Bundesliga-Überraschung Hertha BSC Die Glücks-Spieler

Hertha BSC ist die Anomalie der Bundesliga. Niemand schießt seltener aufs Tor, trotzdem ist Berlin Dritter. Der Erfolg basiert auf der Taktik von Trainer Pál Dárdai - und auf einer guten Portion Glück.

Bongarts/Getty Images

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Die Bundesliga-Hinrunde schrieb einige wundersame Geschichten. Etwa die von Mönchengladbach, das mit fünf Niederlagen begann und dann durchstartete. Oder die der Aufsteiger aus Ingolstadt und Darmstadt, die bemerkenswert mithielten. Doch kaum eine Episode scheint so verblüffend irrational wie die um Hertha BSC. Die Mannschaft, die im Vorjahr nur aufgrund des Torverhältnisses der Relegation entgangen war, darf ernsthaft darauf hoffen, bald in der Champions League zu spielen.

32 Punkte hat der Tabellendritte bislang geholt. Das sind drei weniger als in der gesamten Vorsaison. Dass Hertha nicht nur erfolgreicher spielt, sondern auch taktisch in grundverschiedenem Gewand daherkommt, ist umso seltsamer. Was sind die Gründe für Herthas Erfolg?

Am Anfang stand Pál Dárdai

Das Klub-Urgestein übernahm die Mannschaft nach dem 19. Spieltag der vergangenen Saison. Unter dem Ungarn rumpelte sich Berlin zum Klassenerhalt. Wer sich an jene Partien im Frühjahr 2015 erinnert, tut sich schwer, die heutige Hertha darin zu erkennen.

Die "Dárdai-Tabelle"

Platz Verein Spiele Tordifferenz Punkte
1 Bayern München 32 +66 79
2 Borussia Dortmund 32 +38 68
3 Mönchengladbach 32 +20 62
4 VfL Wolfsburg 32 +20 57
5 Bayer Leverkusen 32 +21 56
6 Hertha BSC 32 +6 49
7 Schalke 04 32 -6 44
8 Mainz 05 32 -3 42
9 1. FC Köln 32 -5 41
10 Hamburger SV 32 -20 37
11 Eintracht Frankfurt 32 -10 36
12 FC Augsburg 32 -9 35
13 Werder Bremen 32 -20 35
14 VfB Stuttgart 32 -20 33
15 TSG Hoffenheim 32 -15 31
16 Hannover 96 32 -21 26

Die Tabelle umfasst alle Bundesliga-Ergebnisse seit Amtsantritt von Hertha-Trainer Pal Dárdai (19. Spieltag der Saison 2014/2015). Stand: 18.01.2016

Aus den ängstlichen Fehlpasskönigen der Vorsaison ist eine selbstbewusste, souverän auftretende Mannschaft geworden. Sie fühlt sich wohl mit Ball, kann aber auch ohne. Damit hat Hertha vollbracht, woran Bundesligisten wie Bremen oder Hoffenheim gescheitert sind: Die Entwicklung von einer limitierten Elf zu einer, die Lösungen entwickelt.

Kein Team hatte vergangene Saison weniger Ballbesitz als Hertha; nur Werder kam auf eine schlechtere Passquote. Dárdai setzte gezielt auf Fehlpässe, um die Mannschaft dann Zweikämpfe bestreiten zu lassen; er forderte lange Bälle, um Risiken zu vermeiden. Hauptsache sicher. Nun liegt Hertha in Sachen Ballbesitz und Passquote im oberen Ligamittelfeld, der Anteil langer Bälle hat sich erheblich reduziert; statt geplanter Fehlpässe werden nun möglichst viele Dreiecke gebildet, um das Leder laufen zu lassen. Die Mannschaft hat an der Geometrie ihres Spiels gearbeitet, daran, stets Überzahl in Ballnähe zu erzeugen, dem Ballführenden Anspieloptionen zu verschaffen, immer, überall.

