Hoffenheim-Trainer Gisdol: Der Fußball-Entwickler

Von

Trainer Gisdol: "Das ist unser Fußball" Zur Großansicht
DPA

Trainer Gisdol: "Das ist unser Fußball"

"Wir waren eigentlich schon tot", sagt Markus Gisdol. Überlebt, also die Klasse gehalten, hat 1899 Hoffenheim trotzdem. Für den Club geht eine Chaos-Saison glimpflich zu Ende, dank des vierten Trainers innerhalb eines Jahres. Wer ist Hoffenheims Lebensretter?

Als die freundliche Dame von der ARD Markus Gisdol kurz vor dem wichtigsten Fußballspiel der Vereinsgeschichte fragt, wie sein Team für die Relegationspartie in Kaiserslautern (2:1) zu motivieren sei, regt sich in Gisdols Gesicht - nichts. Nicht einmal die Augenbraue zuckt.

Motivieren müsse er gar nicht, sagte der Trainer von 1899 Hoffenheim. So fokussiert, wie man Hoffenheim in dieser Saison ganz selten sah. Oder erst, seit Gisdol im April den Job an der Seitenlinie übernahm. Ein Himmelfahrtskommando. Hoffenheim war längst zu einem Abziehbild seiner selbst geworden. Ein aufgeblähter Kader, keine erkennbare Spielidee, kein erkennbares Team. Das Resultat: Platz 17, 20 Punkte. Hoffenheim hoffnungslos.

Dann kam Gisdol. Der vierte Trainer in einer Saison. Freundlich formuliert: Hoffenheim probierte auf der Bank (fast) alles aus, erst die letzte Lösung, Gisdol, funktionierte: "Wir waren eigentlich schon tot." Überlebt hat der Club trotzdem. Wie? Gisdol lässt agieren, trotz Abstiegskampf. Attraktiv, schnell nach vorne, so soll es gehen. Und so geht es.

Bierdusche für Gisdol: "Wir wissen, was er will" Zur Großansicht
DPA

Bierdusche für Gisdol: "Wir wissen, was er will"

3:0 gegen Düsseldorf. 2:2 in Wolfsburg, 2:1 gegen Nürnberg. Am letzten Spieltag die umjubelte Rettung durch ein unerwartetes 2:1 gegen Champions-League-Finalist Dortmund. Und in der Relegation zwei souveräne Siege gegen Kaiserslautern (3:1, 2:1). Und nun?

Als Feuerwehrmann sieht sich Gisdol nicht. Im Gegenteil. Er, der den Verein in nur acht Wochen spürbar geerdet hat, taugt offenbar für die dringend nötige Kurskorrektur. Im "Kölner Stadt-Anzeiger" spricht Gisdol von Demut und Bescheidenheit. Es spricht vieles dafür, dass er Hoffenheim jene Identität zurückgeben möchte, die der Club schon einmal zu haben schien, unter Ralf Rangnick. Damals, als man als Aufsteiger mit jungen, weitgehend unbekannten Spielern so furios in die Liga gestartet war. Man schrieb das Jahr 2008.

Gisdol war Rangnicks Co-Trainer, auch nach dessen Wechsel zu Schalke 04. Und die Einflüsse des heutigen Sportdirektors von RB Leipzig und RB Salzburg sind unverkennbar. Sogar die Vita ähnelt sich, beide waren keine großen Profis. Der 43-jährige Gisdol kickte in Geislingen, Reutlingen und Pforzheim. Mehr als Oberliga war nicht. Im Alter von 27 Jahren beendete Gisdol wegen einer schweren Knieverletzung seine Spielerkarriere.

Fotostrecke

11  Bilder
Bundesliga-Relegation: Vestergaard zerstört Lauterns Hoffnung
Jetzt führt er Hoffenheim in die Zukunft. Er sei ein "Fußball-Entwickler", sagte Gisdol der "Rhein-Neckar Zeitung". Erste Entwicklungshilfe hat er bereits geleistet:

