Hertha-Sieg in Heidenheim "Ein Chaosspiel. Eine Stresssituation."

Die Profis von Hertha BSC träumen vom ersten Finaleinzug im DFB-Pokal seit 37 Jahren. Nach dem Erfolg in Heidenheim wirkten sie jedoch seltsam abwesend. Der Grund: Ein ganz besonderer Druck.

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Von Christoph Leischwitz, München


"Der Nächste, bitte". So stand es in weißer Schrift auf den blauen T-Shirts, die sich die Spieler von Hertha BSC am Mittwochabend angezogen hatten. Gerade hatten sie den Zweitligisten 1. FC Heidenheim im Viertelfinale des DFB-Pokals 3:2 (2:1) geschlagen. Was zu diesem selbstbewussten Spruch auf der Brust gepasst hätte, wäre Freude gewesen über das Erreichte: den ersten Berliner Sieg des Kalenderjahrs 2016 nach drei Unentschieden. Und, viel wichtiger: über den ersten Pokalhalbfinaleinzug seit 1981.

Darüber hinaus hatte die Mannschaft überlegen gespielt, Vedad Ibisevic war ein Doppelpack gelungen, und der Japaner Genki Haraguchi, sonst eher bekannt für eine schlechte Chancenverwertung, hatte nach einem Sololauf getroffen. Kurz: Es bot sich ein idealer Anlass, mal ein bisschen die Sau rauszulassen.

Doch die meisten Spieler wirkten seltsam abwesend. Während die rund 1500 Fans, die mitgereist waren auf die Ostalb, hüpften und lauthals vom Pokalsieg träumten, riss auf dem Feld niemand die Arme in die Höhe. Es waren auch keine Gesänge aus der Kabine zu hören, die Analysen fielen trocken aus. "Überlegener kann man nicht agieren", sagte Rechtsverteidiger Mitchell Weiser. Doch er verzog dabei das Gesicht, als ob er immer noch im Heidenheimer Schneesturm stehen würde, der in der zweiten Halbzeit durch die kleine Arena gefegt war.

Beim Finale in Berlin war Hertha nie dabei

Trainer Pál Dárdai kennt den Grund für die Zurückhaltung. Selbst bei Überlegenheit lastet ein Druck auf der Mannschaft, der so kurz nach dem Spiel noch nicht abgefallen ist. "Wir reden immer darüber, wie wichtig er für den Verein ist", sagte Dárdai über den Pokalwettbewerb. Dass die Mannschaft noch kein einziges Mal das Finale erreicht hat, seitdem es im heimischen Stadion ausgetragen wird (seit 1985), ist eine Bürde. Dass es einmal der zweiten Mannschaft von Hertha gelang (im Jahr 1993), schmälert die Erwartungen auch nicht gerade.

Diese Erwartungen sind in den vergangenen Monaten sogar noch gestiegen. Auf der einen Seite träumt die Hertha in der Bundesliga von einer Champions-League-Platzierung. Andererseits warteten im Pokal bislang ausschließlich Zweitligisten. Ein Ausscheiden wäre nicht nur schade gewesen, sondern stets auch peinlich.

Deshalb benannte Dárdai nach dem Viertelfinale ganz deutlich, was diese Partie für seine Spieler bedeutete: "Ein Chaosspiel. Eine Stresssituation." Den Fans sei der Pokal ungemein wichtig. "Und ohne die Fans können wir nichts machen. Das Olympiastadion ist riesig, wir wollen es irgendwann mal wieder vollbekommen", sagte der 39-Jährige. Es geht also darum, beliebter zu werden, die Identifikation in der Stadt mit dem Traditionsklub zu erhöhen.

Auf dem Rasen ist der Druck fast nie zu sehen

Kurios ist, dass der Druck auf dem Platz fast nie zu sehen ist. Die Mannschaft hat großes Vertrauen in die Spielidee ihres Trainers entwickelt, vieles wirkt durchdacht und organisiert. Das Spiel nach vorne ist variabel und passsicher, was auch Heidenheims Trainer Frank Schmidt nach dem Spiel anmerkte: "Wir hätten am Schluss vielleicht noch das 3:3 erzielen können. Aber wenn man ehrlich ist - ich finde, Hertha war einfach die bessere Mannschaft." Die sich auch von einem frühen Rückstand nicht schockieren ließ: Dem 0:1 durch Arne Feick ließ der unbeeindruckte Vedad Ibisevic zwei Tore folgen (14. Minute, 21.).

Doch die Mannschaft schafft es noch oft genug, sich selbst in Zugzwang zu bringen. Beim Führungstreffer nach einem Eckball sah Torwart Rune Jarstein unglücklich aus. Und in der 81. Minute machte der sonst starke Weiser mit einem Foul im eigenen Strafraum die Partie noch einmal spannend - Marc Schnatterer erzielte mit dem fälligen Strafstoß den Anschlusstreffer. "Sehr dumm", fand Weiser seine Aktion später selbst, er wisse auch nicht, was er sich dabei gedacht habe. "Eigentlich haben wir zwei Eigentore geschossen", sagte Dárdai. Die jungen Spieler hätten diesmal wieder die Möglichkeit bekommen, zu lernen.

"Der Nächste bitte", das wirkte nun aus zweierlei Hinsicht kühn. Zum einen hatte auch Ibisevic das T-Shirt angezogen, und der nächste Gegner lautet VfB Stuttgart, am Samstag in der Bundesliga. Über diesen Gegner wollte Ibisevic aber nicht reden, er hat offensichtlich keine guten Erinnerungen an seinen Ex-Klub. Und im Pokalwettbewerb ist der nächste Gegner Borussia Dortmund. Kein Zweitligist mehr, dafür endlich ein Spiel zu Hause. Das so herbeigesehnte Finale wäre für Herthas BSC dann das erste seit 37 Jahren.

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insgesamt 5 Beiträge
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uksubs 11.02.2016
1. nicht hoch genug
ist einzuschätzen, was dardai da gemacht hat. zunächst hat er mit einer stabilen defensive den abstieg verhindert. dann hat er nach und nach mit taktischer präzision auch die offensive stark gemacht und sehr gute einkäufe getätigt. dass hertha da steht, wo sie stehen, ist alles andere als unverdient, jedes spiel mehr zeugt von einem sehr durchdachten plan. hut ab, dardai!
spon-facebook-1261351808 11.02.2016
2. respekt vor der alten dame!
wie dardai hertha innerhalb weniger monate zu einer wirklich guten mannschaft geformt hat, gebührt jeden respekt! weiter so!
Fliegerviertel 11.02.2016
3. Hertha_Dardai
...das Dardai Hertha-Rekordspieler ist, dazu "berlinerischer", als viele Berliner und er im Verein bleiben würde, selbst wenn es eines Tages im aktuellen Job nicht mehr passen sollte, macht ihn unangreifbar. Dazu hat er Mut und Fortune ... guten Humor, - ein schöne Situation für die Hertha !
ekel-alfred 11.02.2016
4. Auslosung !
Die Auslosung ist eine einzige Katastrophe...die Dortmunder müssen jetzt drei Mal nach Berlin ins Olympiastadion in dieser Saison.
retterdernation 11.02.2016
5. Hertha bleibt in Berlin...
und muss nirgendwo hinfahren - so - oder so... also sind wir so oder so die Gewinner, hehe ...
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