Videobeweis Gute Idee. Dann kam der DFB

Der DFB hat den bisherigen Chef des Projekts Videobeweis abgesetzt und will das Thema jetzt "zur Chefsache" machen. Das ist auch dringend notwendig. Bisher wirken Verband und Schiedsrichter komplett überfordert.

Schiedsrichter Benjamin Cortus guckt Fernsehen
DPA

Schiedsrichter Benjamin Cortus guckt Fernsehen

Von


Ein Jahr lang haben sich die deutschen Schiedsrichter auf den Videobeweis vorbereitet. Intensiv, so heißt es. Liest man die Pressemitteilung des DFB vom Nachmittag dazu, könnte man allerdings den Eindruck haben, die Unparteiischen hätten in dieser Zeit in ihrer Kölner Versuchskabine am Bildschirm vor allem Netflix-Filme geguckt.

Offensichtlich sind Verband und Schiedsrichter von den Anforderungen in der Praxis heillos überfordert. Jetzt, nach beinahe drei Monaten Ligabetrieb, nach zahlreichen umstrittenen Entscheidungen, die mit dem Videobeweis zusammenhängen, lädt der DFB, wie er schreibt, "zum Meinungsaustausch ein". Die Pressemitteilung vom Montag ist nichts anderes als eine Kapitulationserklärung.

Vor allem für den bisherigen Verantwortlichen, den früheren Fifa-Schiedsrichter Hellmut Krug, ist dies ein Desaster. Krug darf künftig "in dem Projekt engagiert bleiben und sich auf die inhaltliche Analyse und die fachliche Dokumentation konzentrieren". Das ist eine Degradierung zweiter Klasse für den 61-Jährigen.

Krugs Papier ist vom DFB einkassiert worden

Krug hatte schon in den Vorwochen eine äußerst unglückliche Figur abgegeben. Das Papier, das er "in Absprache mit der DFL" in der Vorwoche an die Vereine verschickte und womit er den Spielraum und die Befugnisse des Videoschiedsrichters auszuweiten suchte, ist vom DFB mittlerweile in Gänze einkassiert worden. Das Schreiben sei "gegenstandslos", schreibt der Verband heute in aller Deutlichkeit. Wenn man weiß, wie diplomatisch verquast sonst in Pressemitteilungen formuliert wird, ahnt man, wie es in der DFB-Zentrale gerumst haben muss.

Als Krug dann auch noch beschuldigt wurde, er habe beim Spiel Schalke 04 gegen den VfL Wolfsburg mehrfach Einfluss auf Entscheidungen des Video-Referees zugunsten der Königsblauen genommen - wohlgemerkt: Krug ist Gelsenkirchener - reichte es auch den ihm Wohlgesinnten beim DFB.

Zumal Krug zuvor durch heftige Kritik des renommierten Referees Manuel Gräfe arg in die Defensive geraten war. Die Ethikkommission des DFB - der Name allein löst nach den Erfahrungen mit der Fifa schon ein gewisses Unbehagen aus - hatte zwar in der Vorwoche versucht, den Konflikt zwischen Gräfe und Krug zu lösen. Am Ende blieb davon allerdings in der Öffentlichkeit vor allem hängen, dass dem unbequemen Schiedsrichter Gräfe ein Maulkorb verhängt worden war.

Jetzt muss Schiedsrichter-Boss Lutz-Michael Fröhlich versuchen, das Vertrauen in das Instrument Videobeweis zurückzugewinnen. Das wird schwierig genug. Das Image ist jetzt schon arg ramponiert. Der DFB hat heute betont, dass das Thema Videobeweis jetzt "zur Chefsache erklärt" werde. Das ist sehr spät. Aber in jedem Fall dringend notwendig.

Verteidiger mittlerweile in der Minderzahl

Von Woche zu Woche ist es mühsamer geworden, dagegenzuhalten mit dem Argument, der Videobeweis sei ja an sich ein gutes Mittel, um Fehler zu minimieren. So wie er in der Praxis umgesetzt wurde, so inkonsequent, so ohne jede klare Linie, am Rand der Willkür, konnte man fast den Eindruck haben, hier solle der Videobeweis bewusst desavouiert werden. Dass durch den Einsatz der Videotechnik Fehlentscheidungen auf dem Platz im Regelfall tatsächlich korrigiert wurden, ist mittlerweile kaum noch wahrgenommen worden.