  • Spielidee: Attackieren, den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen. So ließ Gisdol Hoffenheim spielen. "Selbstbewusst, immer nach vorne, den Gegner nicht spielen lassen", so beschreibt es Sebastian Rudy auf dfb.de. "Ich denke, wir reißen die Fans wieder mit. Das ist unser Fußball." Gisdol ist wie Rangnick ein Verfechter des schnellen Spiels nach vorne. Ballbesitz-Orgien à la Barcelona sind für ihn kein Richtwert, an dem man sich orientieren sollte, wie er der "Rheinpfalz" sagte.
  • Ansprache: Dass Spieler ihren (neuen) Trainer loben, ist nicht ungewöhnlich. Gisdol hat es in einer prekären Situation und innerhalb kürzester Zeit dennoch geschafft, ein als schwierig verschrienes Team hinter sich zu bringen. "Markus Gisdol erreicht die Spieler. Wir wissen, was er will", sagte Sejad Salihovic der "Rhein-Neckar Zeitung".
  • Jugend: Im Relegationsrückspiel in Kaiserslautern nahm Gisdol Stefan Thesker, 22 Jahre jung, schon nach 30 Minuten vom Platz. Der Linksverteidiger wirkte unsicher. Noch an der Seitenlinie erklärte Gisdol Thesker seine Entscheidung, zeigte: Du bekommst deine nächste Chance. Neben Thesker feierten Andreas Ludwig (22 Jahre), Robin Szarka (21) und Niklas Süle (17) in der prekären Lage ihre Bundesliga-Debüts. Selbstzweck sieht anders aus.
  • Vertrauen: Mit Jannik Vestergaard und Roberto Firmino spielten ausgerechnet zwei Profis entscheidende Rollen in der Relegation, die zuvor bereits aussortiert schienen. "Ich habe versucht, gar nichts zu denken, und alles auf mich wirken zu lassen," sagte Gisdol in der "Rheinpfalz" über die ersten Trainingseinheiten mit dem Kader. Der Lohn: Firmino erzielte im Hinspiel zwei Tore, Vestergaard im Rückspiel den Siegtreffer.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nun
decebalus911 28.05.2013
Tradition hat sich halt durchgesetzt! Immerhin ist der Hoffenheimer Verein früher als Kaiserslautern gegründet worden :D
2. Gisdol, Rangnick:
digitus_medius 28.05.2013
Die richtige Mischung. Sind Schwaben und haben auf Schalke viel gelernt. Gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft! Weiter so!
3. Hat er ja toll gemacht...
vincentvega123 28.05.2013
...mit nem Europa-League-Kader gegen einen schwachen Zweitligisten zu gewinnen. Hut ab. Alleine das Mittelfeld dürfte soviel gekostet haben wie der komplette FCK-Kader.
4. Glück der Untüchtigen
altenmünster 28.05.2013
Jetzt macht man aus einem Glückspilz einen Helden. 2 Elfer gegen Dortmund in den Schlussminuten plus ein nicht gegebenes BVB-Tor hat rein gar nichts mit Leistung des Herrn G zu tun. Hopp sollte neuer Sponsor des BVB werden, aber wahrscheinlich ist er das längst. Nur dem BVB verdankt Herr Gisdol seinen tollen Ruhm
5. Nicht alles klein reden bzw. schreiben ...
rheinischerfrohsinn 28.05.2013
Hoffenheim hat eine Trendwende geschafft. Egal, wieviel Geld vorher in die Manschaft gesteckt wurde, nach der Verpflichtung von Gisdol gab es keine Verpflichtungen. Er und die Mannschaft verdienen den gleichen Respekt wie vor zwei Jahren Favre und Gladbach. Mit dem Rücken an der Wand gestanden, nichts lief. Dann noch in die Relegation gerettet und gegen eine Zweitligamannschaft gewonnen, die das Erfolgserlebnis Platz 3 hinter sich hat und ein aufputschendes Publikum hinter sich hat - das muss man erst einmal nachmachen, das ist allein mit Geld nicht zu erklären.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußballbundesliga
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Die bisherigen Relegationsspiele zur Bundesliga
Jahr Erstligist Zweitligist Ergebnis
1982 Bayer Leverkusen Kickers Offenbach 1:0/2:1
1983 FC Schalke 04 Bayer Uerdingen 1:3/1:1
1984 Eintracht Frankfurt MSV Duisburg 5:0/1:1
1985 Arminia Bielefeld 1. FC Saarbrücken 0:2/1:1
1986 Borussia Dortmund Fortuna Köln 0:2/3:1/8:0
1987 FC Homburg FC St. Pauli 3:1/1:2
1988 SV Waldhof Mannheim Darmstadt 98 2:3/2:1/5:4 i.E. (0:0)
1989 Eintracht Frankfurt 1. FC Saarbrücken 2:0/1:2
1990 VfL Bochum 1. FC Saarbrücken 1:0/1:1
1991 FC St. Pauli Stuttgarter Kickers 1:1/1:1/1:3
2009 Energie Cottbus 1. FC Nürnberg 0:3/0:2
2010 1. FC Nürnberg FC Augsburg 1:0/2:0
2011 Bor. Mönchengladbach VfL Bochum 1:0/1:1
2012 Hertha BSC Fortuna Düsseldorf 1:2/2:2
2013 1899 Hoffenheim 1. FC Kaiserslautern 3:1/2:1

Themenseiten Fußball

Tabellen