Hintergrund: Der Bundesliga-Skandal von 1971

Der Bundesliga-Skandal von 1971 war bislang das schwärzeste Kapitel des deutschen Profifußballs. Einen Tag nach dem Abstieg der Offenbacher Kickers aus der Bundesliga lieferte OFC-Präsident Horst-Gregorio Canellas mit aufgezeichneten Telefonaten Beweise, dass in Bundesliga gegen Geld Spiele verschoben wurden.

Am 6. Juni 1971, einen Tag nach der Meisterfeier von Borussia Mönchengladbach und einen Tag nach dem Abstieg von Rot-Weiß Essen und Kickers Offenbach, ließ der damalige Präsident von Kicker Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, an seinem 50. Geburtstag die Bombe platzen, die den deutschen Profi-Fußball in seinen Grundfesten erschütterte.

Canellas (M.) während der Grillparty anlässlich seines 50. Geburtstages: Den deutschen Fußball bis in seine Grundmauern erschüttert
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Canellas (M.) während der Grillparty anlässlich seines 50. Geburtstages: Den deutschen Fußball bis in seine Grundmauern erschüttert

Der 1999 verstorbene Südfrüchte-Händler brachte mit dem Druck auf die Taste seines Tonbandgerätes die ungeheuerlichsten Bestechungsversuche und deren Ausführungen ans Tageslicht. Ungläubige Ohrenzeugen des beispiellosen Vorgangs während der Grillparty waren unter anderen der damalige Bundestrainer Helmut Schön und DFB-Liga-Sekretär Wilfried Straub - heute geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Fußballliga (DFL).

Als "Agent provocateur" brachte Canellas eine Ermittlungs-Lawine ins Rollen, die dem Vorsitzenden des DFB-Kontrollausschusses, Hans Kindermann, den Beinamen "Großinquisitor" einbrachte. Im Zuge der akribischen Aufklärungsarbeit des heute im Alter von 82 Jahren im Ruhestand lebenden Vorsitzenden Richters am Landgericht Stuttgart wurde der Skandalsumpf nach rund vier Jahren weitgehend trockengelegt.

Die Spitze des Eisberges

Kindermann erhielt während seiner fast zweijährigen Aufklärungsarbeit ("Wenn wir das Vertrauen nicht wieder zurückgewinnen, ist der Fußball tot") ernstzunehmende Morddrohungen. Denn zu vertuschen gab es genug: Das auf traurige Weise legendäre "Geldspiel" am 17. April 1971 zwischen Schalke 04 und Arminia Bielefeld, in dem die abstiegsbedrohten Gäste ihren 1:0-Sieg zuvor mit 40.000 Mark oder 2300 Mark pro Schalker Spieler erkauft hatten, war nur die Spitze des Eisbergs. Am letzten Spieltag wurden in Berlin beim Spiel Hertha BSC Berlin und Arminia Bielefeld (Endstand 0:1) eine Viertelmillion Mark Schmiergeld an die Hertha-Spieler gezahlt. Bielefeld rettete sich durch den Sieg vor dem Abstieg in die Regionalliga (die 2. Fußball-Bundesliga gab es damals noch nicht). Insgesamt floss im Abstiegskampf über eine halbe Million Mark Bestechungsgeld.

Der Imageschaden für die Fußball-Bundesliga war immens: In der Spielzeit 1971/72 ging die Zuschauerzahl um 800.000 zurück, im Jahr darauf sogar um 1,3 Millionen.

Nach den Canellas-Enthüllungen reagierte der DFB in der Sommerpause zunächst mit Blitzurteilen gegen den OFC-Präsidenten und die Hertha-Spieler Tasso Wild, Bernd Patzke und Kölns Torwart Manfred Manglitz in der Hoffnung, die Sache möglichst schnell unter den Teppich zu kehren. Schließlich war der DFB voll mit der Vorbereitung der WM 1974 beschäftigt. Doch die Fußball-Funktionäre rechneten nicht mit dem Kampfgeist des temperamentvollen OFC-Präsidenten, der sich vom DFB ungerecht behandelt fühlte. Nach akribischer Detektivarbeit lieferte Canellas dem DFB immer neue Beweise, die anschließend eine Prozesslawine ins Rollen brachte, die sich über Jahre erstreckte.

VfB-Spieler als erste geständig

Nach monatelanger Skandal-Schlagzeilen im Herbst 1971 stand fest, dass außer Schalke sowie Bielefeld und Offenbach auch Hertha BSC Berlin, der MSV Duisburg, VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Rot-Weiß Oberhausen und Eintracht Braunschweig in die Verschiebung von Spielen verwickelt waren. Die ersten Spieler, die zugaben absichtlich gegen Geld verloren zu haben, waren die Stuttgarter Spieler Hans Eisele, Hans Arnold und Hartmut Weiß. Die Vorgänge beim VfB erlebte der heutige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder damals als junger Funktionär in vorderster Front mit.

Hertha-Spieler Tasso Wild, Bernd Patzke, Kölns Torwart Manfred Manglitz bei der DFB-Urteilsverkündung im Juli 1971
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Hertha-Spieler Tasso Wild, Bernd Patzke, Kölns Torwart Manfred Manglitz bei der DFB-Urteilsverkündung im Juli 1971

In Mammutprozessen verhängte der Verband gegen 53 Profis, die Trainer Egon Piechaczek (Bielefeld) und Günther Brocker (Oberhausen) Sperren und Geldstrafen, Offenbach und Bielefeld bekamen die Lizenz entzogen. Erst als Anwälte den DFB wegen seiner teilweise selbstgerechten Urteile vor zivile Gerichte zerrten, wich der Verband von seiner harten Linie ab, begnadigte zahlreiche "Sünder" oder erteilte ihnen zumindest die Freigabe für das Ausland und zog letztlich einen Schlussstrich.

Der Schlusspfiff in der Affäre ertönte allerdings erst Ende 1977 im Meineid-Prozess gegen Klaus Fichtel. Wie die meisten Schalker hatte auch der spätere Bundesliga-Rekordspieler über Jahre jegliche Beteiligung geleugnet und seine Unschuld vor einem Zivilgericht sogar unter Eid beschworen. Die Gegenbeweise jedoch machten aus den nur knapp an Gefängnisstrafen vorbeigekommenen Schalker vorübergehend den "FC Meineid 04". Zum Zeitpunkt von Fichtels Verhandlung indes gehörten seine zuvor verurteilten Clubkollegen Klaus Fischer und Rolf Rüssmann schon zur deutschen Nationalmannschaft.

"Unwahrscheinlich, dass es neue Manipulationen geben wird"

Dass der Skandal völlig aufgeklärt ist, erscheint auch heute nicht nur wegen späterer Andeutungen des 1999 verstorbenen Canellas fraglich. Möglicherweise verhinderten auch Sorgen um die damals bevorstehenden Großereignisse Olympia 1972 in München sowie die 1974 in Deutschland ausgetragene Fußball-WM weitere Ermittlungserfolge.

Dennoch fiel Kindermanns Fazit rückblickend positiv aus: "Bestechungsversuche sind eine Phase in der Entwicklung des bezahlten Fußballs. Damals bedeuteten sie zweifellos eine große Gefahr für den jungen Professionalismus. Das Überwinden des Skandals macht es unwahrscheinlich, dass es neue Manipulationen geben wird."

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