DFB-Bundesgericht zu Hertha-Niederlage: Otto, der Boss und der Weltkrieg
Zehn Stunden verhandelte das DFB-Bundesgericht über den Protest von Hertha BSC gegen die Wertung des Düsseldorfer Skandalspiels - am Ende bestätigte es das Urteil der ersten Instanz, die Berliner steigen ab. Otto Rehhagel bemühte Erinnerungen aus dem Krieg, Bruce Springsteen gab den Soundtrack dazu.
Als die Verhandlung des DFB-Bundesgerichts zur Wertung der Relegation in die neunte oder zehnte Stunde ging, wehte Musik herüber. Bruce Springsteen war im benachbarten Frankfurter Stadion zu Gast. Und immer wenn es im Verhandlungssaal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Freitagabend stiller wurde, meinte man den "Boss" von nebenan zu hören. Als Bundesrichter Götz Eilers um 22.41 Uhr nach einem wahren Verhandlungsmarathon das Urteil verkündete, hätte Springsteen auch die passende Hymne dafür parat gehabt.
"No Surrender" wäre möglicherweise angemessen, aus Berliner Sicht hätte es auch "It's a Shame" sein können. Das Bundesgericht hat den Protest von Hertha BSC gegen die Wertung der Skandalpartie bei Fortuna Düsseldorf zwar abgewiesen und damit den erstinstanzlichen Spruch des DFB-Sportgerichts bestätigt - was bedeuten würde: Hertha muss in die zweite Liga absteigen, Düsseldorf schafft den Sprung in die Bundesliga. Aber die Berliner behalten sich weitere Schritte gegen das Urteil vor. Die Mitgliederversammlung in der kommenden Woche soll nun wohl darüber befinden, ob man das Urteil annimmt oder vor dem ständigen Schiedsgericht des DFB anfechtet. "Tomorrow Never Knows" heißt es in einem Springsteen-Song.
Zuvor war eine teilweise turbulente Sitzung des Bundesgerichts zu Ende gegangen - eine Sitzung, in der vor allem die Berliner noch einmal versuchten, alle Register zu ziehen. Die geladenen Hertha-Zeugen bemühten sich nochmals, auf die Angst hinzuweisen, die sie bei dem Platzsturm der Fortuna-Fans in der Nachspielzeit überkommnen habe. Wobei dies nur teilweise überzeugend gelang, wenn Kapitän André Mijatovic beteuert, er habe "Fußball-Angst" gehabt, und Trainer-Oldie Otto Rehhagel bekundet, er habe "Halb-Angst" verspürt. "Fear Is a Powerful Thing", weißt der "Boss".
Rehhagel erinnert an den Bombenkrieg
Überhaupt war es der 73-jährige Rehhagel, der bei der Berufungsverhandlung für die Aufreger sorgte. Der Coach zog seine Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg, als "ich als Fünfjähriger im Keller gesessen habe", als Vergleich heran und sprach vom "Ausnahmezustand". So etwas habe er "in 40 Jahren als Trainer nicht erlebt". Der Düsseldorfer Anwalt Jörg Kletke hatte es anschließend leicht, die martialische Rhetorik des Alt-Trainers scharf zu verurteilen. Es gebe "keinen Anlass, dieses Spiel mit den Bombenwürfen aus dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen". Eine Steilvorlage für Springsteen: "War - What Is It Good For. Absolutely Nothing."
Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt hatte bis zuletzt Hoffnungen auf eine Prozesswende geschürt. Noch kurz vor dem Urteil hatte er unter den tapfer ausharrenden Journalisten gestreut, Eilers habe ihm versichert, es werde ganz eng. Beim anschließenden Urteilsspruch war davon jedoch nicht mehr viel zu verspüren: "Die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters stand nicht in Zweifel. Eine Schwächung der Berliner Mannschaft ist nicht erwiesen", so der Vorsitzende Richter in der eindeutigen Begründung.
"Jetzt gehen wir erst mal schlafen"
Schickhardt hatte das Relegationsspiel und seine Umstände zuvor als einen "Totalschaden für den deutschen Fußball" bezeichnet und sogar eine Wertung des Spiels zu Gunsten der Hertha verlangt. Damit jedoch drang er in keiner Weise durch. Um es mit Springsteen zu sagen: "Wrong Side of the Street."
Zehn Stunden Verhandlung - danach waren auch die Hertha-Verantwortlichen nicht mehr in der Lage, definitiv zu sagen, wie sie nach dem Urteilsspruch vorgehen wollen. Während die Springsteen-Fans sich an "Prove It All Night" erfreuen konnten, wollte Hertha-Präsident Werner Gegenbauer zunächst nur noch eins: "Jetzt gehen wir erst mal schlafen."
Schickhardt hatte zuvor allerdings schon durchblicken lassen, dass man - wenn das die Einspruchsfrist zulässt - die Mitglieder entscheiden lassen wolle. Am kommenden Dienstag findet die mit Spannung erwartete Hertha-Hauptversammlung statt. An sich ging man davon aus, dass dieser Abend zur Generalabrechung mit dem wiederholt unglücklich agierenden Manager Michael Preetz werden könnte. Jetzt gibt es ein neues Thema, das die Hertha-Familie beschäftigen soll: aufgeben oder weitermachen.
So lange bleibt die Relegation trotz des Urteils eine Hängepartie. Otto Rehhagel muss seinen lange angekündigten Urlaub möglicherweise noch einmal verschieben. "Walk like a Man", fordert Springsteen.
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- Samstag, 26.05.2012 – 00:20 Uhr
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| Die bisherigen Relegationsspiele zur Bundesliga | |||
| Jahr | Erstligist | Zweitligist | Ergebnis |
| 1982 | Bayer Leverkusen | Kickers Offenbach | 1:0/2:1 |
| 1983 | FC Schalke 04 | Bayer Uerdingen | 1:3/1:1 |
| 1984 | Eintracht Frankfurt | MSV Duisburg | 5:0/1:1 |
| 1985 | Arminia Bielefeld | 1. FC Saarbrücken | 0:2/1:1 |
| 1986 | Borussia Dortmund | Fortuna Köln | 0:2/3:1/8:0 |
| 1987 | FC Homburg | FC St. Pauli | 3:1/1:2 |
| 1988 | SV Waldhof Mannheim | Darmstadt 98 | 2:3/2:1/5:4 i.E. (0:0) |
| 1989 | Eintracht Frankfurt | 1. FC Saarbrücken | 2:0/1:2 |
| 1990 | VfL Bochum | 1. FC Saarbrücken | 1:0/1:1 |
| 1991 | FC St. Pauli | Stuttgarter Kickers | 1:1/1:1/1:3 |
| 2009 | Energie Cottbus | 1. FC Nürnberg | 0:3/0:2 |
| 2010 | 1. FC Nürnberg | FC Augsburg | 1:0/2:0 |
| 2011 | Bor. Mönchengladbach | VfL Bochum | 1:0/1:1 |
| 2012 | Hertha BSC | Fortuna Düsseldorf | 1:2/2:2 |
| 2013 | 1899 Hoffenheim | 1. FC Kaiserslautern | 3:1/2:1 |
- Skandalspiel von Düsseldorf: Hertha scheitert auch vor DFB-Bundesgericht (25.05.2012)
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