Hexenmeister in Afrika: Fußball von allen guten Geistern verlassen

Sie setzen auf Kräuter und grüne Pulver, um Gegner einzuschüchtern oder um das Tor zu vernageln: Traditionelle Heiler mischen Afrikas Fußball auf. Doch nicht immer geht die Zauberei gut. Thilo Thielke hat die kuriosesten Beispiele für Hexerei im Ballsport zusammengetragen.

Selbsternannter Hexer James Kabogoza: Übernatürliche Kräfte? Zur Großansicht
Thilo Thielke/Verlag DIE WERKSTATT

Selbsternannter Hexer James Kabogoza: Übernatürliche Kräfte?

Aliyu Mbenkem und Julienn Aboubé sind von ihrer Hexenkraft überzeugt. Die beiden Wunderheiler leben in einem kamerunischen Dorf namens Akolinga, das ungefähr drei Autostunden nordöstlich von Yaoundé entfernt liegt. Ich bin mit zwei Kollegen unterwegs. Wir wollen einen Besuch abstatten bei zwei Menschen mit Kontakt zu den Ahnen, zwei Naturheilern. Wir wollen mehr über ihre Kraft erfahren: Können sie den Ausgang von Fußballspielen beeinflussen?

"Das ist Kleinkram. Ich werfe ein paar Muscheln, und nehme im Geist Kontakt mit dem Spielfeld auf, dann wird das eigene Tor vernagelt und das der Gegner sperrangelweit geöffnet." Mehr Details will uns der Zauberer Mbenkem nicht verraten. Keine Namen von Vereinen, keine bestimmten Spiele. Wir bedanken uns für die Einführung und fahren weiter.

Wie geht man aber mit dem Zirkus um, wenn man selber davon betroffen ist? Der Fußballentwicklungshelfer Holger Obermann entschied sich in den achtziger Jahren als Trainer des Teams vom FC Wallidan aus Banjul, der Hauptstadt Gambias dafür, seine Zweifel zu ignorieren und einfach mitzuspielen. Kurz bevor die Mannschaft im Westafrika Cup der Pokalsieger auf den Vertreter Sierra Leones treffen sollte, herrschte plötzlich Panik.

Winnie Schäfers Co-Trainer wegen Hexerei verhaftet

"Ich bin auf vieles vorbereitet, nur nicht darauf", schreibt Obermann in seinen Memoiren, "Biri zeigt voller Angst auf ein grünes Pulver, das, in unregelmäßigen Abständen ausgestreut, den schmalen Pfad hinüber zum Stadion bedeckt. Ich denke an ein Waschmittel, vielleicht auch an Farbpulver. 'Der Weg ist verhext!', ruft Biri ganz aufgeregt, und die übrigen Spieler stimmen dem sofort zu." Nein, da gehen sie jetzt nicht mehr lang, sie sind ja nicht blöd, sich mit übernatürlichen Mächten anzulegen. Kommt gar nicht in Frage. Die Mannschaft rebelliert. Obermann schwitzt. "Jetzt heißt es handeln."

Um das Spiel nicht zu verpassen, treibt der Coach seine Jungs in einen Omnibus, setzt sich selbst ans Steuer, brettert im "Höllentempo über die schmale Wegstrecke", alle "werden durchgeschüttelt wie auf einem Traktor", sogar "Staub wirbelt auf". Ein paar Minuten vor Spielbeginn kommen sie an und gewinnen 2:0. Glück gehabt.

Aber es geht natürlich nicht immer gut aus. Winnie Schäfer musste beim Afrika Cup in Mali auf seinen Co-Trainer Thomas Nkono verzichten, weil der vor dem Halbfinale Knochen unter dem Rasen vergraben haben und ein seltsames Elixier verspritzt haben soll, um das Spielfeld zu verzaubern. Publikumswirksam wurde die Torwartlegende vor laufenden Kameras verhaftet und in Handschellen abgeführt. Die Nacht musste Nkono in Polizeigewahrsam verbringen. Und damit hatte er noch Glück gehabt. Weil Spieler des Halbfinalgegners sein frevelhaftes Tun beobachtet hatten, hatte ihm sogar eine Abreibung gedroht.

Die Sache mit den Geistern geht dem Verband auf den Geist

Welcher Teufel auch immer Nkono da geritten haben mag. Zumindest sein ehemaliger Mannschaftskamerad Roger Milla will von dem ganzen Zauber nicht viel wissen. "Diese Magie im Fußball gibt es doch gar nicht", sagte er einmal recht listig dem Reporter von "France Football", "und der Beweis dafür ist Kamerun. Wir sind nicht gerade die Champions, was Hexerei angeht, aber unser Fußball ist besser als der, der dort gespielt wird, wo die Magie so stark ist, in Ländern wie Benin, Togo oder Nigeria."

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Fußball und Hexerei in Afrika: Besuch im Schattenreich
Dem afrikanischen Verband, der "Confederation of African Football", geht die Sache mit den Geistern mittlerweile derart auf den Geist, dass er die Hexerei kurzerhand verbot. Keine Substanzen dürfen mehr auf dem Spielfeld ausgeschüttet werden, kein Witchdoctor darf mehr auf der Bank sitzen. Maßgeblich für diese Ordnungsmaßnahme war wohl eine Partie der ruandischen Nationalmannschaft gegen die Elf aus Uganda gewesen.

