Hitzlsperger-Interview: "Kontrastprogramm zu München"

In England wurde Thomas Hitzlsperger zum DFB-Nationalspieler. Jetzt erwägt der 22-Jährige, den der frühere Teamchef Rudi Völler nie nominiert hatte, eine Rückkehr nach Deutschland. Fehlen würde ihm dann allerdings die Fußball-Begeisterung auf der Insel, die der Profi von Aston Villa zu schätzen gelernt hat.

Nationalspieler Hitzlsperger (r.): "Klinsmanns Anruf war eine Bestätigung für meine Entscheidung, nach England zu gehen"
DDP

Nationalspieler Hitzlsperger (r.): "Klinsmanns Anruf war eine Bestätigung für meine Entscheidung, nach England zu gehen"

Frage:

Herr Hitzlsperger, bei Ihrem Wechsel 2000 von Bayern München zu Aston Villa werden Sie mit vielem gerechnet haben. Aber haben Sie geglaubt, dass es Schwierigkeiten mit Ihrem Namen geben würde?

Hitzlsperger: Inzwischen hat auch der Stadionsprecher den Namen drauf. Aber die vielen Konsonanten haben die Leute in Birmingham ziemlich lange verwirrt.

Frage: Sie haben elf Jahre in der Jugend des FC Bayern gespielt. Eigentlich ist es ja der Traum jedes jungen Fußballspielers, sich in München durchzusetzen. Sie sind dennoch mit 18 Jahren weggegangen. Warum?

Hitzlsperger: Weil die Perspektive fehlte. Ich wollte unbedingt spielen und Erfahrungen sammeln, doch bei den Profis hätte ich in absehbarer Zeit keine Chance bekommen. Deshalb habe ich mit den Verantwortlichen vereinbart, dass ich versuche, bei einem kleineren Verein Fuß zu fassen. Das Probetraining bei Aston Villa lief dann sehr gut und ich bekam schon bald ein Vertragsangebot.

Frage: Ohne Rückkehrrecht nach München?

Hitzlsperger: Ohne Rückkehrrecht. Das hätte auch nicht funktioniert, nach England zu gehen und sich die ganze Zeit eine kleine Münchner Hintertür aufzuhalten. Ich wollte mich bei Villa unbedingt durchsetzen.

Frage: Sie sind volljährig gewechselt, haben Sie dennoch von den Segnungen der gerühmten englischen Nachwuchsförderung profitiert?

Hitzlsperger: Ich war sicher nicht das klassische Talent, das früh nach England geht, um sich dort in aller Ruhe ausbilden zu lassen. Von 18-jährigen Spielern erwartet man hier, dass sie sich durchbeißen. Aber ich habe von der engen Zusammenarbeit der Trainer und der Teams profitiert. Das war schon ein Kontrastprogramm zu München, wo die Profimannschaft in einer ganz anderen Welt lebt als der Nachwuchs. Ich hatte in meinen elf Jahren nicht einmal Kontakt zu den Stars. Das war hier völlig anders.

Frage: Mal Angst vor der eigenen Courage bekommen?

Hitzlsperger: Es war kein leichter Schritt für mich. Ich bin in einer Großfamilie mit sechs Geschwistern (fünf Brüder und eine Schwester, die Red.) sehr behütet aufgewachsen. München war meine Heimat. Dann den Schnitt zu machen und allein nach England zu gehen, war eine Zäsur in meinem Leben, ganz klar.

Frage: Sie haben nicht bei Gasteltern gewohnt wie viele jüngere Talente.

Hitzlsperger: Nein, meine Freundin ist ja mit nach Birmingham gekommen und wir haben ein Haus bezogen. Das war sehr hilfreich, wir konnten uns abends austauschen, das Abenteuer England haben wir zusammen bewältigt. Und weil meine Freundin in Birmingham studiert, haben wir auch schnell Leute jenseits des Fußballs kennengelernt.

Frage: Wie war es für Sie, als sie im Oktober 2001 an den unterklassigen Club Chesterfield ausgeliehen wurden?

