Von Peter Ahrens, Berlin
Im Berliner Olympiastadion schien die Sonne auf 74.422 Zuschauer. Die Stimmung war prächtig, der Gegner hieß Real Madrid, zwei Hauptstädter auf Augenhöhe, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. Als nach einer Viertelstunde Patrick Ebert die Führung gegen die Königlichen erzielte, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Das war im vergangenen Juli. Der Himmel über Berlin war weit offen.
An diesem Samstagnachmittag wird im Olympiastadion wieder die Sonne scheinen, wenn man dem Wetterbericht Glauben schenken darf. Es wird das einzige sein, was noch an diesen Sommer der Euphorie erinnert.
Hertha BSC hat es innerhalb von neun Monaten fertiggebracht, eine Aufbruchstimmung komplett ins Gegenteil zu drehen. Wenn dem Verein am Samstag im Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) der Abstieg zustoßen sollte, wird in Berlin keine Wut herrschen, nicht einmal mehr Traurigkeit. Die Hauptstadt wird mit Teilnahmslosigkeit, mit Gleichmut reagieren. Und das ist wahrscheinlich das Schlimmste, was einem Verein widerfahren kann.
Vor zwei Jahren wurde noch die Ersatzbank zerlegt
Als Hertha vor zwei Jahren im Abstiegskampf stand, stürmten die Berliner Fans noch vor Wut den Platz und zerlegten die Ersatzbank. Als Hertha am vergangenen Wochenende auf Schalke 0:4 unterging, ergab sich der Fanblock in Schweigen. Berlin scheint seine Hertha schon aufgegeben zu haben, obwohl sie mit einem Erfolg über Hoffenheim und einem gleichzeitigen Patzer des Mitkonkurrenten 1. FC Köln noch auf den Relegationsplatz springen könnte. "Es ist schon komisch, dass wir immer noch eine Chance haben", sagt Defensivspieler Levan Kobiaschwili.
Das Boulevardblatt "Berliner Kurier" nennt die Profis seit Wochen nur noch "die Hertha-Schlaffis". Der frühere Hertha-Coach Jürgen Röber bezeichnet sie als "Luschis". Täglich dürfen die Spieler in den Berliner Medien lesen, dass sie sich gefälligst ein Beispiel an den Eishockeyspielern, an den Hand- und Volleyballern der Stadt zu nehmen hätten, die zuletzt mehrfach deutliche Rückstände noch in Siege umgebogen hatten. Fußball ist in Berlin im Moment das Letzte.
Der Absturz der Hertha in dieser Saison hat viele Namen: Stürmer Adrian Ramos zum Beispiel, der nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst ist. Oder Michael Skibbe, der Trainer von der traurigen Gestalt, der sein Verhältnis zur Mannschaft innerhalb kürzester Zeit so gestaltete, dass er schon nach fünf erfolglosen Spielen wieder entlassen wurde. Letztlich wird der Abstieg, wenn es dazu kommen sollte, allerdings unwiederbringlich mit einem Namen verbunden bleiben: dem des Managers Michael Preetz.
Preetz von unglücklichen Entscheidungen verfolgt
Preetz war mal ein Fußballgott in Berlin. Er hat für Hertha in 227 Spielen 93 Tore erzielt. Das hat vor und nach ihm im Verein niemand geschafft. Von diesem Ruhm ist nichts mehr übrig geblieben. Preetz' Amtszeit als Manager ist von einem gewissen Talent für unglückliche Personalentscheidungen begleitet. Vor zwei Jahren trennte er sich von Trainer Lucien Favre, es war quasi seine erste Amtshandlung von Tragweite. Der dann von ihm engagierte Friedhelm Funkel machte den Abstieg perfekt.
In dieser Spielzeit zerstritt er sich mit dem Aufstiegstrainer Markus Babbel, der die Hertha in der Hinrunde auf Platz elf geführt hatte. Babbel musste zur Winterpause gehen. Über Ursachen und Details des Zerwürfnisses gibt es unterschiedliche Versionen - die gegenseitigen Vorwürfe gehen bis tief ins Persönliche. Babbel wie Favre sind keine pflegeleichten Trainertypen, oft missverständlich in ihrer Kommunikation, aber es sind ohne jeden Zweifel die zwei fähigsten Coaches, die die Hertha seit vielen Jahren zur Verfügung hatte.
Nach Babbels Abgang leistete sich Preetz erst das Desaster mit Zwischentrainer Skibbe und verpflichtete dann Otto Rehhagel. Man muss mittlerweile sagen: Es war das nächste Trainer-Missverständnis. Mitleid ist das angemessene Gefühl, das das Wirken des 73-Jährigen begleitet, der einst König Otto genannt wurde. Mit jeder Niederlage, mit jeder neu zusammengewürfelten Aufstellung, mit jeder Durchhalteparole demontiert sich der frühere Meistertrainer selbst.
Preetz sitzt Woche für Woche, Niederlage für Niederlage neben Rehhagel auf der Bank, sein Gesicht ist Leiden. in der Öffentlichkeit, bei den Fans, in den Medien, überall gilt er als der Totengräber der Hertha. Aufsichtsrat Andreas Schmidt, auch ein ehemaliger Profi und früherer Mitspieler von Preetz, hat schon einmal festgestellt, dass "die finanziellen Möglichkeiten, um den sofortigen Wiederaufstieg anzupeilen, nicht vorhanden sind". Der Hauptstadtclub stehe davor, "ein grauer Zweitligist" zu werden.
Und der, der dafür sorgen könnte, ist ausgerechnet Babbel. Am Samstag kehrt er als Coach von Hoffenheim ins Olympiastadion zurück. Babbel, der sich einst das Hertha-Vereinslogo auf den Oberarm tätowieren ließ. Der in dieser Woche noch einmal betont hat, dass der Verein "mit ihm hundertprozentig nicht abgestiegen wäre, da hätte ich alles drauf gewettet". Der in der "Sport Bild" nachlegte, in Berlin fehle "die nötige Demut".
Dem ehemaligen Hertha-Coach gehört in dieser Woche die Bühne allein. Die Hertha hat sich wieder einmal abgeschottet. Vor dem letzten Training wurde die Öffentlichkeit kurzfristig ausgeschlossen. Das einzige, was dem Club zu den Äußerungen des Ex-Coaches einfiel: Einen Anwalt in die Spur zu schicken, der prüfen soll, ob sich Babbel damit vereinsschädigend verhalten habe.
Dumm nur, wenn der Anwalt herausfände, dass Babbel gar nicht derjenige ist, der dem Verein in dieser Spielzeit am meisten geschadet hat.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-Bundesliga | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH