Abstiegskandidat Hoffenheim: Schluss mit Ex und Hopp

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dapd

1899 Hoffenheim ist zum Hire-and-fire-Betrieb verkommen. Jetzt hat es Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller erwischt. Doch ausgerechnet in der größten Abstiegsnot will der Verein auf Nachhaltigkeit setzen. Kann das gutgehen?

Sie wollen ein Zeichen setzen in Hoffenheim, wieder mal. Die TSG 1899 Hoffenheim hat sich von Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller getrennt, sechs Wochen vor Saisonende. Der Club liegt auf Platz 17, mit vier Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz. Vor fünf Monaten musste Trainer Markus Babbel gehen. Auf Platz 16.

Hoffenheim hat viele solche Zeichen gesetzt in den vergangenen Jahren, doch es gab selten ein sichtbares Ergebnis. Und ausgerechnet jetzt, wo sich der Club im freien Fall Richtung zweite Liga befindet, will er ein besonderes Zeichen setzen - und auf Nachhaltigkeit setzen: Der Club verpflichtet mit Markus Gisdol ein Trainertalent und keinen Feuerwehrmann und installiert dazu einen unaufälligen Sportmanager; beide sollen der TSG wieder eine Identität geben. Oder besser: die alte.

Nur die Älteren werden sich erinnern, dass die Sinsheimer mal als Gute-Laune-Club galten und mit spektakulär unbekümmerter Spielweise sogar Herbstmeister wurden. Dann gingen der Trainer Ralf Rangnick und der Manager Jan Schindelmeiser und mit ihnen der Erfolg. Trainer kamen und gingen, was blieb, war der Eindruck einer Vereinsführung ohne inneren Kompass, die Trainer und Manager im Stakkato-Rhythmus heuerte und feuerte - und einer Mannschaft, die mit dem Namen Chaostruppe noch euphemistisch umschrieben war.

Die Frage ist: Wie ernst meint es der Club jetzt?

In dieser Saison ist es besonders schlimm. Das Team ist keines, sondern eine völlig falsch zusammengestellte Ansammlung von Individualisten, die nach wie vor weder trainier- noch steuerbar scheint. Dazu kommt die Posse um Torwart Tim Wiese, der erst gegen alle Regeln der Vernunft verpflichtet wurde und dann, als er durch indiskutable Leistungen zum sportlichen Problem geworden war, abserviert wurde. Während seiner Suspendierung tanzte der Torhüter dem Club auf der Nase herum, suchte medial begleitet nach einem Haus in Bremen und wollte zu einem kolportierten Angebot eines Achtligisten "nichts sagen".

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1899 Hoffenheim: Zwei Jahre, sieben Trainer
Am Sonntag dann die Meldung: "Wiese zurück im Mannschaftstraining." Es habe "konstruktive Gespräche" gegeben. Muss man das verstehen? Aber so lief es eben bisher in Hoffenheim, das operative Geschäft. Wenn Zeichen gesetzt wurden, kamen dabei entweder Nebelbomben oder Irrlichter heraus.

Die Frage ist: Wie ernst meint es der Club jetzt? Es gibt Anzeichen, dass sich tatsächlich etwas ändern könnte.

Da ist zum einen der intelligente Alexander Rosen, von dem es heißt, er wolle in Hoffenheim ähnlich selten in der Öffentlichkeit auftreten wie Frank Baumann in Bremen oder der Leverkusener Michael Reschke. Rosen wirkte seit 2010 als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bei der TSG - keine schlechte Voraussetzung, um junge Spieler an die Profis heranzuführen.

Und da ist Markus Gisdol, der Rosen bei der zweiten Mannschaft trainierte und als einer gilt, der ein modernes Training macht und einen geschulten Blick für Talente hat. Der Mann, zu dessen Förderern neben Rangnick auch Nachwuchskoordinator Bernhard Peters zählt, dürfte, ähnlich wie Frank Kramer bei Greuther Fürth, ein Trainertyp sein, dem man einen kompletten Neuanfang in der zweiten Liga zutraut.

Hoffenheim sucht die alte Identität

Und eben die Rückkehr zu dem Konzept, das den Verein in den Anfangsjahren seines kometenhaften Aufstiegs eine eigene Identität verlieh. "Das Hauptaugenmerk", so wird Mäzen Dietmar Hopp in einer Pressemitteilung des Clubs zitiert, "liegt unabhängig vom Ausgang dieser Saison in einer vom Gedanken des Financial Fairplay geprägten Rückbesinnung. Wir wollen Talente integrieren, unseren Fans wieder attraktiven Fußball bieten, neue Zuschauer gewinnen und auf dem bewährten Weg wieder nach vorne kommen."

Verordnetes Ziel scheint nun wieder zu sein, hoffnungsvolle Talente aus dem eigenen Nachwuchs nach oben zu führen und das zerrissene Band zwischen dem Verein und den Fußballfreunden in der Region neu zu knüpfen. Es ist zu hören, dass der Einfluss der Spielerberater im Club sinken soll. Und schließlich: Die Meldung aus dem Meeting, in dem Andreas Müller von seiner Freistellung erfuhr, schaffte es nur um Minuten schneller zur "Bild"-Zeitung als die Pressemitteilung des Clubs. Zumindest die Kommunikation ist schon besser geworden.

Fast ist man geneigt, der TSG zu ihren Entscheidungen ausschließlich zu gratulieren. Aber das wäre zu einfach. Denn zuallererst ist die am Dienstag verkündete Entscheidung ein weiterer Beweis des Scheiterns. Gisdol war schon nach der Trennung von Markus Babbel ein ernsthafter Kandidat für dessen Nachfolge: Dietmar Hopp und Co. haben sich damals gegen dessen Verpflichtung entschieden. Und das, obwohl kein einziges Argument, das heute für Gisdol spricht, nicht bereits damals für ihn gesprochen hätte.

Am Freitag gegen Fortuna Düsseldorf (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat 1899 wohl die letzte Chance, den direkten Abstieg vielleicht doch noch irgendwie zu vermeiden. So oder so: Der Hopp-Club könnte einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben. Vielleicht zu spät. Doch das ist schon mehr, als man von diesem Verein bisher erwarten durfte.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Die letzte Chance...
dasOJO 02.04.2013
... am Freitag gegen Düsseldorf? Es werden noch sieben Spieltage gespielt, also noch 21 Punkte vergeben. Hoffenheim hat vier Punkte Rückstand auf Platz 16. Wie kann das Spiel am Freitag dann die letzten Chance sein? Oder folgen darauf dann die allerletzte Chance, dann die allerallerletzte und so weiter?
2.
Stäffelesrutscher 02.04.2013
Zitat von sysopdapd1899 Hoffenheim ist zum Hire-und-Fire-Betrieb verkommen. Jetzt hat es Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller erwischt. Doch ausgerechnet in der größten Abstiegsnot will der Verein auf Nachhaltigkeit setzen. Kann das gut gehen? http://www.spiegel.de/sport/fussball/hoffenheim-trennung-von-mueller-und-kurz-gisdol-kommt-a-892070.html
Zwischen dem »wurden« und dem »Dann« lag aber der Kreuzbandriss des überragenden Torjägers Vedad Ibišević nach einer »Begegnung« mit einem HSV-Spieler in einem Freundschaftsspiel und zwei volle Jahre (bei Rangnick) bzw. anderthalb Jahre (bei Schindelmeiser). Keiner weiß, wie es mit den Sinsheimern weitergegangen wäre, wenn das mit Boateng nicht gewesen wäre.
3. Hört doch bitte mit dieser Mär auf..
mauritsi 02.04.2013
"Verordnetes Ziel scheint nun wieder zu sein, hoffnungsvolle Talente aus dem eigenen Nachwuchs nach oben zu führen und das zerrissene Band zwischen dem Verein und den Fußball-Freunden in der Region neu zu knüpfen." Die tolle Nachwuchsabteilung dieses Traditionsvereins hat es doch nie gegeben. In der ersten Bundesligasaison war Marco Terrazzino mit 11 Einsätzen der aktivste, der aus der Hoffenheimer Jugend entstammt. Der Rest der "Spieler aus der Region" wurde aus der A-Jugend der Stuttgarter rausgekauft, etwa Jaissle, Beck oder Weis...
4. @maurutsi
ovoso 02.04.2013
Und die jugendspieler die sie haben laufen ihnen von waldhof mannheim zu. Die sinsheimer region bietet einfach nicht genügend nachwuchs um es mit eigenen talenten zu schaffen. Finde es schade dass eben solche retorten vereine bundesligaplätze wegnehmen die ansonsten köln lautern berlin bochum etc einnehmen könnten ...
5. Identität
lc2010 02.04.2013
*"beide sollen der TSG wieder eine Identität geben. Oder besser: die alte." Absolut, die alte Identität als Dorfverein, der in der Bezirksliga spielt, sollte das Ziel sein, ein schönes Stadion dazu ist ja vorhanden.
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Hoffenheims Bundesliga-Trainer
Trainer Amtszeit
Ralf Rangnick 07/2008-01/2011
Marco Pezzaiuoli 01/2011-06/2011
Holger Stanislawski 07/2011-02/2012
Markus Babbel 02/2012-12/2012
Frank Kramer 12/2012
Marco Kurz 12/2012-04/2013
Markus Gisdol seit 04/2013

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