Herthas direkte Balleroberungen: Rückzug statt Angriffspressing
Opta

Herthas direkte Balleroberungen: Rückzug statt Angriffspressing

Doch es gibt auch das andere Hertha-Gesicht. Eine merkwürdige Passivität durchsetzt Dárdais Team, wenn es den Ball nicht hat. Selten attackiert Hertha den Gegner im Spielaufbau, ist das Leder mal verloren, zieht sich das Team zurück, statt den Versuch einer Direkteroberung zu wagen. Diese Mischung aus Ballbesitz und Mauerfußball macht Berlin zum Unikat.

9,3 Schüsse gaben die Hauptstädter durchschnittlich pro Hinrundenspiel ab, niemand probiert es seltener, bereits in der Vorsaison belegte Berlin in dieser Statistik den letzten Platz. Doch während sie damals nur 15,7 Prozent ihrer Chancen verwerteten, sind es nun 20,2 Prozent. Mit diesem Wert wäre Berlin in der gedachten Effizienz-Tabelle der Bundesliga damals Erster gewesen, diese Saison ist bislang allein Borussia Dortmund besser (21 Prozent).

Die Berliner versuchen es also seltener als die Konkurrenz, ihre Schüsse landen aber häufiger im Tor. Wieder so ein Hertha-Rätsel. Spielt das Team über seinen Verhältnissen? Ist der Einbruch vorprogrammiert?

Herthas Torschussvorlagen: Aus den markierten Bereichen heraus bereitete Berlin seine Chancen vor
Opta

Herthas Torschussvorlagen: Aus den markierten Bereichen heraus bereitete Berlin seine Chancen vor

Dagegen spricht der klug zusammengestellte Kader. Beispiel Außenverteidiger: Mitchell Weiser und Marvin Plattenhardt sind keine Linienläufer, sondern kreative Gestalter, kombinationssicher genug um Herthas neue Spielkultur zu ermöglichen. Durch ihr kluges Aufrücken binden sie im Aufbau Mittelfeldspieler des Gegners an sich und reißen so Löcher in dessen Formation. Ihre Leistungen dürften auch Bundestrainer Joachim Löw kaum entgangen sein, der auf den defensiven Außenbahnen nach spielstarken Profis sucht. Ein Hertha-Duo bei der Europameisterschaft in Frankreich? Abwegig ist das nicht.

Der Journalist Michael Caley würde wohl eher für die Glückstheorie plädieren. Caley hat ein Modell entwickelt, das die Qualität von Torchancen bewertet, indem es sie mit etlichen Abschlüssen aus der Vergangenheit vergleicht. Auf dieser Grundlage bemisst er die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Schuss im Tor landet. Dabei lässt er die Art des Abschlusses, die Distanz zum Tor und den Schusswinkel genauso einfließen wie Daten bezüglich der Vorlage. Sein Expected-Goals-Modell weist Hertha als glücklichste Mannschaft der Liga aus. Kein anderes Team holte so viel mehr Punkte, als die Spiele es erwarten ließen.

Zwar lässt sich diese Diskrepanz auch durch die überlegtere Spielweise der Hertha erklären. Das Team bereitet Abschlüsse besser vor, im Vergleich zur Vorsaison spielt es im Schnitt zehn Pässe mehr pro Torschuss. Doch auch die Quoten ihrer Top-Torschützen zeugen vom Glück der Hertha.

Alle Abschlüsse von Kalou, Ibisevic: Besser als Messi und Ronaldo
Opta

Alle Abschlüsse von Kalou, Ibisevic: Besser als Messi und Ronaldo

Salomon Kalou, mit neun Toren erfolgreichster Angreifer, hat laut Datenanbieter Opta 39 Prozent seiner Chancen verwertet. Eine verdächtig gute Quote. Tatsächlich zeigt der Blick zurück, dass der Stürmer aktuell deutlich besser als üblich trifft. 2014 erreichte Kalou einen Wert von 16 Prozent, davor waren es 20 und 22.