Die Kommunikation zwischen Videoreferee und dem Unparteiischen auf dem Platz wirkte zuletzt mehrfach amateurhaft und ist, vielleicht das größte Manko, für die Zuschauer im Stadion überhaupt nicht nachvollziehbar. Dazu kommt, dass die Schiedsrichter selbst verunsichert und gegängelt wirken. Von den sogenannten kalibrierten Abseitslinien, die nur am 1. Spieltag eingesetzt wurden, redet mittlerweile keiner mehr. Zahlreiche Verantwortliche in den Bundesligavereinen reagieren mittlerweile nur noch genervt, die Verteidiger des Videobeweises sind längst in der Minderheit. Das war vor Saisonstart noch ganz anders.

Der DFB gibt selbst zu, dass es "in den vergangenen Wochen Irritationen über das Rollenverständnis und die Zielsetzung des Projektes gegeben" habe und führt weiter: "Wir glauben nach wie vor an das Projekt." Das klingt ein bisschen nach Berliner Flughafen.

insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bärthold 06.11.2017
1. Rugby
Im Rugby funktioniert der Videobeweis seit Jahren. Es wird immer wieder etwas im Detail verbessert, damit das Ganze auch sinnhaftig bleibt. Vielleicht sollten die Fußballer einfach mal bei den richtigen Männern nachfragen...
vaikl 06.11.2017
2. Mittlerweile weiß auch der unbedarfte Nicht-Fußballfan,...
...dass es gar keine 100%e Garantie für fehlerfreie Videobeweis-Entscheidungen gibt, weil da immer noch fehlermachende Menschen nach einer schwammigen Regelbibel entscheiden müssen. Also wird Niemand im Stadion solche Entscheidungen als "gerecht" empfinden können, da ihm erstens die Beweismittel nicht sofort auf den Videowalls präsentiert werden und zweitens der Respekt für eindeutig objektive Entscheidungen der Schiri-Kaste längst gründlich abhanden gekommen ist. Insofern ist auch die Idee des Videobeweises - unabhängig von so simplen physikalischen Spielchen ala Torlinien-Kamera - zumindest im Profifußball völlig absurd.
die Stechmücke 06.11.2017
3. VAR nur als Unterstützung
Der VAR kann helfen eine Situation korrekt darzustellen, wenn der Schiri auf dem Platz aus seiner Sicht nicht die komplette Realität wahrnehmen konnte. Er ist eine Hilfestellung aber nicht mehr. Die finale Entscheidungshoheit liegt beim Schiri auf dem Platz denn dort liegt die Wahrheit.. Das bisherige Kasperle Theater ist zu beenden. Was Krug versucht hat zu praktizieren ist Begünstigung im Amt und ist eine Straftat.(persönliche Einflussnahme). Ich habe großen Respekt vor Schiris wie Herr Gräfe Es bereitet Freude ihm zu zuschauen wie er ein Spiel leitet. Herr Gräfe zeigt Charakter was man bei anderen durchaus vermisst.
KaWeGoe 06.11.2017
4. Vorschlag: Pro Mannschaft und Spiel darf der Kapitän ...
... maximal zwei mal einen Videobeweis anfordern und nur dann kommt diese Technik zum Einsatz. Das hätte den Vorteil, dass das Spiel nicht durch Video-Begutachtung andauern unterbrochen wird und dass der Schiedrichter auf dem Platz i.d.R. Herr der Situation ist, sich aber trotzdem bemühen muss, gravierende Fehlentscheidungen zu vermeiden, weil ihm diese sonst direkt vorgeführt werden. Der Nachteil der aktuellen Regelung ist, dass ein Schiedsrichter, der befürchten muss, dass er sich nach dem Spiel rechtfertigen muss, warum er denn nicht den Videobeweis in einer Situation zur Rate gezogen hat, in der er falsch entschieden hat, wird in jeder zweifelhaften Situation das Spiel unterbrechen. Das ist nicht gut für ein Fußballspiel.
dasistdasende 06.11.2017
5. Man fragt sich schon,
was der DFB eigtl. beabsichtigt. Es gibt wohl keine verkorkstere Möglichkeit den Videobeweis einzuführen, als es der DFB getan hat. Unklare Richtlinien, inkonsequente Anwendung, einflußnehmende Oberschiedsrichter, mal mit/mal ohne Videobeweis. Gratulation an den DFB ! Falls es die Absicht war den Videobeweis zu diskreditieren: Mission accomplished !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.