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Hertha-Sieg in Nürnberg: Berliner Dardaismus

Von , Nürnberg

Hertha-Profis Weiser, Jarstein: Berliner Höhenluft Zur Großansicht
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Hertha-Profis Weiser, Jarstein: Berliner Höhenluft

Hertha BSC überzeugt auch im DFB-Pokal und zieht hochverdient ins Viertelfinale ein. Pal Dardai hatte sein Team wieder perfekt eingestellt. Und das mit auffällig einfachen Mitteln.

Natürlich haben sie auch in Nürnberg wirklich daran geglaubt, dass ihnen die Überraschung im Pokal gelingen könnte. Die Anreize waren schließlich da. Das Erreichen des Viertelfinales hätte eineinhalb Millionen Euro zusätzlich gebracht - Geld, das der Klub dringend gebrauchen könnte. In der Liga ist Nürnberg seit neun Spielen ungeschlagen, hatte zu Hause noch nie verloren. Und vielleicht würde einem der Gegner Hertha BSC ja auch den Gefallen tun, mal ein paar Prozent weniger zu geben.

Alles sah also ganz gut aus in Nürnberg. Bis zum Anpfiff.

In den 90 Minuten, die folgten, hatte dann keiner der 35.200 Zuschauer auch nur eine Sekunde den Eindruck, dass Nürnberg hier als Sieger vom Platz gehen könnte. Die Mannschaft von Pal Dardai erstickte einfach alles im Keim, was den Gastgebern hätte Hoffnung machen können. Und siegte am Ende auch folgerichtig und hochverdient 2:0.

Der FCN versuchte in den ersten Spielminuten, genau das zu tun, womit keiner rechnet, der die letzten Nürnberger Spiele gesehen hat: Früh draufgehen, nachschieben, Pressing spielen - das war ziemlich genau der Gegenentwurf zum Nürnberger Muster der letzten Wochen, das auf "Karo einfach" basierte: lange Bälle nach vorne und auf die überdurchschnittlich gut bestückte Offensive vertrauen.

Berliner zeigten sich völlig unbeeindruckt

Die Berliner ließ das Nürnberger Anrennen der ersten Minuten allerdings völlig kalt: Die beiden auffallend ballsicheren Innenverteidiger Sebastian Langkamp und John Brooks spielten die Bälle einfach sauber weiter. Dann versuchte Nürnberg sein übliches Spiel: Den Gegner kommen lassen und schnell kontern, wenn die Bälle in der eigenen Hälfte erkämpft werden.

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Das klappte aber auch nicht, weil Hertha sich nicht herauslocken ließ, sondern auch mal ein paar Querpässe spielte. Und Bälle verloren sie eben auch nicht. Das taten stattdessen die Nürnberger, deren Aufbauspiel einfach zu fehlerhaft war. Der zweite Hertha-Treffer kam dann auch mit Nürnberger Zutun zustande: Dave Bulthuis verlor Brooks vor dessen Kopfball einfach aus dem Blick (65. Minute).

Spannender war allerdings das erste Berliner Tor, über das Trainer Dardai später sagte, es sei "so schön" gewesen, dass man sogar "Gänsehaut" davon bekommen könnte. Was stimmte und deswegen nacherzählt werden darf: Nach einem Pass von Genki Haraguchi legte Vedad Ibisevic den Ball mit dem Außenrist zur Seite ab, Vladimir Darida nahm ihn an, drehte das Becken und traf zum 1:0 (32.). Als der Ball bereits im Tor lag, hatte mancher Stadionbesucher gedanklich noch nicht mitbekommen, dass die Berliner sich der Nürnberger Gefahrenzone genähert hatten. Ging eben alles sehr schnell, wenn die Hertha es drauf anlegte.

Dardai hat die Mannschaft geformt

Was die Berliner zeigten, war schlicht und einfach Fußball auf hohem Niveau. Dardai hat aus einer schwachen Bundesligamannschaft, die er im Sommer nur auf wenigen Positionen veränderte, eine physisch wie spielerisch starke Einheit in hervorragendem Fitnesszustand geformt.

Dabei ist der Fußball Dardaischer Prägung nur selten spektakulär. Da ist Vladimir Darida, der schon zu Freiburger Zeiten für einen Extremtechniker wahnsinnig viel arbeitete. Da sind die beiden Innenverteidiger Brooks und Langkamp, die mit dem Ball am Fuß genauso stark sind wie im Zweikampf in der Luft oder am Boden. Und da ist Mitchell Weiser, bei dem man hin und wieder vergisst, dass er eigentlich Verteidiger ist, weil sein Offensivspiel so druckvoll ist.

Doch stets ist die Handschrift eines Trainers zu erkennen, der sich offenbar sehr intensiv mit dem kommenden Gegner befasst. Beim 4:0 in Darmstadt schlug Hertha die Lilien mit ihren eigenen Waffen und hielt kämpferisch dagegen, in Nürnberg bewahrten die Berliner Ruhe und zogen im richtigen Moment das Tempo an.

Für die Hertha, die seit dem Weggang von Lucien Favre weder fußballerisch noch konzeptionell für irgendetwas Greifbares stand, ist dieser Pal Dardai jedenfalls ganz offensichtlich ein Glücksfall. "Wir haben schon vor, Fußball nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu spielen", sagte Dardai bei der Pressekonferenz nach dem Erfolg in Nürnberg. Hat prima geklappt. In der nächsten Runde wartet Zweitligist Heidenheim. Berliner Luft ist derzeit Höhenluft.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Es macht Freude,
bepamo 17.12.2015
Diese Hertha zu sehen und mitzuerleben, wie Dardai aus der Mannschaft ein Optimum herausholt. Anders als zu besseren Favre Zeiten, tritt man dabei sogar phasenweise wie ein echtes Spitzemteam auf und kontrolliert den Gegner. Bitte weiter so. Auch für die Bundesliga ist das eine positive Belebung.
2.
hotdog265 17.12.2015
Das heisst Dardaiismus ;-)
3. Mannschaft
Mondaugen 17.12.2015
Hertha funktioniert als Mannschaft, obwohl oder auch weil keiner herausragt. Diesmal waren Darida und Brooks die Torschützen, es hätten aber auch Kalou, Ibisevic oder Weiser sein können. Hertha ist schwer auszurechnen, weil es nicht reicht, 1 oder 2 Stars lahmzulegen. Wenn dann Baumjohann oder andere Langzeitverletzte wieder in Fahrt kommen hat Dardai noch mehr Auswahl.
4.
ersatzaccount 17.12.2015
Ich war in der letzten Saison ein paar mal im Stadion ohne einen Sieg sehen zu dürfen. Das mögen die gleichen Spieler sein aber es ist nicht die gleiche Mannschaft. Selten hat die Floskel "die sind nicht wiederzuerkennen" so auf ein Team gepasst. Höchst Erstaunlich.
5. Frechheit
Marc Anton 17.12.2015
Da gewinnt Hertha immer öfter obwohl das nicht zum derzeitigen (argumentativ teilweise an den Haaren herbeigezogen) Berlinbashingwahn dieser Hamburger Postille passt. Wär doch schön auch hierüber Skandale zu lesen. Los, findet was und schreibt solange daran rum, bis es passt. Und Danke an Forenbeitrag 1.
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