Fünfmal hatten die Cranes das Tor des Ruanda-Keepers knapp verfehlt oder gegen den Pfosten geschossen, sie hatten beste Gelegenheiten ausgelassen, ja, es war sprichwörtlich verhext gewesen, wie man oft gedankenlos sagt, doch dann fanden sie endlich heraus, welche Bewandtnis es mit ihrer überraschenden Abschlussschwäche tatsächlich auf sich hatte. Natürlich lag es nicht an der eigenen Unzulänglichkeit, Pustekuchen, - sondern an einem Paar Ersatzhandschuhe, das im Netz des ruandischen Keepers gebaumelt und das Tor "vernagelt" hatte: "Magic hands! Witchcraft! Sauerei!", schrie das Volk. Es kam zu Tumulten. Die Spieler prügelten sich. Die Zuschauer stürmten das Feld. Fünf Stunden dauerte der Zirkus. Dann gingen die Ruander als 1:0-Sieger vom Platz.

Entschuldigung vom Verteidigungsministerium

Legendär ist auch die Geschichte, die man sich über die Elfenbeinküste erzählt. Als deren Team 1992 den Africa Cup of Nations im Endspiel gegen Ghana 11:10 nach Elfmeterschießen gewann, schrieben die Fans das dem guten Zauber der vom Sportministerium engagierten Hexenmeister zu. Nach dem Turnier jedoch klagten die Magier, ihre Kunst sei zwar vom Minister bestellt, aber nie entgolten worden.

Drum verfluchten sie die Mannschaft nach dem Pokalsieg, und tatsächlich konnten die "Elefanten", wie die Spieler der Nationalmannschaft genannt werden, in den nächsten Jahren nie wieder an die alten Leistungen anknüpfen. Nach zehn langen Jahren entschuldigte sich der Verteidigungsminister des Landes bei den beleidigten Hexenmeistern dafür, "dass die Versprechen 1992, nach dem Africa Cup, nicht gehalten wurden", bot 2000 Dollar Kompensation und bat die Zauberer, nun endlich wieder tätig zu werden: "für die Republik und den Sportminister".

"Sie verbiegen die Linien, verzaubern den Ball, benebeln die Unparteiischen, lähmen die Torjäger", weiß der "Zeit"-Korrespondent Bartholomäus Grill, und manchmal trieben sie auch jenseits des Spielfeldes ihr Unwesen: "Als zum Beispiel Shamo Quaye, der in Schweden als Profi unter Vertrag stand, nach Ghana heimkehrte, um bei seinem alten Verein Restschulden einzutreiben, wurde er beim Nachtmahl von einer Giftschlange gebissen. Er starb auf dem Weg ins Hospital. Das ganze Land hatte nur eine Erklärung: juju, fauler Zauber."

"Wie es bei jedem deutschen Verein einen Masseur gibt, gibt es eben bei jedem afrikanischen einen Hexenmeister", sagt Anthony Baffoe, ehemaliger Bundesligaprofi, ghanaischer Nationalspieler und mittlerweile Fußballfunktionär beim ghanaischen Verband. Der deutsche Filmemacher Oliver Becker war sogar dabei, als sich tansanische Kicker auf dem Grab eines verstorbenen Kollegen mit Hühnerblut einrieben, um sich auf diesem Weg dessen Dribbelkünste anzueignen. Und das "Botswana Sports Magazine" fühlt sich bemüßigt, seine Leser darauf hinzuweisen: "Es gibt keinen Beweis dafür, dass Fußballspiele durch Hexerei allein gewonnen werden können." Durch Hexerei allein!

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Forum - WM-Jahr 2010 - was bringt das Turnier für Südafrika?
insgesamt 6 Beiträge
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1. World cupin Süd-Afrika
Ein nördlicher Beobachter 27.12.2009
Was für ein eifriges Talk hier... Warum so?? Interessieren sich die Deutschen nicht für Fussball ? Ich glaube, Süd-Afrika steht einige Wochen im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber sonst nichts. So ist es, leider.
2. Nachdem der erste...
Toradac 28.12.2009
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
...Post gestern aus welchen Gründen auch immer mal wieder nicht durchgegangen ist, der zweite Versuch: Was ist das für ein leeres und inhaltsloses Thema? Dabei kann man doch nur "rumschwallen". Hattet Ihr über Weihnachten Langeweile?
3.
Brieli 28.12.2009
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Löwen, Sand und Hitze
4.
malbec freund 28.12.2009
Zitat von BrieliLöwen, Sand und Hitze
Sysop, ich bitte Sie schließen Sie das Thema JETZT. Danke.
5. Bitte?
ohmscher 13.05.2010
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Bei diesen seltsamen Fragen ohne sichtbaren Zusammenhang kann ich die rege Beteiligung hier verstehen. Ja, Wissenschaftler haben mal herausgefunden, dass 2,78 Jahre nach einer Fußball-WM im Gastgeberland mit 56,22% Wahrscheinlichkeit ein Wirtschaftsaufschwung wie in Griechenland nach der Olympiade 2000 stattfindet, aber das hilft mir beim Verständnis der Fragen auch nicht.
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Gefunden in
Thilo Thielke
"Traumfußball - Geschichten aus Afrika"
Verlag Die Werkstatt, 2009, 224 Seiten, Hardcover, mit vielen Farbfotos, Euro 24.90

www.werkstatt-verlag.de

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