn ich mal aus Berlin heimkomme und mitgehe kann ich das bestätigen. Klar interessiert er sich auch für Bundesligaergebnisse. Dann bemüht er den Teletext. Und hin und wieder wird auch heimlich Fussball-Kommerz-TV geguckt. Aber letztendlich lehnt er es ab und lebt das auch.
verspiegelt24 28.05.2017
5. Was ist Fußball?
Einige bis viele tausend potentiell gewaltbereite lärmende rauchende Säufer schauen ein paar überbezahlten dabei zu wie sie tanzend einem Ball hinterher rennen. Der Unterhaltungswert bei ein paar zwei- bis vierjährigen ist um Welten größer. :-D
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