Hitzlsperger: Als das Ausleihgeschäft anstand, habe ich schon ein bisschen geschluckt. Ich wollte mich bei Villa durchsetzen und sollte hinunter in die Second Division (die dritte Liga, die Red.). Im Nachhinein war die Entscheidung richtig, ich habe in Chesterfield Spielpraxis gesammelt und unter dem neuen Trainer Graham Taylor auch bei Aston Villa wieder eine Chance bekommen.

Villa-Profi Hitzlsperger (Mitte): "Man muss schon besonders auffallen, um in Deutschland wahrgenommen zu werden"
DPA

Villa-Profi Hitzlsperger (Mitte): "Man muss schon besonders auffallen, um in Deutschland wahrgenommen zu werden"

Frage: Also auch von Ihnen ein klares Votum für eine flexible Ausleihpraxis?

Hitzlsperger: Auf jeden Fall. Bevor Talente auf der Bank versauern oder nur in der Reserve kicken, ist es viel sinnvoller, ihnen Wettkampfpraxis zu verschaffen. Der Weg zurück in den Stammverein wird dadurch ja nicht verbaut.

Frage: Was hat Sie in den vier Jahren bei Aston Villa besonders beeindruckt?

Hitzlsperger: Die Ernsthaftigkeit, mit der die Leute hier den Fußball behandeln, wie wichtig er für sie ist. Daran muss man sich erst gewöhnen, etwa wenn es um die Rivalität zwischen Aston Villa und Birmingham City geht. Das ist wirklich kein Vergleich zum Verhältnis etwa der Bayern und Löwen in München.

Frage: Sie wurden von Jürgen Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler geflissentlich ignoriert. Er hielt offenkundig nicht so viel von der Premier League.

Hitzlsperger: Ich hatte vor der Euro 2004 ein klein wenig spekuliert und war schon ein bisschen enttäuscht, dass ich so gar keine Chance bekommen habe. Aber als klar wurde, dass Klinsmann neuer Bundestrainer werden würde, hat mich das gefreut. Weil er ja schon selbst in der Premier League gespielt hat und weiß, auf welchem Niveau hier gekickt wird. Für mich war Klinsmanns Anruf eine Bestätigung für meine Entscheidung, nach England zu gehen.

Frage: Brauchen die Fans hierzulande auch länger, um zu begreifen, welche Klasse die deutschen Spieler in England haben?

Hitzlsperger: Man muss schon besonders auffallen, um in Deutschland wahrgenommen zu werden. Unsere Gesichter sind sicher nicht so bekannt wie die junger Spieler, die bei Borussia Dortmund oder Hertha BSC den Durchbruch geschafft haben.

Frage: Das dürfte sich ändern, wenn Sie regelmäßig Länderspiele bestreiten. Wie verliefen Ihre ersten Gehversuche in der Nationalmannschaft?

Hitzlsperger: Ich bin sehr positiv aufgenommen worden. Die Nationalelf befindet sich ohnehin im Umbruch und Aufbruch. Die Kameradschaft in der Truppe ist derzeit sehr gut. Aber ich bewerte das nicht über, die Stimmung wird sicher auch mal schlechter sein. Aber ganz prinzipiell gilt: Wenn man ganz natürlich und freundlich ist und keine dummen Sprüche klopft, gibt es keine Probleme.

Frage: Mittlerweile ist auch nach Deutschland durchgedrungen, dass Ihr Vertrag bei Aston Villa im Sommer ausläuft. Seither vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neuer Verein aus der Bundesliga sein Interesse bekundet. Wollen Sie zurück?

Hitzlsperger: Ich lasse das auf mich zukommen. Klar ist, dass ich mit Aston Villa sprechen werde, ich schließe eine Rückkehr in die Bundesliga aber auch nicht aus. Wichtig ist für mich, dass ich spiele und das ich mich weiterentwickle. Die WM 2006 bleibt natürlich ein großes Ziel.

Frage: Die Freundin käme trotz des Studiums in Birmingham klaglos mit?

Hitzlsperger: Der Sport hat für mich Vorrang. Das bekämen wir schon hin. Aber das sind, wie gesagt, ungelegte Eier.

Das Interview führten Philipp Köster und Trevor Wilson

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