Hitzfeld über Bayern-Abwehr: "Die Spieler haben Jupps defensive Denke verinnerlicht"

Von und

Sieben Gegentore in 19 Saisonspielen: Der FC Bayern könnte den historischen Bundesliga-Rekord für die beste Abwehr knacken. Den hat Ottmar Hitzfeld 2008 aufgestellt - mit dem FC Bayern. Bei SPIEGEL ONLINE erklärt der Erfolgstrainer das Geheimrezept seines Kollegen Jupp Heynckes.

Erfolgstrainer Hitzfeld, Heynckes: "Das Wichtigste ist das Gegenpressing" Zur Großansicht
dapd

Erfolgstrainer Hitzfeld, Heynckes: "Das Wichtigste ist das Gegenpressing"

Er konnte sein Glück kaum fassen. Als Bayerns Innenverteidiger Dante vergangene Woche erstmals in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft berufen wurde, war die Freude riesig. "Die WM in Brasilien ist mein Traum", schwärmte der 29-Jährige, um dann wie auf Knopfdruck wieder in den professionellen Modus umzuschalten: "Aber jetzt heißt es: hart arbeiten und die Gelegenheit nutzen."

Tatsächlich ist Dantes Nominierung die Belohnung für harte Arbeit. Gemeinsam mit seinen Verteidigerkollegen beim FC Bayern ließ der ehemalige Gladbacher in dieser Saison erst sieben Gegentreffer in 19 Spielen zu. Damit sind die Bayern dabei, ihren eigenen Bundesliga-Rekord zu knacken. In der Saison 2007/2008 kassierte die Defensive um die Innenverteidiger Martín Demichelis und Lúcio nur 21 Gegentore.

Ihr damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld schwärmt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von Dante: "Er ist ein sehr wichtiger Faktor. Er hat der Abwehr Stabilität verliehen, weil er sehr zweikampfstark ist und ein gutes Stellungsspiel hat." Dante sei zwar nicht der Schnellste, "hat aber eine hohe Spielintelligenz, kann die Abwehr organisieren, kann Fehler seiner Teamkollegen ausbügeln, weil er gut antizipiert".

Fotostrecke

8  Bilder
Dante und Co.: Bayerns Abwehr in Zahlen

Hitzfeld erinnert sich gerne an seine Rekordsaison: "Die Grundvoraussetzungen sind immer vom Teamgeist geprägt, von der totalen Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen." Und gerade weil Spieler lieber mit dem Ball spielten als gegen ihn, sei es umso wichtiger für den Trainer, dass er die Notwendigkeit hingebungsvoller Abwehrarbeit in die Köpfe der Spieler bekomme, so Hitzfeld. Genau dies habe sein Kollege Jupp Heynckes den aktuellen Stars des FC Bayern nach der titellosen Vorsaison mit der dramatischen Niederlage im Champions-League-Endspiel erfolgreich vermittelt.

Die Folgen sind teilweise phänomenale Abwehr-Werte, die Ottmar Hitzfeld exklusiv für SPIEGEL ONLINE analysiert:

Keine Gegentore nach Kontern

Konter-Gegentore: Bayern mit 0 an der Spitze, Schlusslicht Stuttgart mit 11 Zur Großansicht
IMPIRE

Konter-Gegentore: Bayern mit 0 an der Spitze, Schlusslicht Stuttgart mit 11

Hitzfeld: Das Wichtigste ist das Gegenpressing, das schnelle Umschalten. Bei Ballverlust sofort durchlaufen, Druck auf den Gegenspieler aufbauen, damit dieser nicht präzise nach vorne spielen kann. Das ist das eine. Das andere: Im Abwehrzentrum müssen die beiden Innenverteidiger gestaffelt stehen. Einer orientiert sich mehr an einem Gegner, der andere sichert ab. Aber natürlich ist das meiste getan, wenn man den Ball gar nicht erst verliert. Das ist ja auch eine Stärke der Bayern, der Ballbesitz, um den Gegner müde zu spielen. Damit dem die Präzision in den Offensivaktionen fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Viel Ballbesitz ist in München ein bisschen negativ besetzt - wegen Louis van Gaal.

Hitzfeld: Louis van Gaal hat das bei den Bayern sehr gut eingeführt, aber sie haben zu sehr in die Breite gespielt. Jupp Heynckes ist eher ein Trainer, der flexibel agiert, der auch mal schnelle Konter spielen lässt und Spielverlagerungen trainiert, nach denen man oft den Raum auf der Seite hat, um ins Eins gegen Eins zu gehen.

