Von Christian Gödecke und Mike Glindmeier
Er konnte sein Glück kaum fassen. Als Bayerns Innenverteidiger Dante vergangene Woche erstmals in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft berufen wurde, war die Freude riesig. "Die WM in Brasilien ist mein Traum", schwärmte der 29-Jährige, um dann wie auf Knopfdruck wieder in den professionellen Modus umzuschalten: "Aber jetzt heißt es: hart arbeiten und die Gelegenheit nutzen."
Tatsächlich ist Dantes Nominierung die Belohnung für harte Arbeit. Gemeinsam mit seinen Verteidigerkollegen beim FC Bayern ließ der ehemalige Gladbacher in dieser Saison erst sieben Gegentreffer in 19 Spielen zu. Damit sind die Bayern dabei, ihren eigenen Bundesliga-Rekord zu knacken. In der Saison 2007/2008 kassierte die Defensive um die Innenverteidiger Martín Demichelis und Lúcio nur 21 Gegentore.
Ihr damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld schwärmt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE von Dante: "Er ist ein sehr wichtiger Faktor. Er hat der Abwehr Stabilität verliehen, weil er sehr zweikampfstark ist und ein gutes Stellungsspiel hat." Dante sei zwar nicht der Schnellste, "hat aber eine hohe Spielintelligenz, kann die Abwehr organisieren, kann Fehler seiner Teamkollegen ausbügeln, weil er gut antizipiert".
Hitzfeld erinnert sich gerne an seine Rekordsaison: "Die Grundvoraussetzungen sind immer vom Teamgeist geprägt, von der totalen Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen." Und gerade weil Spieler lieber mit dem Ball spielten als gegen ihn, sei es umso wichtiger für den Trainer, dass er die Notwendigkeit hingebungsvoller Abwehrarbeit in die Köpfe der Spieler bekomme, so Hitzfeld. Genau dies habe sein Kollege Jupp Heynckes den aktuellen Stars des FC Bayern nach der titellosen Vorsaison mit der dramatischen Niederlage im Champions-League-Endspiel erfolgreich vermittelt.
Die Folgen sind teilweise phänomenale Abwehr-Werte, die Ottmar Hitzfeld exklusiv für SPIEGEL ONLINE analysiert:
Keine Gegentore nach Kontern
Hitzfeld: Das Wichtigste ist das Gegenpressing, das schnelle Umschalten. Bei Ballverlust sofort durchlaufen, Druck auf den Gegenspieler aufbauen, damit dieser nicht präzise nach vorne spielen kann. Das ist das eine. Das andere: Im Abwehrzentrum müssen die beiden Innenverteidiger gestaffelt stehen. Einer orientiert sich mehr an einem Gegner, der andere sichert ab. Aber natürlich ist das meiste getan, wenn man den Ball gar nicht erst verliert. Das ist ja auch eine Stärke der Bayern, der Ballbesitz, um den Gegner müde zu spielen. Damit dem die Präzision in den Offensivaktionen fehlt.
SPIEGEL ONLINE: Viel Ballbesitz ist in München ein bisschen negativ besetzt - wegen Louis van Gaal.
Hitzfeld: Louis van Gaal hat das bei den Bayern sehr gut eingeführt, aber sie haben zu sehr in die Breite gespielt. Jupp Heynckes ist eher ein Trainer, der flexibel agiert, der auch mal schnelle Konter spielen lässt und Spielverlagerungen trainiert, nach denen man oft den Raum auf der Seite hat, um ins Eins gegen Eins zu gehen.
Keine Gegentore nach Flanken
Hitzfeld: Diese Statistik steht dafür, dass Bayern dem Gegner wenig Raum auf der Seite lässt. Die Außenspieler des Gegners werden immer sehr schnell unter Druck gesetzt, damit ihnen die Zeit fehlt, präzise zu flanken. Bayerns Außenverteidiger sind defensiv gut geschult. David Alaba war ein absoluter Glücksgriff von Heynckes, weil Alaba viel taktisches Verständnis mitbringt. Zudem ist er eine gute Ergänzung zu Franck Ribéry, weil er eine ebenso hohe Laufintensität zeigt. Über Philipp Lahm brauchen wir nicht zu diskutieren. Neben seiner Erfahrung zeichnet ihn hervorragendes Stellungsspiel aus, zudem ist er sehr diszipliniert.
Bayerns Gegner nur 31-mal im Abseits
Hitzfeld: Die Abseitsfalle ist ein taktisches Mittel für schwächere gegen stärkere Mannschaften. Es taugt sehr gut als psychologischer Kniff, um den Gegner nervös zu machen. Aber ein Favorit sollte möglichst wenig auf Abseits spielen, das ist zu unberechenbar.
Vier von sieben Gegentoren nach Standards
SPIEGEL ONLINE: In einer Kategorie ist der FCB allerdings das Schlusslicht der Liga: Beim prozentualen Anteil der Gegentore durch Standards. Offenbar hat der Gegner keine andere Chance, zum Torerfolg zu kommen - außer durch den ruhenden Ball.
Hitzfeld: Das ist immer die größte Chance für schwächere Mannschaften, zu einem Torerfolg zu kommen - und fast alle sind ja schwächer als Bayern. So kann man gegen jedes Team der Welt erfolgreich sein. Das ist sicher auch psychologisch bedingt, dass sich der Gegner mitunter ausschließlich darauf konzentriert, Standardsituationen zu trainieren, um so die Sensation zu schaffen. Das Vermeiden von unnötigen Fouls in Tornähe ist da das Rezept für den Favoriten.
SPIEGEL ONLINE: Drei der sieben Gegentore in dieser Saison fielen aus dem Spiel heraus. Liegt das an einer an sich schon defensiveren Grundordnung der Bayern in dieser Saison?
Hitzfeld: Die Bayern haben sich besser organisiert, weil jeder einzelne Spieler im Kopf den Schalter umgelegt und diese Mentalität entwickelt hat. Man weiß ja genau, man muss Titel holen. Das zeigt sich auch in der Bereitschaft, mehr zu tun, auch in der Defensive, im Spiel gegen den Ball.
Nur sieben Gegentore insgesamt
SPIEGEL ONLINE: Was ist denn nun das Geheimnis der Bayern-Defensive?
Hitzfeld: Jupp Heynckes hat es geschafft, dass jeder Spieler defensiver denkt. Sie haben ganz offensichtlich verinnerlicht, dass die Abwehr schon bei den Offensivakteuren beginnen und jeder auf dem Platz nach Ballverlust sofort ins Gegenpressing übergehen muss. Heynckes hat die Spieler überzeugt, dass es auch Spaß machen kann, dem Gegner den Ball sofort wieder abzujagen, wie das ja Barcelona vorbildlich immer geschafft hat. Daran orientiert sich Bayern, aber auch Dortmund. Gerade Franck Ribéry versprüht richtig Energie, wenn er ins Gegenpressing geht, auch Arjen Robben hat sich stark verbessert.
SPIEGEL ONLINE: Grundsätzlich ist es ja so, dass Spieler nicht so gern verteidigen. Jetzt scheint es, als seien die Bayernprofis regelrecht heiß darauf, kein Gegentor zu kassieren.
Hitzfeld: Wenige Gegentore bedeuten wenige negative Erlebnisse und das setzt dann Kräfte frei. Man wird stärker im Kopf, das Selbstbewusstsein steigt, je weniger Gegentore man kassiert. Die Defensivspieler glauben an sich, ans System. Das muss man sich hart erarbeiten.
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