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05. Mai 2012, 22:41 Uhr

Fußball-Bundesliga

Berlin braucht eine Mauer

Aus Berlin berichtet Frank Hellmann

Hertha BSC darf wieder hoffen. Der Bundesligist rettete sich durch einen Sieg gegen Hoffenheim auf den 16. Tabellenrang. Coach Rehhagel fordert von den Fans eine Kehrtwende: Schluss mit Kritik, jetzt muss volle Unterstützung her.

Diesen Belagerungszustand hat Michael Preetz gerne ertragen. Entspannt wie selten lehnte sich der Geschäftsführer von Hertha BSC nach dem 3:1 (1:0)-Sieg gegen Hoffenheim im Halbdunkel an eine Stahltür und ließ in sein Gefühlsleben blicken: "Wir haben einem enormen Druck standhalten müssen. Das Team hat in unserer Situation eine großartige Leistung vollbracht."

Der 44-Jährige hat schwere Wochen hinter sich, schließlich führte Preetz mit seinem Missmanagement den Hauptstadtclub an den Rand des Abgrunds. Doch gerade noch rechtzeitig hat der Verein den Abstiegskampf für sich entdeckt und die beiden Relegationsspiele erreicht.

Der Abpfiff im nicht ausverkauften Olympiastadion kam einer gewaltigen Erlösung gleich, die auch Trainer Otto Rehhagel verspürte: "Der Tag stand unter der Überschrift 'Sieg oder Untergang'. Wir haben die Nervenbelastung ausgehalten." Beim 73-Jährigen schien die ungeheure Anspannung nur allmählich zu weichen.

"Haben noch nicht erreicht, was wir erreichen wollen"

Und wer sah, wie sich der verletzte Profi Maik Franz und Präsident Werner Gegenbauer vor der Kabine abklatschten, als hätten sie selbst auf dem Platz gestanden, konnte die Erleichterung erahnen, den sechsten Abstieg aus der Bundesliga zumindest vorläufig abgewendet zu haben.

"Die Hauptstadt muss in der Bundesliga bleiben, und die Leute müssen nun noch einmal wie eine Mauer hinter uns stehen", verlangte danach der Hertha-Trainer. Und Rehhagel wäre nicht Rehhagel, hätte er nicht am Tage des Triumphes den mahnenden Zeigefinger gehoben. "Heute dürfen sich Zuschauer und Spieler noch freuen, morgen früh müssen wir ganz auf die Relegationsspiele konzentrieren. Wir haben das erreicht, was wir erreichen mussten. Wir haben aber noch nicht erreicht, was wir erreichen wollen."

Rehhagel wird das Auslaufen unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Sonntag seinen Co-Trainern René Tretschok und Ante Covic überlassen. Der versponnene Nothelfer ("Ich träume davon, dass wir mal wieder so spielen wie der FC Barcelona") fliegt mit seinem Manager Preetz nach Düsseldorf, um das Zweitligaspiel der Fortuna gegen Duisburg (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu beobachten.

"Die Berliner Jungs haben uns geholfen"

Berlins Führungsriege glaubt, am Rhein den Kontrahenten um den letzten verbleibenden Platz in der Bundesliga beobachten zu können. In die für kommenden Donnerstag und den 15. Mai terminierten Entscheidungsspiele geht Hertha jetzt mit breiterer Brust. "Uns haben die Berliner Jungs geholfen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben", sagte Preetz und spielte auf Matchwinner Änis Ben-Hatira an, der das wichtige 1:0 (14. Minute) und das wegweisende 2:0 erzielte (78.). "Ich bin sehr erleichtert, dass es jetzt ein gutes Ende gibt", griff der 23-Jährige nun schon auf den möglichen Klassenerhalt vor.

Ben-Hatira hatte ebenso wie Fanol Perdedaj, 20, und Fabian Holland, 21, das Vertrauen von Coach Rehhagel geschenkt bekommen. Und die drei brachten jene jugendliche Frische, Lust und Leidenschaft in die in dieser Saison oft so leblos wirkende Hertha-Mannschaft.

Innenverteidiger Peter Niemeyer lieferte für den Glücksmoment eine religiöse Erklärung: "Wir können alles sehr froh, dass uns der liebe Gott nach einer so beschissenen Rückrunde noch die Chance gegeben hat, dem Abstieg von der Schippe zu springen." Draußen dröhnte derweil der Frank-Zander-Refrain "Nur nach Hause gehen wir nicht", zu dem sich die Fans in der Ostkurve in den Armen lagen. Einziger Wermutstropfen: Pierre-Michel Lasogga hat sich das Kreuzband gerissen und wird mindestens sechs Monate pausieren müssen. Der Stürmer fehlt damit in den so wichtigen Relegationspartien.

Erwähnt werden muss, dass mit 1899 Hoffenheim ein nur bedingt kampfbereiter Gegner erschienen war. Der wegen seiner Berliner Entlassung immer noch tief gekränkte Trainer Markus Babbel, der sich nach der Pressekonferenz zu einem kurzen Händedruck mit Preetz durchrang, ertrug die Niederlage mit Fassung: "Uns haben die Gier und die letzten zwei, drei Prozent gefehlt." Zudem rüffelte der 39-Jährige seinen niederländischen Freigeist Ryan Babel, der mitten in der besten Gästephase die Gelb-Rote Karte sah (41.). "Das war undiszipliniert. Dazu darf er sich nicht hinreißen lassen."

Hertha BSC - 1899 Hoffenheim 3:1 (1:0)
1:0 Ben-Hatira (14.)
2:0 Ben-Hatira (78.)
2:1 Compper (85.)
3:1 Raffael (90.+2)
Hertha BSC: Kraft - Janker (79. Rukavytsya), Niemeyer, Hubnik, Holland - Perdedaj (44. Ronny), Kobiaschwili - Ebert, Raffael, Ä. Ben-Hatira - Lasogga (61. Ramos)
1899 Hoffenheim: T. Starke - A. Beck, Vestergaard, Compper, Johnson - D. Kaiser (87. Musona), S. Rudy - Vukcevic, Salihovic (62. Mlapa), Babel - Schipplock (62. Braafheid)
Schiedsrichter: Kinhöfer
Zuschauer: 51.837
Gelbe Karten: Perdedaj, Lasogga - D. Kaiser, Mlapa
Gelb-Rot: - Babel (41./Unsportlichkeit)

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