Keine Gegentore nach Flanken

Gegentore nach Flanken: Bayern ohne an der Spitze, F95 mit 11 ganz unten Zur Großansicht
IMPIRE

Gegentore nach Flanken: Bayern ohne an der Spitze, F95 mit 11 ganz unten

Hitzfeld: Diese Statistik steht dafür, dass Bayern dem Gegner wenig Raum auf der Seite lässt. Die Außenspieler des Gegners werden immer sehr schnell unter Druck gesetzt, damit ihnen die Zeit fehlt, präzise zu flanken. Bayerns Außenverteidiger sind defensiv gut geschult. David Alaba war ein absoluter Glücksgriff von Heynckes, weil Alaba viel taktisches Verständnis mitbringt. Zudem ist er eine gute Ergänzung zu Franck Ribéry, weil er eine ebenso hohe Laufintensität zeigt. Über Philipp Lahm brauchen wir nicht zu diskutieren. Neben seiner Erfahrung zeichnet ihn hervorragendes Stellungsspiel aus, zudem ist er sehr diszipliniert.

Bayerns Gegner nur 31-mal im Abseits

Gegner im Abseits: 78 Mal rannten Frankfurts Gegner ins Abseits, die der Bayern 31 Mal Zur Großansicht
IMPIRE

Gegner im Abseits: 78 Mal rannten Frankfurts Gegner ins Abseits, die der Bayern 31 Mal

Hitzfeld: Die Abseitsfalle ist ein taktisches Mittel für schwächere gegen stärkere Mannschaften. Es taugt sehr gut als psychologischer Kniff, um den Gegner nervös zu machen. Aber ein Favorit sollte möglichst wenig auf Abseits spielen, das ist zu unberechenbar.

Vier von sieben Gegentoren nach Standards

Gegentore nach Standards: Hier führt der 1. FCN mit nur 3 Toren vor dem FCB mit 4 Zur Großansicht
IMPIRE

Gegentore nach Standards: Hier führt der 1. FCN mit nur 3 Toren vor dem FCB mit 4

SPIEGEL ONLINE: In einer Kategorie ist der FCB allerdings das Schlusslicht der Liga: Beim prozentualen Anteil der Gegentore durch Standards. Offenbar hat der Gegner keine andere Chance, zum Torerfolg zu kommen - außer durch den ruhenden Ball.

Hitzfeld: Das ist immer die größte Chance für schwächere Mannschaften, zu einem Torerfolg zu kommen - und fast alle sind ja schwächer als Bayern. So kann man gegen jedes Team der Welt erfolgreich sein. Das ist sicher auch psychologisch bedingt, dass sich der Gegner mitunter ausschließlich darauf konzentriert, Standardsituationen zu trainieren, um so die Sensation zu schaffen. Das Vermeiden von unnötigen Fouls in Tornähe ist da das Rezept für den Favoriten.

SPIEGEL ONLINE: Drei der sieben Gegentore in dieser Saison fielen aus dem Spiel heraus. Liegt das an einer an sich schon defensiveren Grundordnung der Bayern in dieser Saison?

Hitzfeld: Die Bayern haben sich besser organisiert, weil jeder einzelne Spieler im Kopf den Schalter umgelegt und diese Mentalität entwickelt hat. Man weiß ja genau, man muss Titel holen. Das zeigt sich auch in der Bereitschaft, mehr zu tun, auch in der Defensive, im Spiel gegen den Ball.

Nur sieben Gegentore insgesamt

Gegentore: Bayern mit 7 einsamer Spitzenreiter, Hoffenheim mit 43 Schlusslicht Zur Großansicht
IMPIRE

Gegentore: Bayern mit 7 einsamer Spitzenreiter, Hoffenheim mit 43 Schlusslicht

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn nun das Geheimnis der Bayern-Defensive?

Hitzfeld: Jupp Heynckes hat es geschafft, dass jeder Spieler defensiver denkt. Sie haben ganz offensichtlich verinnerlicht, dass die Abwehr schon bei den Offensivakteuren beginnen und jeder auf dem Platz nach Ballverlust sofort ins Gegenpressing übergehen muss. Heynckes hat die Spieler überzeugt, dass es auch Spaß machen kann, dem Gegner den Ball sofort wieder abzujagen, wie das ja Barcelona vorbildlich immer geschafft hat. Daran orientiert sich Bayern, aber auch Dortmund. Gerade Franck Ribéry versprüht richtig Energie, wenn er ins Gegenpressing geht, auch Arjen Robben hat sich stark verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Grundsätzlich ist es ja so, dass Spieler nicht so gern verteidigen. Jetzt scheint es, als seien die Bayernprofis regelrecht heiß darauf, kein Gegentor zu kassieren.

