Heynckes bei Bayern: "Luca, hinten helfen!"
Knappe Kommandos für die Mannschaft, Ermahnungen für die Stars Luca Toni und Franck Ribéry: Bei seinem ersten Training in München verschaffte sich Bayerns neuer Coach Jupp Heynckes Respekt durch strenge Autorität - und wirkte damit wie die Antithese zu Jürgen Klinsmann.
Hermann Gerland hat einen großen Zettel in der Hand. Mit noch größeren Schritten misst er auf dem Trainingsplatz an der Säbener Straße Abstände für die weißen Hütchen, die später als Markierungspunkte dienen sollen. In den Sechzehn-Meter-Raum stellt er elf Hütchen, von der Seitenlinie betrachtet ähneln sie einem H. H wie Hermann. Oder Heynckes. Schon während der Pressekonferenz hatte der neue Assistenztrainer des FC Bayern München erzählt, "ich werde Heynckes assistieren, ich werde machen, was er mir sagt". Sein neuer Chef betritt mit der Mannschaft erst rund 45 Minuten später den Rasen, Gerland trägt die Bälle.
Jupp Heynckes ist ein autoritärer Trainer, man merkt es gleich. Eine kurze Ansprache im Spielerkreis, schnell noch Begrüßungsbilder mit Hermann Gerland für die Presse. Dann beginnt Heynckes' erstes Training für die Bayern seit 1991, als er nach vierjähriger Amtszeit und zwei Meistertiteln von Uli Hoeneß gefeuert wurde. Das Lauftraining lässt er noch die Fitnesstrainer Marcelo Martins und Thomas Wilhelmi machen, doch die komplexe Passübung und die anschließende Spielform auf dem Kleinfeld steuert er selbst. Tausend Zuschauer und viele Objektive beäugen ihn.
Mittags war es im Medienzentrum noch voller gewesen als am Montag, dem Tag der Entlassung Klinsmanns. Als Heynckes hinter Uli Hoeneß ins Medienzentrum kam, sagte er "Grüß Gott". Heynckes hat Gespür für den Moment. Ein stilvoller grauer Anzug, die Haare ein wenig grauer, aber noch immer akkurat nach hinten geföhnt. Seriösität. Und noch immer hat Heynckes diesen stechenden Blick: "Ich bin auf dem falschen Fuß erwischt worden", sagt er bezüglich der Anfrage der Bayern, bei ihnen Feuerwehrmann zu spielen. So einen Job hatte er noch nie übernommen. "Es ist nicht meine Lebensplanung gewesen auszuhelfen." Die Freundschaft zu Uli Hoeneß und die Liebe zu den Bayern haben ihn überrumpelt.
Auf dem Platz hinkt Heynckes ein wenig mit dem rechten Bein, ein Ausdruck seiner "gesundheitlichen Odyssee in den vergangenen eineinhalb Jahren, die aber vorbei ist". Die Verletzung hält ihn nicht davon ab, während einer Spielform zwischen den Gruppen hin- und herzulaufen und immer wieder lautstark Anweisungen zu geben: "Luca, helfen hinten, der Marc ist doch vorne, hinten helfen!"
Die 18-jährige Gabriela, die eine rote Bayern-Mütze trägt und normalerweise in der lauten Südkurve der Bayern steht, staunt: "Die Profis laufen viel disziplinierter und trauen sich nicht mehr, so viel Mist zu machen. Heynckes ist strenger, nicht so nett wie Klinsmann." Dennoch hätte sie dem alten Trainer die restlichen fünf Spiele noch zugestanden. "Was soll Heynckes in der kurzen Zeit bewirken, er kennt die Spieler doch gar nicht richtig."
Auf der anderen Seite des Platzes beobachtet Thomas Schiefer das Training. Er ist froh über den Wechsel: "Ich bin wie so viele total erleichtert. Klinsmann hat die Mannschaft nicht mehr erreicht und die Big Points nicht gesammelt." Vielleicht müsse man einfach zurück zu den "Basics", um Erfolg zu haben.
Heynckes lässt seine Spieler lange Pässe üben, den Ball hochhalten, dribbeln, schießen. Er spricht Deutsch. Er straft Ribéry und Toni mit einem strengen Blick, als sie kurz Faxen machen. Er zeigt den Profis, wer das Sagen hat. Heynckes ist die Antithese zu Klinsmann, der am Ende bei allen seine Autorität verlor.
Heynckes war bei Real Madrid, gewann die Champions League und geriet in die Konflikte der Bosse, er war bei Gladbach und erhielt Morddrohungen, er sammelte Meistertitel mit den Bayern. Klinsmann war "nur" der Reformer, der Visionär, doch er war zugleich ein Novize. Dass seine Trainingsmethoden womöglich moderner sind als die von Heynckes, spielt in den wenigen Wochen bis Saisonende keine Rolle. Es gilt, Vertrauen zu schaffen und Siege.
"Unser Ziel muss es sein, die Qualifikation für die Champions League zu erreichen", hatte Heynckes bei der Pressekonferenz gesagt. Nun hat er vier Wochen Zeit und kann, wenn es perfekt läuft, sogar wieder Meister werden. Zum dritten Mal. Oder, wenn es nicht so gut läuft, Fünfter. Für ihn geht es dabei um nicht sehr viel. Ende Mai kehrt er München den Rücken und in den Ruhestand zurück, wenn es stimmt, was der Vorstand und er selbst beteuern.
Doch für die Bayern geht es um alles. Um ihren Ruf, um Geld, darum, die Spieler zu halten. "Von Samstag an haben wir fünf Endspiele vor der Brust und der beste Trainer der Welt nützt uns wenig, wenn wir im Uefa Cup spielen", sagte Uli Hoeneß noch. Er meinte nicht Heynckes, sondern den zukünftigen Coach, auf dessen Spuren sich die Verantwortlichen nun machen werden. Zunächst bleibt ihnen nichts als Heynckes und die Hoffnung.
Während des Trainings stehen zwei Männer in hellblauen Hemden oben auf der Dachterrasse des neuen Trainingszentrums und schauen zu. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge wollen wohl einfach sichergehen, dass da unten auf dem Platz ein wenig Ordnung zurückkehrt.
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