Eine Chancenverwertung von 39 Prozent erreichten weder Robert Lewandowski noch Pierre-Emerick Aubameyang, weder Cristiano Ronaldo noch Lionel Messi. Im Durchschnitt der vergangenen drei Spielzeiten landen die Stars bei 22,8 Prozent, einem Wert, den Vedad Ibisevic, mit sechs Hinrundentreffern Herthas zweiterfolgreichster Schütze, übrigens ebenfalls klar überbietet (27 Prozent).

Man kann das als Formhoch bezeichnen, es einen Lauf nennen. Oder als Glück. Für Hertha heißt das: Wenn die Rückrunde normal verläuft, verläuft sie schlechter als die Hinserie. Die Offensive dürfte mehr Anläufe für Tore brauchen, die Stürmer sich wohl irdenen Erfolgsquoten annähern, Berlin dürfte zurück auf den Boden geholt werden. Ob das dann zur Champions-League-Teilnahme reicht? Wahrscheinlich nicht. Doch sicher ist: Pál Dárdais Hertha würde man auch dann noch lieber zusehen, als in den vergangenen Jahren.



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
retterdernation 18.01.2016
1. Mit sehr, sehr heißer Demut ...
erwarten Wir Berliner den Rückrunden-Auftakt. Schon jetzt ist die Saison wundervoll gelungen - der Abstieg in weiter ferne. Wenn die Jungs den Schwung der ersten Hälfte der Saison irgendwie in die Rückrunde mitnehmen, dann - ja dann könnte es noch viel spaßiger werden. Spannend das Alles - schon am Wochenende wissen Wir mehr, wer wenig verlangt - wird viel bekommen - in diesem Sinne: lasst die Spiele beginnen ...
Ultras 18.01.2016
2. Nein!
Die Hertha lediglich auf Glück zu reduzieren, wird dem überlegten und sehr geplanten Fußball dieser Mannschaft absolut nicht gerecht. Die Hertha spielt einen extrem schlauen Fußball und erwischt den Gegner immer dann, wenn es sein muss. Außerdem steht die Hertha in der Abwehr extrem gut, einige Offensiven der Liga haben sich daran böse verhoben. Das geduldige Spiel der Berliner wird durch ihre sehr hohe Konzentration und körperliche Fitness, die über dem Ligadurchschnitt liegt, immer wieder belohnt. Und warum muss die Effizienz der Stürmer immer gleich Glück sein und kann nicht dem Training eines überragenden Übungsleiters geschuldet sein? Nein, so einfach wie es hier versucht wird, lässt sich diese Mannschaft nicht erklären. Und das sage ich als Anhänger einer rheinländischen Mannschaft.
sponer59 18.01.2016
3. Bei Hertha
kann es ja nur Glück sein, so der Tenor des Artikels. Herr, erhalte mir meine Weltsicht und führe mich nicht in Versuchung, meine Vorurteile zu revidieren;-) Ich kann mich meinen Forums-Vorrednern nur anschließen: es ist schön, was Hertha in der Hinrunde durch Fleiß, harte Arbeit an Fitness, Taktik und Strategie erreicht hat. Nun schaun und hoffen wir in Berlin mal demütig, aber natürlich auch voller freudiger Erwartung, dass sich die neue Mentalität der Mannschaft auch in der Rückrunde bewährt. Hauptsache auf dem Teppich bleiben ist die Devise und da ist Hertha auch durch die beiden Abstiege gut gewappnet.
Levator 18.01.2016
4. Hertie
so weit oben in der Tabelle. Man mag es kaum glauben! Gottseidank gibt es eine Rückrunde ;)
blurps11 18.01.2016
5.
Was genau soll denn bitte am Defensivverhalten "merkwürdig" sein ? Das ist stinknormales Verdichten im eigenen Drittel. Kann ( und soll ) ja nicht jede Mannschaft Rudelpressing irgendwo kurz vorm gegnerischen Torwart spielen. ( Sportliche Grüße an den Herrn Zorniger ;) )
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