Hitzfeld: Wenige Gegentore bedeuten wenige negative Erlebnisse und das setzt dann Kräfte frei. Man wird stärker im Kopf, das Selbstbewusstsein steigt, je weniger Gegentore man kassiert. Die Defensivspieler glauben an sich, ans System. Das muss man sich hart erarbeiten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Xentres 01.02.2013
“Offense wins games, defense wins championsships.“ - Wir Bayern-Fans mussten das ja auch schon mehrfach erleben, vor allem in der CL. Man kann mit dem bisherigen Saisonverlauf nur zufrieden sein, aber jetzt wirds Ernst.
2.
WhereIsMyMoney 01.02.2013
Nichtsdestotrotz, der Ausfall Badstubers wird ihnen weh tun. Van Buyten ist zu langsam und Boateng zu ungestüm. Dante spielt allerdings eine hervorragende Saison. Die wenigen Gegentore bis jetzt sagen wenig aus, die Bayern kontrollieren ja das Spiel mit Kroos, Schweinsteiger und Martinez. Da ist die Abwehr nicht wirklich gefordert. Die werden gefordert werden, wenn es gegen Barca, Dortmund oder Real geht. Und ich bin mir absolut sicher, dass Heynckes ruhiger schlafen würde, wenn er das Duo Badstuber-Dante aufstellen könnte.
3.
Greg84 01.02.2013
Zitat von WhereIsMyMoneyNichtsdestotrotz, der Ausfall Badstubers wird ihnen weh tun. Van Buyten ist zu langsam und Boateng zu ungestüm. Dante spielt allerdings eine hervorragende Saison. Die wenigen Gegentore bis jetzt sagen wenig aus, die Bayern kontrollieren ja das Spiel mit Kroos, Schweinsteiger und Martinez. Da ist die Abwehr nicht wirklich gefordert. Die werden gefordert werden, wenn es gegen Barca, Dortmund oder Real geht. Und ich bin mir absolut sicher, dass Heynckes ruhiger schlafen würde, wenn er das Duo Badstuber-Dante aufstellen könnte.
Naja, dann kann man aus den wenigen Gegentoren doch immerhin schließen, dass die Bayern schon im Mittelfeld sehr stark sind. Das waren sie auch gegen Dortmund. Der Fehler vor dem Tor hatte auch wenig mit den eigentlichen Abwehrspielern zu tun, es stand eben nur einer am 16er, im Normalfall hätten es zwei sein müssen. Ansonsten kam Dortmund nun auch nicht gerade zu massenhaft Chancen.
4. Och nee
doc_dawson 01.02.2013
Lieber Greg, ist es der Beißreflex, Dortmund klein reden zu müssen, oder worum geht es hier? Fakt ist, das 1:1 war leistungsgerecht - beide hatten Chancen das Spiel für sich zu entscheiden. Worum es hier geht ist der hervorragende Defensivverbund der Bayern, der klappt diese Saison sehr gut. Warum? Weil die Doppelsechs endlich funktioniert und anfangs Gustavo und mittlerweile auch Martinez immer mehr das taktisch wichtige Abkippen lernen und Schweinsteiger den Rücken freihalten. Dazu kann Osram die AV weiter hoch ziehen, was den meisten Bundesligisten extreme Probleme bereitet. Was meinst du wie Dortmund Meister geworden ist? Richtig - genau so. Gegen das moderen 4-2-3-1 ist das mit das effektivste Mittel in Verbund mit abkippenden Sechsern. Und daher werden dieses Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach die Bayern genau so Meister
5. Bis zur nächsten ...
rvb 01.02.2013
Zitat von sysopSieben Gegentore in 19 Saisonspielen: Der FC Bayern könnte den historischen Bundesliga-Rekord für die beste Abwehr knacken.
Die Fans aller anderen Mannschaften freuen sich selbstverständlich enorm, Woche für Woche erzählt zu bekommen, wie unendlich überlegen, phänomenal etc. der FC Bayern doch wieder einmal ist. Wenns nach den meisten deutschen Sportreportern ginge hätte der FCB in den letzten sechs Jahren mindestens 12 mal die Championsleaque und alle bedeutenden nationalen Ligen gleich mit gewonnen. Warten wir doch mal auf die nächste Altherrenmanschaft, die leider vor dem Spiel nicht die deutsche Sportpresse gelesen hat ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Fußball-Bundesliga
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Person
  • DPA
    Ottmar Hitzfeld, 64, ist Trainer der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft. Er wuchs in Lörrach an der Schweizer Grenze auf und verbrachte den Großteil seiner aktiven Karriere bei eidgenössischen Clubs. Als Vereins-Trainer gewann er zwei Schweizer Meisterschaften und wurde siebenmal Deutscher Meister. 1997 gewann er mit Borussia Dortmund die Champions League, vier Jahre später mit dem FC Bayern München.

Fotostrecke
Prunkstück Abwehr: Bayerns sensationelle Statistiken


Themenseiten Fußball
Tabellen