Historischer Sieg 1860 München - Bayern München 1:0

Völlig verdient haben die Münchner Löwen ihren ersten Sieg über den Rivalen von der Säbener Strasse seit 1977 errungen. Die Bayern können von Glück sagen, dass es nur bei dem einzigen Gegentor gebleiben ist.


München - 22 Jahre mussten die "Löwen" auf den Tag der Abrechnung warten, entsprechend feierten sie den Sieg im 190. und letzten Münchner Derby des Jahrtausends wie ein Jahrhundertereignis. "Heute hat auch der große FC Bayern gesehen, dass man mit einem Fünftel ihres Etats auch ganz guten Fußball spielen kann", jubelte Präsident Karl-Heinz Wildmoser nach dem 1:0 (0:0)-Erfolg des TSV 1860. Die Spieler tanzten nach dem Schlusspfiff minutenlang auf dem Rasen, auf den Rängen flossen Freudentränen, Torschütze Thomas Riedl (85.) wurde auf Schultern getragen und Trainer Werner Lorant vergaß angesichts der vorweihnachtlichen Bescherung sogar den Ärger über seine Sperre. Franz Beckenbauer, der 1860 nach dem letzten Derby noch ein weiteres Jahrhundert ohne Erfolgserlebnis prophezeit hatte, bekam von Wildmoser den Denkzettel sogar um die halbe Welt nach Neuseeland geschickt: "Da sieht man 'mal, wie schnell 100 Jahre um sind."

Schütze des Goldenen Tores: Thomas Riedl (l.) lässt sich von Teamkameraden Stranzl und Tapalovic gratulieren
AP

Schütze des Goldenen Tores: Thomas Riedl (l.) lässt sich von Teamkameraden Stranzl und Tapalovic gratulieren

Beckenbauer, unterwegs in Sachen deutscher WM-Bewerbung für 2006, blieb wenigstens die blamable Darbietung seiner hoch bezahlten Angestellten erspart, die nach dem Schlusspfiff fluchtartig und möglichst kommentarlos den Tatort Olympiastadion verließen. Dabei konnten sie noch von Glück sagen, dank des Schusspechs der "Löwen" einem Debakel entgangen zu sein. "1860 hat hochverdient gewonnen. Wir können froh sein, dass wir nicht fünf oder sechs Gegentore gekriegt haben. Die Löwen haben uns vorgemacht, wie man in ein solches Spiel gehen muss", gab Ex-"Löwe" Jens Jeremies zu Protokoll.

Die Bayern agierten ohne Biss und Spielfreude, zweikampfschwach und ohne erkennbaren Siegeswillen. "Wir wollen Euch kämpfen sehen", skandierten die zahlreichen Bayern-Fans unter den 69.000 Zuschauern Mitte der zweiten Spielhälfte enttäuscht. Doch Leidenschaft zeigte nur der Gegner. Dennoch hielt sich bei Manager Uli Hoeneß der Frust in erstaunlichen Grenzen: "Wir haben am Mittwoch in Trondheim und letzten Samstag gegen Freiburg großartigen Fußball gespielt. Heute haben wir schwach gespielt - fertig, aus, Amen, basta!"

Die fehlende Spritzigkeit durch die Mehrbelastung mochte Trainer Ottmar Hitzfeld nicht als Entschuldigung gelten lassen: "Das wäre zu einfach." Auch das Fehlen von Matthäus, Elber, Lizarazu, Strunz und Babbel konnte nicht als Alibi herhalten. Das Derby steht viel mehr nicht mehr oben auf der Prioritätenliste. "Die Stadtmeisterschaft ist wichtig, aber der Gewinn der Champions League wäre für mich das Allerhöchste", bekannte Ministerpräsident Edmund Stoiber, seines Zeichens Chef des Verwaltungsbeirates des deutschen Meisters. Die Zeiten haben sich geändert: "Die Derbys haben nicht mehr so viel Bedeutung, weil es so viel Fußball gibt", meinte Stoiber.

Für die "Löwen" gilt das nicht. "Wir wollten nicht mit gesenktem, sondern auch einmal mit erhobenem Haupt durch die Stadt gehen", sagte Thomas Häßler, der das Duell der Spielmacher mit Stefan Effenberg, der die fünfte gelbe Karte sah und damit am kommenden Samstag gegen Borussia Dortmund gesperrt ist, um Längen gewann: "Für uns ist der Sieg eine Genugtuung", bekannte Häßler. An ihrer mangelhaften Chancenverwertung wären die "Löwen" jedoch fast verzweifelt. Agostino (26./29) und Vanenburg (27.) trafen vor der Pause drei Mal die Latte, Tapalovic verfehlte selbst das leere Tor (64.). "Wenn sie das Spiel verloren hätten, hätte ich an der göttlichen Gerechtigkeit gezweifelt", sagte Ex-Finanzminister und "Löwen"-Fan Theo Waigel.

Doch als alle schon mit dem ersten 0:0 in der 97-jährigen Derby-Geschichte rechneten, war Thomas Riedl, der wochenlang auf der Bank geschmort hatte, mit dem "Goldenen Schuss" "ur Stelle (85.). "Ob ich nun in der Mannschaft bin, ist fraglich. Aber in den Geschichtsbüchern des Derbys bin ich drin", freute sich der Ex-Lauterer nach seinem ersten Tor für 1860. "Er hat seine Chance eindrucksvoll genutzt", befand Lorant, der den Festtag auf der Tribüne verleben musste. Ruhm und Ehre gebührten seinem Co-Trainer. Peter Pacult feierte nach drei Niederlagen in seinem vierten Spiel als "Chef" endlich den ersten Sieg und avancierte zum erfolgreichen Bayern-Jäger. Diesen Triumph genoss der Österreicher jedoch still und leise: "Dass es mir gelungen ist, ist eigentlich nebensächlich."



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